Gesprächsangebot an alle: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will über gemeinsame Werte reden. (Foto: dpa/Andreas Gebert)
Kreuz-Debatte

Miteinander reden statt übereinander

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will einen runden Tisch zu Werten, Kultur und Identität Bayerns einrichten. Dort soll mit Vertretern aus Kirchen, Wissenschaft, Brauchtum und Kultur darüber diskutiert werden, was ein Land zusammenbringt.

Nach der Debatte um das Aufhängen von Kreuzen im Eingangsbereich bayerischer Behörden plant Bayerns Ministerpräsident Markus Söder nun einen Runden Tisch zu Werten, Kultur und Identität des Landes. „Natürlich haben wir eine klare Haltung, aber wir sind offen für das Gespräch“, sagte Söder der dpa in München.

Was bringt ein Land zusammen?

„Das soll mit einem großen Runden Tisch erfolgen, der sich über einen längeren Zeitraum austauscht.“ Dazu einladen will Söder Vertreter der beiden großen Kirchen; er denkt aber auch an Vertreter anderer Religionsgemeinschaften, etwa der jüdischen Gemeinden, sowie an Vertreter aus der Wissenschaft, von Brauchtum und Kultur. „Ausdrücklich soll es auch ein Gesprächsangebot an Kritiker sein.“

Uns ist wichtig, dass wir mehr miteinander reden anstatt nur übereinander.

Markus Söder

Söder betonte: „Uns ist wichtig, dass wir mehr miteinander reden anstatt nur übereinander. Das ist ein Angebot einer Diskussion über Selbstvergewisserung: Was bringt ein Land zusammen?“ Weiter kündigte der Ministerpräsident an: „Wir wollen über unsere Identität reden, und zwar integrativ, einladend und nicht ausgrenzend. Wir wollen offen intellektuell und emotional diskutieren.“

Losgehen soll es nach den Pfingstferien mit ungefähr 20 bis 30 Teilnehmern. Nach dem ersten Runden Tisch soll es voraussichtlich einzelne Gesprächskreise geben. „Wir wollen keinen klassischen Gipfel mit formalen Positionen, sondern einen offenen Austausch, mit persönlichen Wertungen und Empfindungen“, erklärte Söder. „Es geht um das offene Wort – und Zuhören. Für mich ist auch wichtig zuzuhören.“

Verschiedene Meinungen

Von den beiden großen Kirchen will Söder möglicherweise mehrere Vertreter einladen. „Denn erkennbarerweise gibt es auch innerhalb der Kirchen unterschiedliche Strömungen„, erklärte er. Damit nahm er Bezug auf die Kritik etlicher Kirchenvertreter am Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Dieser hatte nach dem Kreuz-Beschluss in der Süddeutschen Zeitung von „Spaltung, Unruhe, Gegeneinander“ gesprochen, den diese Entscheidung „bis in die Familien und Pfarreien“ getragen habe. Marx hatte zudem eine Debatte über die Botschaft des Kreuzes gefordert – die allerdings erst durch Söders Vorstoß möglich wurde.

Sichtbar an die Botschaft des Kreuzes erinnert zu werden, ist nicht nur zumutbar, sondern auch hilfreich.

Georg Gänswein, Papst-Sekretär

Kritik an den Äußerungen von Marx brachte neben mehreren katholischen und evangelischen Bischöfen aktuell auch der Papst-Sekretär und Kurienerzbischof Georg Gänswein im Magazin Stern zum Ausdruck. Gänswein: „Das hat der Erzbischof von München und Freising in einer ersten wenig erleuchteten Wortmeldung von sich gegeben. Inzwischen ist er mächtig zurückgerudert (…).“ Der Präfekt des Päpstlichen Hauses lobte Söders Kreuz-Erlass: „Ich begrüße die Entscheidung, das Kruzifix auch im öffentlichen Raum präsent zu halten, auch und gerade dort, wo politische und administrative Verantwortung für das Gemeinwesen wahrgenommen wird. Sichtbar an die Botschaft des Kreuzes erinnert zu werden, ist nicht nur zumutbar, sondern auch hilfreich – auch für jene die diesen Glauben nicht teilen.“ Das Kreuz erinnere alle Staatsbediensteten an ihre Verantwortung, der Würde und Freiheit des Menschen zu dienen. „Am Kreuz hängt der Grund unserer Menschenrechte, und es bewahrt den Staat vor der Versuchung, sich totalitär des Menschen zu bemächtigen“, so Gänswein.

Mehrheit der Bayern steht hinter Kreuz-Beschluss

Der Nuntius des Vatikans in Österreich, Erzbischof Peter Zurbriggen, war noch deutlicher geworden: „Als Nuntius und Vertreter des Heiligen Vaters bin ich schon traurig und beschämt, dass wenn in einem Nachbarland Kreuze errichtet werden, ausgerechnet Bischöfe und Priester kritisieren müssen. Das ist eine Schande, das darf man nicht annehmen.“ Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sagte: „Ausdrücklich begrüße ich es, wenn in öffentlichen Einrichtungen sichtbar ein Kreuz angebracht ist.“ Bambergs Erzbischof Ludwig Schick erklärte: „Das Kreuz aufzuhängen und als Zeichen der Einheit, der Versöhnung, des Friedens, der Geschwisterlichkeit, der Solidarität deutlich zu machen, das ist natürlich gut.“

Auch die Mehrheit der Bayern befürwortet den Kreuz-Beschluss. Im „Bayern-Trend“ des BR sprachen sich  56 Prozent dafür aus. In einer aktuellen SAT.1 Bayern-Umfrage sind es 53 Prozent Befürworter, darunter 69 Prozent der CSU-Wähler und 51 Prozent der SPD-Wähler. Die Gegner finden sich bei Grünen (73 Prozent) und FDP (60 Prozent). Marx‘ Vorwurf, die Staatsregierung missbrauche den christlichen Glauben für politische Zwecke, stößt bei 54 Prozent der Bayern auf Ablehnung.

Kehrtwende des Bischofs

Tatsächlich hatte Marx sein SZ-Interview später klargestellt: Kreuze im öffentlichen Raum seien für ihn ein Grund zur Freude, sagte er. Denn sie stünden für „die Ausrichtung an den Grundaussagen des christlichen Menschenbildes“ und „die Pflicht, im Sinne des christlichen Menschenbildes zu arbeiten“. Das Kreuz solle Zeichen dafür sein, „dass diese Gesellschaft zusammenführt, dass sie integriert und dass sie sich neu vergewissert: Woher kommen wir? Auf welchem Fundament stehen wir?“