BMW-Fahrzeuge stehen in der Produktion im BMW-Werk in Dingolfing. (Bild: dpa/Armin Weigel/Archiv)
Konjunktur

Fast schon eine kleine Standortflucht

In der Metall- und Elektro-Industrie, Bayerns wichtigster Industriebranche, geht das Inlandsgeschäft spürbar zurück − bei besserer Wachstumsperspektive in den Auslandsstandorten. Die Schere zwischen Inland und Ausland öffnet sich wieder.

Fast wie die Beschreibung des Anfangs einer Standortflucht liest sich die Sommer-Konjunkturumfrage in der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Unternehmensverbandes Metall und Elektro e.V. (bayme) und des Verbandes der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie e.V. (vbm), meidet den Begriff, aber nur knapp: „Mit dem konjunkturellen Abschwung rückt die Standortfrage wieder in den Fokus“, warnt er. „Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland und Bayern stärken.“

Einbruch der Automobilindustrie

Abschwung, spürbare Abkühlung, Ende des Beschäftigungsanstiegs. Solche Begriffe beschreiben den Stand der Konjunktur der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Brossardt: „Unsere Unternehmen erwarten eine weitere Verschlechterung.“ Und vor allem eben im heimischen Standort. Die Produktion ist in den ersten fünf Prozent Monaten des Jahres um 5,4 Prozent gefallen.

Verantwortlich ist die Automobil- und Zulieferindustrie, deren Produktion um 16 Prozent gefallen ist.

Bertram Brossardt, vbw-Hauptgeschäftsführer

Vor allem in der Automobil- und Zulieferindustrie, deren Produktion um 16 Prozent unter den Werten vom vergangenen Dezember liegt. Ein echter Einbruch. Wenn Bayerns und Deutschlands Automobilindustrie hustet, hat der ganze Standort eine massive Erkältung. Und ein Produktionsrückgang um 16 Prozent ist weit mehr als ein Husten.

Schlechteres Inlandsgeschäft

Nur noch 27 Prozent der Unternehmen bewerten das aktuelle Inlandsgeschäft als gut, gegenüber 47,7 Prozent im vergangenen Dezember. Ein Drittel erwartet für die Zukunft eine Verschlechterung. Nur acht Prozent der Unternehmen rechnen mit steigender Inlandsproduktion, über ein Viertel mit Produktionsrückgang.

Die pessimistischen Erwartungen der Betriebe führen dazu, dass sie im Inland weniger produzieren und investieren wollen.

Bertram Brossardt

Das Ergebnis, so Brossardt: „Die Investitionspläne unserer Firmen sind per Saldo negativ.“ Nur jedes zehnte Unternehmen will im zweiten Halbjahr investieren, 25 Prozent wollen die Investitionsausgaben kürzen. Was dazu führt, dass sich auch die Beschäftigungspläne eintrüben. Einstellungspläne und Abbau-Befürchtungen halten sich die Waage. Der Saldo der Beschäftigungspläne steht bei nahezu Null. Brossardt: „Niedriger war der Saldo zuletzt vor neun Jahren.“ Im Inland.

Investitionen an Auslandsstandorten

An den Auslandsstandorten dagegen, so Brossardt, „sind die Pläne unserer Firmen wesentlich expansiver“. 27,6 Prozent der Betriebe wollen jenseits der Grenzen die Produktion erhöhen. 28,5 Prozent wollen auch die Investitionen an ihren Auslandsstandorten hochfahren. Knapp 40 Prozent der Firmen wollen ihr Personal im Ausland ausweiten.

Die Schere zwischen Inland und Ausland öffnet sich wieder.

Bertram Brossardt

Was zusammengenommen eben den Eindruck einer beginnenden Standortflucht wecken kann. Brossardt: „Die Pläne an den Auslandsstandorten sind klar expansiv ausgerichtet. Die Schere zwischen Inland und Ausland öffnet sich wieder. Der Standortwettbewerb nimmt wieder Fahrt auf.“

Wettbewerbsfähigkeit verloren

Unternehmen hierzulande müssen mit wesentlich schwierigeren Bedingungen zurechtkommen als ihre Konkurrenten im Ausland, warnt Brossardt, der auch Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft ist (vbw). Seine Beschwerdeliste ist lang: Die deutsche M+E Industrie haben die höchsten Arbeitskosten, die zweithöchste Unternehmenssteuerlast, die dritthöchsten Stromkosten und eine überdurchschnittliche Regulierung des Arbeitsmarktes.

Wir haben in den vergangenen Jahren an Wettbewerbsfähigkeit verloren.

Bertram Brossardt

Brossardts Schlussfolgerung: „Wir haben in den vergangenen Jahren an Wettbewerbsfähigkeit verloren.“ Die Tarifentgelte seien um 20 Prozentpunkte höher gestiegen als die Produktivität. „Diesen Weg können wir nicht weiter beschreiten − schon gar nicht bei einer schwachen Konjunktur.“

Flexibilität und Klarheit

Von der Politik erwarten die Unternehmen in der aktuellen Lage vor allem zwei Dinge: Flexibilität und Klarheit. Flexibilität wenn es um Arbeitsverhältnisse geht, etwa um die flexiblere Verteilung der wöchentlichen Arbeitszeit. Klarheit erwarten sie bei den Lohnzusatzkosten. „Die 40-Prozent-Marke bei den Sozialversicherungsbeiträgen muss dauerhaft stehen“, betont Brossard. Die Unternehmen erwarten außerdem ein klares Bekenntnis zur Absenkung der Unternehmenssteuerlast bis 2022 auf 25 Prozent.

Wenn die Energiekosten gut sind, kann man vieles ausgleichen.

Bertram Brossardt

Klarheit verlangt Bayerns M+E Industrie schließlich bei der Energiewende. Die müsse so umgesetzt werden, „dass die Versorgungssicherheit gewährleistet ist und gleichzeitig die Strom- und Energiepreise wettbewerbsfähig sind“, fordert Brossardt. Denn Energiekosten seien ein entscheidender Faktor bei Standort- und Investitionsentscheidungen. Brossardt: „Die Maschinen kosten überall das gleiche. Aber wenn die Energiekosten gut sind, kann man vieles ausgleichen.“

160.000 Arbeitsplätze in zehn Jahren

Insgesamt ein fast schon düsterer Abschwungbericht aus Bayerns wichtigster Industriebranche. Mit immerhin kleinem Sonnenschein am Horizont: Der Rückgang des Exports nach Großbritannien um 7,5 und nach Indien um 4,2 Prozent wird mehr als ausgeglichen durch Exportsteigerung in die USA um 4,5 und nach China um 4,3 Prozent.

Die Beschäftigung im M+E Sektor steigt weiter, wenn auch deutlich langsamer. 2018 wurden in der Branche noch 18.000 zusätzliche Stellen geschaffen. Im ersten Halbjahr 2019 waren es nur 6400. Bis Jahresende werden nur noch etwa 1600 neue Stellen dazukommen. Was für das gesamte Jahr 2019 noch einen Zuwachs von etwa 8000 Stellen bedeuten würde. In den M+E Betrieben des Freistaats werden dann 875.000 Arbeitnehmer beschäftigt sein – ein Plus von 160.000 Arbeitsplätzen in zehn Jahren.

Das sind Zahlen, die die Bedeutung des Sektors und vor allem der Automobilindustrie vor Augen führen. In aktuellen Klimaschutz- und Mobilitätsdebatten steht viel auf dem Spiel.