Auf Computer geschleuste Viren sind eine der Gefahren im Internet. (Foto: dpa/Foto: Monika Skolimowska)
Internet

Aufrüstung im digitalen Raum

An der Universität der Bundeswehr nimmt ein neues Forschungszentrum für Cyber-Abwehr die Arbeit auf. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann intensiviert ebenfalls den Kampf gegen digitale Kriminalität und stellt zusätzliche Experten ein.

Die Bundeswehr rüstet sich für die steigende Zahl von Cyber-Angriffen. Dazu entsteht auf dem Gelände der Bundeswehr-Universität in Neubiberg bei München Deutschlands derzeit wohl modernstes Forschungszentrum für Sicherheit in der Informations- und Kommunikationstechnik. Zur Eröffnung am Freitag besuchte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Hochschule.

Mittlerweile sind Hacker-Attacken auf kritische Infrastrukturen auch bei uns fast alltäglich.

Florian Hahn, CSU-Verteidigungspolitiker

Das Forschungszentrum Cyber Defence (CODE) der Bundeswehr-Universität in Neubiberg bei München versteht sich als Anlaufstelle für Experten aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen. Es soll auch Fachleute aus Wirtschaft und staatlichen Einrichtungen zusammenbringen. Die Forschung bei CODE gliedert sich in die Bereiche Cyber Defence, Smart Data, Mobile Security, E-Health und Schutz von kritischer Infrastruktur. Das Forschungszentrum soll der neuen Teilstreitkraft „Cyber- und Informationsraum“ (CIR) der Bundeswehr zuliefern.

Studiengang für Cyber-Experten

Teil des sogenannten Cyber-Clusters ist ein neuer internationaler Master-Studiengang „Cyber-Sicherheit“, der im Januar 2018 mit zunächst 70 Studierenden – überwiegend angehende Offiziere – starten soll. Unter anderem sollen hier Abwehrmethoden für Hacker-Angriffe entwickelt werden. Ein Dutzend Professuren wurde dafür ausgeschrieben. Knapp 70 wissenschaftliche Mitarbeiter, Techniker und Verwaltungsangestellte sollen die Arbeit unterstützen.

Funktionsträger in Verwaltung und Wirtschaft sollten dafür sorgen, dass auch ihre privaten Mail-Accounts abgesichert sind.

Arne Schönbohm, Präsident des BSI

Bereits seit 2013 vereint das Forschungszentrum Code Wissenschaftler und Experten, um die Forschung im Cyberraum voranzutreiben. Es soll jetzt deutlich ausgebaut werden. Bis 2022 soll auf dem Uni-Gelände für einen zweistelligen Millionenbetrag ein Hochsicherheitstrakt zur Cyber-Forschung entstehen. Auf mehr als 7000 Quadratmetern Nutzfläche sind modernste Labors für Cyber-Sicherheit geplant.

München als Kompetenz-Standort

Der CSU-Verteidigungspolitiker Florian Hahn kann dies nur ein erster Schritt sein: In München sollten die Kapazitäten in den Bereichen Cyberkriminalität, Cyberterrorismus, Cyberattacken und Cyberkriegsführung massiv ausgebaut werden. „Wir müssen Cyber-Security-Cluster bilden, bei denen Forschung, Militär, Wirtschaft, Industrie und Behörden eng zusammenarbeiten“, so Hahn. Er verspricht sich von der neuen Einrichtung in Neubiberg einen „Kulturwandel in unserer Wahrnehmung von Sicherheit“. Durch Beratung des Verteidigungsministeriums und der Industrie sowie durch den Austausch und die Analyse von sicherheitskritischen Angriffen könne das Forschungszentrum die Verteidigungsfähigkeit im Cyberraum schärfen. „Mittlerweile sind Hacker-Attacken auf kritische Infrastrukturen auch bei uns fast alltäglich“, sagt Hahn. „Wie anfällig wir sind, zeigte sich erst im letzten Jahr: Die Hacker waren tief in die IT-Infrastruktur des Deutschen Bundestages eingedrungen, vertrauliche Nachrichten, Terminkalender und Adressverzeichnisse wurden entwendet.“

Virtuelle Angriffe auf Politiker

Aktuell warnt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) vor Angriffen auf private Mailpostfächer von Spitzenpersonal aus Politik und Wirtschaft. Es gebe Attacken auf Yahoo- und Gmail-Konten, wie die Behörde mitteilt. In Regierungsnetzen habe das BSI bereits einen Angriff der aktuellen Kampagne abgewehrt, erklärte Präsident Arne Schönbohm. Die verwendete Angriffsinfrastruktur habe Ähnlichkeiten mit den Angriffen und Leaks gegen die Demokratische Partei in den USA und gegen die französische „En Marche!“-Bewegung.

Leider werden nach wie vor oft Gefahren im Netz nicht erkannt oder unterschätzt.

Joachim Herrmann, bayerischer Innenminister

Vor den zunehmenden Gefahren durch Cyber-Kriminalität, digitale Spionage und Sabotage warnt auch Bayerns Innenminister Joachim Hermann. Die Straftaten mit dem „Tatmittel Internet“ seien bayernweit zuletzt deutlich gestiegen, sagte Herrmann auf dem Wirtschaftsforum Oberhaching. Nachdem bereits im Jahr 2015 eine Zunahme um 12,7 Prozent zu verzeichnen war, gab es im vergangenen Jahr einen Zuwachs um 3,8 Prozent auf knapp 24.900 Delikte mit einem Gesamtschaden von 17,5 Millionen Euro.

Verfassungsschutz berät Firmen

„Leider werden nach wie vor oft Gefahren im Netz nicht erkannt oder unterschätzt. Nicht selten stehen die ‚virtuellen Werktore‘ wegen unzureichender IT-Schutzmaßnahmen weit offen“, erklärte Hermann. Mit dem Cyber-Allianz-Zentrum-Bayern, das beim Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz angesiedelt ist, stehe im Freistaat ein kompetenter Ansprechpartner für Unternehmen, Hochschulen und Betreiber kritischer Infrastrukturen bereit. Im Rahmen des Masterplans ‚BAYERN DIGITAL‘ soll das Cyber-Allianz-Zentrum nun personell noch weiter verstärkt werden, kündigte Herrmann an. Außerdem unterstützt der Freistaat mit dem bundesweit einzigartigen Förderprogramm ‚Digitalbonus Bayern‘ mittelständische Unternehmen auch finanziell dabei, sich zu digitalisieren und ihre IT-Sicherheit zu verbessern. Das Programm, so Herrmann, sei eine „Erfolgsgeschichte“: Von Oktober 2016 bis Mai 2017 hätten bereits über 2.000 Betriebe aus ganz Bayern einen Antrag eingereicht.

Der Kampf gegen Cybercrime ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit.

Winfried Bausback, bayerischer Justizminister

Wie der Innenminister weiter berichtete, habe er in den vergangenen Jahren auch bei der Polizei einen besonderen Schwerpunkt auf den Ausbau der Cybercrime-Bekämpfung gelegt. „Mir ist es wichtig, dass unsere Bayerische Polizei nicht nur bei der ‚analogen‘ Kriminalitätsbekämpfung auf der Straße bundesweit den besten Job macht, sondern auch im Cyberraum stets am Puls der Zeit ist.“ Bayernweit seien derzeit mehr als 300 Spezialisten im Kampf gegen Kriminelle im Netz. Im Kampf gegen Cyber-Verbrecher werde der Freistaat heuer weitere 70 Experten einstellen. „Damit sind wir in diesem Bereich einmal mehr bundesweiter Vorreiter“, betonte Herrmann.

Kooperation mit den USA

Dem Kampf gegen die Cyberkriminalität dient auch ein Besuch von Bayerns Justizminister Winfried Bausback in den USA. Schwerpunkt der Reise, die am Samstag beginnt, sollen der Erfahrungsaustausch und die Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Bayern und den Vereinigten Staaten bei der Bekämpfung der Internetkriminalität sein. „Der Kampf gegen Cybercrime ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit“, sagt Bausback. „Egal ob Extremismus und Terrorismus, kriminelle Geschäfte im Darknet, organisierte Kriminalität, Hackerangriffe, oder Betrug durch Phishing oder ‚Fakeshops‘ – die Kriminellen von heute sind weltweit vernetzt.“ Dem müsse man sich diesseits und jenseits des Atlantiks mit international vernetzten Ermittlern mit aller Macht entgegenstemmen.

Der USA-Besuch sei, so Bausback, eine Gelegenheit, im persönlichen Austausch wichtige Anregungen zu erhalten, die Zusammenarbeit weiter zu verbessern und „unseren amerikanischen Freunden über die bayerischen Ansätze und Erfahrungen zu berichten“.