Enge Weggefährten: Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundesfinanzminister Theo Waigel im Jahr 1995. (Foto: Imago/Jürgen Eis)
Abschied

Zwei, die Geschichte schrieben

Interview 24 Jahre lang schrieben Helmut Kohl und Theo Waigel gemeinsam Geschichte. Der eine als Bundeskanzler, der andere als Bundesfinanzminister. Im Interview blickt der ehemalige CSU-Chef Theo Waigel zurück auf die gemeinsame Zeit mit Helmut Kohl.

Herr Dr. Waigel, Helmut Kohl hat die Deutsche Einheit möglich gemacht, dennoch wurde er 1989 in Berlin ausgepfiffen. In der Rückschau, können Sie sich das heute erklären?

Ich war damals live dabei und ich war wütend. Es war unglaublich, dass Helmut Kohl, der seinen Aufenthalt auf einer wichtigen Staatsreise in Polen unterbrochen hatte, vor dem Schöneberger Rathaus sprach und dort von ein paar Tausend ausgepfiffen wurde. Das Bemerkenswerte daran war aber auch, dass am gleichen Tag abends eine Kundgebung direkt an der Mauer stattfand, wo Helmut Kohl und ich gesprochen haben. Dort waren hunderttausend Menschen, die dem Bundeskanzler zugejubelt haben. Leider ist der Eindruck vom Anfang des Tages in den Köpfen haften geblieben. Aber Helmut Kohl hat sich durch das Pfeifkonzert überhaupt nicht beeindrucken lassen und hat weiter gesprochen. Der regierende Oberbürgermeister Momper wollte dazwischen gehen und die Demonstranten um Mäßigung bitten, aber Helmut Kohl hat gegen diese Leute angekämpft und sich durchgesetzt. Umso schöner war, was dann in den folgenden Wochen und Monaten stattfand in Dresden und in anderen Orten, wo ihm die Menschenmassen eine unglaubliche Zustimmung entgegenbrachten. Bemerkenswert war auch, dass er in freier Rede genau den richtigen Ton getroffen hat. Man hat ja früher Helmut Kohl nicht gerade als großen Redner bewundert, aber in diesen entscheidenden Situationen hat er genau die richtigen Worte gefunden.

Eine Schweizer Zeitung hat kommentiert, Helmut Kohl hat der Welt die Angst vor den Deutschen genommen. Teilen Sie diese Auffassung?

Das ist eine sehr kluge und interessante Beobachtung – und in der Tat, seine menschliche Note, sein Zugang auf andere, sein Ziel, sich gerade mit kleineren Nationen und Völkern zu beschäftigen, hat Deutschland unendlich gut getan. Er ist den anderen nicht besserwisserisch und überlegen als Machtmensch entgegengetreten, sondern als Partner, als Nachbar. Was der Privatmensch Kohl erfahren hat an Nachbarschaft, an bürgerlichem Austausch, das galt auch für seine Politik in der großen Welt. Ihm war immer sehr daran gelegen, eine gute Nachbarschaft zu pflegen, denn sie ist ganz wichtig für ein Volk und für den Frieden in Europa und in der Welt.

Seine menschliche Note, sein Zugang auf andere, sein Ziel, sich gerade mit kleineren Nationen und Völkern zu beschäftigen, hat Deutschland unendlich gut getan.

Theo Waigel, CSU-Ehrenvorsitzender

Das Verhältnis zwischen Helmut Kohl und der CSU war nicht immer einfach. Wie würden Sie es in der Gesamtschau beschreiben?

Helmut Kohl kannte die CSU besser als fast jeder andere CDU-Politiker. Aus der Pfalz stammend und deswegen mit Bayern besonders verbunden, kannte er auch die historischen Gegebenheiten und Verbindungen zwischen Bayern und der Pfalz im Detail – und das kam ihm auch immer wieder zugute. Nach der Ära Kiesinger und der kurzen Ära Barzel war er derjenige in der CDU, mit dem sich Franz Josef Strauß am Anfang am besten verstand. Nur konnte sich Strauß mit der Machtoption von Kohl nicht sofort abfinden, denn schließlich war Kohl jünger, stammte aus einem kleineren Bundesland und hatte nicht die Erfahrung, die Strauß schon in den 40er, 50er und 60er Jahren gewonnen hatte. Also fiel es Strauß natürlich etwas schwer, den Pfälzer als einen zu akzeptieren, der von der Größe der CDU her einfach die größere Machtoption besaß. Insofern kam es dann auch zu Problemen und zum Trennungsbeschluss von Kreuth, aber auch wieder zum Zusammenschluss danach. Es zeugt von der Größe beider, dass Helmut Kohl dann dem Älteren und Erfahrenerem die Kanzlerkandidatur 1980 überlassen hat, das aber andererseits Strauß auch wusste, dass Helmut Kohl die größeren Chancen hat, mit der FDP ein neues Bündnis zu zimmern. Er überlies dann dem Fraktionsvorsitzenden als natürlichen Kanzlerkandidaten während der Legislaturperiode den Vorzug. Es gab natürlich immer wieder Auseinandersetzungen, aber wir haben sie auch immer wieder miteinander lösen können. Die Union hat gemeinsam unheimlich viel Positives erreicht.

Wir sprechen in diesen Tagen viel über Europa, über die außenpolitischen Erfolge. Welche Akzente hat die Union mit Helmut Kohl denn innenpolitisch gesetzt?

Die innenpolitischen Errungenschaften werden oftmals viel zu wenig beachtet. Die SPD behauptet, die Zeit von 1990 bis 1998 sei eine Zeit des Stillstands gewesen – das ist natürlich grundfalsch. Sie registrieren gar nicht, was in der Zeit an Modernisierung und an Privatisierung alles gelungen ist – ganz abgesehen davon, dass die Finanzierung der Einheit in den 90er Jahren natürlich eine wahre Herkulesaufgabe war. Zunächst ist es der Union gelungen, den Haushalt von 1982 bis etwa 1987 zu konsolidieren, zahlreiche Reformen anzustoßen, aus der Wirtschaftskrise herauszukommen und wieder Wachstum zu generieren. Zeitgleich haben wir den Umweltschutz betont – wir haben den Katalysator zur Pflicht gemacht und ein eigenes Ministerium für den Umweltschutz eingeführt. Die Union hat in der Zeit auch den Mut gehabt, das Arbeitsrecht zu reformieren und die Minderheitenrechte dort stärker zu verankern. Das waren keine einfachen, aber wichtige Entscheidungen. Später waren es die Privatisierungen wichtiger Staatsunternehmen, die zur Belebung der Wirtschaft ganz entscheidend beigetragen haben. Und Helmut Kohl war es ja auch, der das Verhältnis zu sämtlichen Institutionen immer konstruktiv beherrscht hat, nicht zuletzt auch das Gespräch mit den Gewerkschaften am runden Tisch.

Es überwiegt das Gefühl der Dankbarkeit und der Erinnerung an eine großartige Zeit, die wir 24 Jahre lang miteinander verbracht haben.

Theo Waigel

Nach den Erfolgen und Höhen gab es natürlich auch Tiefen in seinem Leben, das Ende der Kanzlerschaft, die CDU-Spendenaffäre. Sie waren viele Jahre an seiner Seite, wie ist Helmut Kohl mit diesen Brüchen zurechtgekommen?

Helmut Kohl ist nach 16 Jahren Kanzlerschaft 1998 noch einmal angetreten, weil im Laufe des Jahres enorm wichtige Entscheidungen anstanden, die einen starken deutschen Bundeskanzler verlangten – denken Sie an die Entscheidung über den Beginn der Wirtschafts- und Währungsunion, über den Sitz der Europäischen Zentralbank und die Frage, mit welchen Ländern beginnt die Wirtschafts- und Währungsunion. Diese Entscheidungen hätte man mit einem Bundeskanzler auf Abruf nicht im Sinne unseres Landes treffen können, zudem hatten wir in der Koalition aus CDU/CSU und FDP ohnehin nur eine knappe Mehrheit. Jede Regierungszeit geht einmal zu Ende. Am Anfang war natürlich eine Enttäuschung da, aber er hat die schnell überwunden. Er war sich dessen bewusst, dass er das Allermeiste im politischen Leben richtig gemacht hat und großen Erfolg hatte. Natürlich hat ihm dann die Spendenangelegenheit wehgetan, da hat er auch Fehler gemacht. Das musste er einsehen. Aber heute weiß man, dass das lediglich eine Fußnote in einer großen Geschichte ist, die die Bedeutung dessen, was er geleistet hat, überhaupt nicht beeinträchtigt.

Sie und Helmut Kohl pflegten viele Jahre lang ein freundschaftliches Verhältnis. Wie geht es Ihnen persönlich in diesen Tagen?

Ich war auf die Todesnachricht vorbereitet. Seine Gattin hat mir vor einigen Wochen mitgeteilt, dass es wohl so sei, dass er in absehbarer Zeit von uns gehen werde. Es ist natürlich ein Gefühl der Trauer und ich werde auch ganz persönlich von ihm in Ludwigshafen noch Abschied nehmen, aber es überwiegt das Gefühl der Dankbarkeit und der Erinnerung an eine großartige Zeit, die wir 24 Jahre lang miteinander verbracht haben. Acht Jahre in der Opposition und 16 Jahre gemeinsam in einer erfolgreichen Regierungszeit, in einem Jahrzehnt, das wohl zum glücklichsten und besten der deutschen Geschichte im vergangenen Jahrhundert gehören wird.

Das Interview führte Marc Sauber.