Grüne Hausnummern ähnlich der abgebildeten Version sollen Vorzeige-Ökos belohnen. (Bild: imago Images /imagebroker)
Vilshofen

Öko-Pranger mit „Schande“-Ruf?

Die Stadt Vilshofen will künftig grüne Hausnummern für besonders umweltbewusste Bürger verteilen. Die Kritik daran fällt hart aus: „Öko-Pranger“ und „Brandmarkung“. Bisherige Experimente dieser Art geben aber noch keine Anlass zu größerer Sorge.

Ausgedacht hat sich die Idee mit grünen Hausnummern das Saarland unter dem Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine, damals noch SPD, wo schon 1996 besonders grüne Hausbesitzer die grüne Plakette mit Hausnummer erhielten, wenn sie energiesparend sanierten oder neu bauten. Auch Solaranlagen oder energieeffiziente Materialien wurden belohnt.

Die Nachahmer

Andere Bundesländer folgten, wie etwa Baden-Württemberg, wo es das Prädikat „Klimahaus“ gibt. Mehrere Kommunen zogen bundesweit mit ähnlichen Haus-Stempeln nach, darunter etwa Mainz/Bingen und Weimar. Auch in Bayern gibt es bereits einige Städte und Gemeinden mit solchen Hausnummer-Orden, besonders in Mittel- und Unterfranken sowie in der Oberpfalz, beispielsweise in Neumarkt oder Hilpoltstein bei Roth. In letzterem Ort werden etwa Solarthermie- und Regenwasser-Nutzung, nachwachsende Baustoffe beim Bauen, Fassadendämmung, Kompostierung, unbeheizte Wintergärten oder verschiedene Lebensbereiche für Tiere im Garten belohnt.

Was vielleicht zunächst gut gemeint war, ist jedoch im Laufe der letzten Wochen etwas aus dem Ruder gelaufen.

Markus Kühnert, CSU-Stadtrat Vilshofen

Nun wollte auch Vilshofen an der Donau unter seinem Bürgermeister Florian Gams, der 2014 für die SPD ins Rathaus gewählt wurde, diesen Beispielen folgen. Und ging sogar einen Schritt weiter: Sie wollten ab 1. Januar die grüne Hausnummer künftig auch an Einwohner verleihen, die besonders nachhaltig und umweltbewusst leben.

51 Kriterien für die „Grünen“

Wie die Passauer Neue Presse (PNP) schrieb, sollte die „Auszeichnung“ samt 50-Euro-Gutschein für den Kauf eines einheimischen Baumes erhalten, wer in einem Katalog mit 51 Kriterien mindestens 150 Punkte erhält.

Die PNP listete dabei Maßnahmen von der Verwendung heimischer Produkte beim Hausbau über geringen Stromverbrauch und Photovoltaik-Anlage auf dem Dach bis hin zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder eines E-Autos auf. Noch mehr Punkte gibt es für gar kein Auto. Laut Bild-Zeitung sollen auch Einkaufen auf dem Wochenmarkt sowie die Häufigkeit von Fleischverzehr (maximal zweimal pro Woche!) und der Konsum von Bio-Lebensmitteln dazu gehören.

Die Stadt betreibt offenbar auch noch Lobbyarbeit für Greenpeace: Denn die Mitgliedschaft bei dem nicht unumstrittenen Umweltschützer-Verein bringt auch Punkte, wie die Bild-Zeitung berichtete. Und zwar einen Punkt für passive, aber drei Punkte für aktive Mitglieder.

Kontrolle ist besser

Nichts in Deutschland geht ohne Bürokratie: Man muss alle Punkte belegen können, also mit Rechnungen, Fotos und ähnlichen Nachweisen. Initiiert haben das Ganze drei Stadträtinnen der Freien Wählergemeinschaft und der Grünen. Vorbild für den Fragenkatalog in Vilshofen ist angeblich der Landkreis Amberg-Sulzbach, der schon seit 1999 grüne Hausnummern verteilt: 81 Tafeln waren es bisher, meist an Private. Dort wie auch im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen (dort jedoch nur als Auszeichnung für nachhaltiges Bauen und Sanieren, nicht für andere Aktivitäten) gab es keine große Aufregung darum – aber das war auch vor dem großen Klimahype, der vielen Menschen mittlerweile auf die Nerven geht.

Niemand soll sich mit einer grünen Hausnummer rühmen können.

Florian Grams, Bürgermeister Vilshofen

Laut Stadt Vilshofen sollten die speziellen Hausnummern Anerkennung und Ansporn sein, dem Beispiel zu folgen. Im Stadtrats-Hauptausschuss hatte es in der Vorberatung einen einstimmigen Empfehlungsbeschluss von 11:0 gegeben. Am Dienstag wurde jedoch CSU-Stadtrat Markus Kühnert in der Bild-Zeitung zitiert, dass er am Mittwoch dagegen stimmen werde: „Was vielleicht zunächst gut gemeint war, ist jedoch im Laufe der letzten Wochen etwas aus dem Ruder gelaufen.“ Auch die anderen Fraktionen sahen noch in vielen Punkten Klärungsbedarf.

Die Pläne für die Grüne Hausnummer wurden dann schließlich am Mittwochabend im Stadtrat noch geändert. Nach langer Diskussion billigte der Vilshofener Stadtrat den Kompromissvorschlag von SPD-Bürgermeister Florian Gams mit 14 zu 9 Stimmen. So sollen die Klimabemühungen von Bürgern zwar weiter honoriert werden, jedoch nicht in Form einer grünen Hausnummer, sondern durch die Übergabe einer Urkunde. „Wir möchten, dass sich die Bevölkerung mit den Kriterien auseinandersetzt, aber niemand soll sich mit einer grünen Hausnummer rühmen können“, so Grams jetzt zum BR.

Eine Sache fürs Ego?

Läuft eine bekannte Werbung künftig also so: „Mein E-Auto, mein Passivhaus, meine Hausnummer“? Und werden Bürger, die die Kriterien mangels Geld nicht erfüllen können, künftig nur noch mit gesenktem Kopf herumlaufen und ihr Haus nur noch im Büßergewand durch den Hintereingang betreten – begleitet von einem „Schande“-Rufer mit Glocke wie in der Serie „Game of Thrones“? Wird man künftig in Elternbeiräten, Klassenzimmern und Vereinen über die „ungrünen“ Hausbewohner tuscheln oder sie gar ausgrenzen? Wird der Druck, auch grün nummeriert zu sein, zum Wegzug der Armen und weniger Begüterten führen?

Dieses grüne Bewertungs- und Brandmarkungssystem ist völlig inakzeptabel in einem freien Land.

CSU

Die Zahl der bisher verteilten Plaketten in den Kommunen, die schon grüne Hausnummern haben, lassen Derartiges eigentlich nicht erwarten. Die Passauer Neue Presse hat bei einigen Kommunen nachgefragt: Im unterfränkischen Landkreis Main-Spessart gibt es die besonderen Hausnummern seit 2018 und erst 54 Schilder wurden vergeben. „Die Anerkennung ist am wichtigsten. Es ist eine Sache fürs Ego, ein grünes Schild am Haus hängen zu haben“, wird Michael Kohlbrecher zitiert, Klimaschutzmanager des Landkreises. Bereits seit 2011 gibt es die Plaketten in Neumarkt in der Oberpfalz, 79 sind es dort bisher.

Man muss allerdings bedenken: Der Klimahype hat sich in den letzten Monaten derart verstärkt und Blüten jeder noch so absurden Art getrieben, dass solche Folgen auch nicht völlig ausgeschlossen scheinen.

Viel Kritik

Das Thema, obwohl nicht neu, erregte die Gemüter nicht nur in den sozialen Medien. Auf Twitter sorgte sich ein Nutzer: „Was ist mit denen, die kein Geld haben, um zu modernisieren und zur Nachhaltigkeits-Elite zu gehören?“ Sogar im Landtag wurde darüber auf Antrag der FDP am Mittwoch debattiert. Das Parlament hat sich dann gegen grüne Hausnummern à la Vilshofen ausgesprochen. Die Mehrheit wandte sich gegen jede Art von „Social-Scoring“, welche das Verhalten von Bürgern bewertet, insbesondere gegen die Kennzeichnung von vermeintlich ökologischem Verhalten. SPD und Grüne sahen das natürlich anders. 

Die Öko-Fundamentalisten verabschieden sich immer mehr von einer freien und liberalen Gesellschaftsordnung.

Florian Hahn

Die CSU stellte sich auf Facebook klar gegen die Grünlinge an der Hauswand: „Klares Nein zum Öko-Pranger!“ Und weiter: „Wir sind für Umweltschutz. Aber dieses grüne Bewertungs- und Brandmarkungssystem ist völlig inakzeptabel in einem freien Land!“ Florian Hahn, Vize-Generalsekretär der CSU, sagte der Bild-Zeitung: „Zu Verbieten und Verderben gesellt sich nun noch Brandmarken – die Öko-Fundamentalisten verabschieden sich immer mehr von einer freien und liberalen Gesellschaftsordnung. China lässt grüßen!“ In der kommunistischen Diktatur gibt es ein „Social Scoring“, das das Verhalten der Bürger mittels Punktesystem bewertet. Staats- und Parteitreue wird dabei natürlich belohnt.

Auch Christian Haase, Bundesvorsitzender der Kommunalpolitischen Vereinigung der CDU/CSU, spricht von „Ausgrenzung“ all jener, die sich einen kostspieligen Öko-Lebenswandel mit BahnCard100 und Öko-Lebensmitteln nicht leisten können. FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg findet die Initiative „grotesk“. „Verwaltung sollte Dienstleister und nicht Erzieher der Bürger sein“, so die Bundestagsabgeordnete.

„Wenn Kommunen Initiativen für nachhaltige Lebensweise starten und Anreize schaffen, ist das zu begrüßen“, hieß es dagegen aus dem Bayerischen Umweltministerium von Thorsten Glauber (FW) gegenüber der PNP. Ist in Vilshofen ja schließlich auch eine Idee unter anderen von Freien Wählern.