Bayerns Sozial-, Familien- und Arbeitsministerin Kerstin Schreyer. (Bild: CSU)
Schreyer

„Barrieren im Kopf abbauen“

Interview Zehn Jahre nach Ratifizierung der UN-Behindertenrechts­konvention sieht Sozialministerin Kerstin Schreyer den Freistaat auf einem guten Weg. In Zeiten des Fachkräfte­mangels müsse die Wirtschaft sich noch mehr um diese Menschen bemühen.

Frau Schreyer, die bayerische SPD forderte kürzlich, Inklusion müsse Chefsache werden. Was entgegnen Sie?

Die bayerische SPD hat offensichtlich nicht verstanden, dass Inklusion ein Thema ist, das alle angeht: jedes Ministerium, jede Kommune, jeden Betrieb, jeden einzelnen von uns. Deshalb reicht es nicht, dass sich nur einer kümmert.

Deutschland hat 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet und sich damit zur Inklusion verpflichtet. Wie sieht die bayerische Bilanz zehn Jahre später aus?

Wir setzen alles, was Inklusion betrifft, mit sehr viel Tatendrang um. Das hat auch mit der UN-Behindertenrechtskonvention, aber vor allem mit unserer Überzeugung zu tun, dass Menschen, die hier leben, in erster Linie einmal Menschen sind, egal ob mit oder ohne Behinderung. Die Aufgabe der Politik ist, jedem Menschen eine Chance zu geben, in diesem Land gut und glücklich zu leben.

Laut Inklusionsbarometer liegt die Beschäftigungs­quote Schwerbehinderter 2018 deutschlandweit aber weiterhin unter der gesetzlichen Vorgabe von mindestens fünf Prozent pro Unternehmen. Wird es den Arbeitgebern durch die Zahlung einer Ausgleichsabgabe zu leicht gemacht, sich um die Quote zu drücken?

Ich denke, dass der Weg zum Erfolg ein anderer ist: Wir müssen Unternehmen aufzeigen, welch gute Fachkräfte sie bekommen können, wenn sie Menschen mit Behinderungen eine Chance geben. Auch das Betriebsklima kann sich durch eine heterogene Mitarbeitermischung positiv verändern.

Dennoch haben sich in Bayern die Einnahmen durch die Ausgleichsabgabe in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt auf etwa 83 Millionen Euro. Ist die Abgabe mit maximal 320 Euro pro Jahr zu niedrig angesetzt?

Ich bin fest der Überzeugung, dass wir Menschen befähigen müssen, anstatt sie zu bestrafen. Deshalb denke ich nicht, dass die Erhöhung der Ausgleichsabgabe der Weisheit letzter Schluss wäre. Wichtiger ist, Unternehmen zu motivieren, Bedenken durch Information abzubauen und Chancen aufzuzeigen.

Die Zahl der Beschäftigten in Behindertenwerkstätten in Bayern hat in den letzten zehn Jahren zu- statt abgenommen. Woran liegt das?

Wegen des medizinischen Fortschritts überleben heute mehr Menschen nach der Geburt oder nach einem Unfall mit einer Behinderung. Natürlich wird so weit wie möglich versucht, sie auf dem ersten Arbeitsmarkt zu beschäftigen. Doch es wird immer Menschen geben, die das noch nicht erreicht haben oder nie erreichen werden. Auch für sie muss es eine Option geben. Die Werkstätten für Menschen mit Behinderungen leisten hier ganz hervorragende Arbeit.

Schwerstbehinderte sind nach wie vor häufiger und länger arbeitslos als Menschen ohne Handicap. Wie kann dem entgegengewirkt werden?

Der Bundessozialminister denkt diesbezüglich über eine Stärkung des zweiten Arbeitsmarkts nach. Ich dagegen bin der Auffassung, dass jeder Mensch zunächst einmal die Chance bekommen sollte auf einen Job im ersten Arbeitsmarkt. Die aktuell niedrige Arbeitslosenquote in Bayern führt jedoch dazu, dass unsere Jobcenter finanziell nicht so bedient werden wie die der anderen Bundesländer. Dabei müssen die Mitarbeiter hierzulande nun vor allem auch an Langzeitarbeitslose herantreten, in die man deutlich mehr Zeit und Geld investieren muss.

Seit 2013 gibt es das Programm „Bayern barrierefrei“. Wie zufrieden sind Sie mit dem Status quo?

Wir kommen gut voran in den Bauten, für die Bayern verantwortlich ist. Wir schaffen es auch immer häufiger, sprachliche Barrieren abzubauen. Doch der Staat ist nicht für alles zuständig – bei kommunalen Fragen etwa, bei der Bahn, in Kinos oder Arztpraxen können wir Veränderungen nur anregen, aber nicht erzwingen. Wo wir noch Luft nach oben haben, das sind die Barrieren in den Köpfen. Ich würde mir wünschen, dass wir stärker den Menschen als Menschen sehen, egal ob mit oder ohne Handicap. Gerade im Bereich der psychia­trischen Störungen sind die Vorurteile groß.

Wie baut man Barrieren in den Köpfen ab?

Indem wir Begegnungen schaffen. Indem wir informieren über Behinderungsformen und Beeinträchtigungen – und das nicht allein mit Fokussierung auf die Schwächen, sondern auch mit Betonung des Reichtums, den es zu heben gilt. Gerade von der Lebensfreude vieler Menschen mit Behinderungen könnten wir alle uns eine Scheibe abschneiden.

Was hilft, um Inklusions­maßnahmen dort anzustoßen, wo der Staat primär nicht zuständig ist?

Zum einen zeichnen wir mit einem offiziellen Emblem Firmen aus, die Vorbildcharakter haben. Wir begleiten sie aber darüber hinaus, damit es nicht bei gesenkten Türschwellen bleibt, sondern Menschen mit Behinderungen auch eine Chance auf Arbeit bekommen. Da ist mehr möglich, als viele vermuten. Ich habe ein Callcenter gesehen, in dem Gehörlose arbeiten. Die Spracherkennungssoftware ist inzwischen so gut, dass das Gesprochene nahezu in Echtzeit in Schrift umgewandelt werden kann und umgekehrt. Ein Mensch mit Autismus oder einer Zwangsstörung kann ein großartiger Buchhalter sein, wenn die Rahmenbedingungen stimmen – etwa ein Einzelzimmer, Rückzugsmöglichkeiten, eine individuelle Pausengestaltung. Wir alle haben Stärken und Schwächen. Es gilt, sich mehr auf die Fähigkeiten zu konzentrieren, die jemand mitbringt.

Das Interview führte Beate Strobel.