Kurz vor dem Eklat: Sandra Maischberger versucht, Wolfgang Bosbach und Jutta Ditfurth zu besänftigen. (Foto: dpa/Melanie Grande/WDR)
Talkshow

Bosbach reicht’s

Am Mittwoch ist Wolfgang Bosbach in der Maischberger-Sendung der ARD über die Krawalle beim Hamburger G20-Treffen der Kragen geplatzt. Der CDU-Politiker verließ die Sendung nach einer hitzigen Diskussion mit der früheren Grünen Jutta Ditfurth.

Wolfgang Bosbach hat schon mit vielen über vieles diskutiert. Er gilt als ein Lieblingsgast der Talkshow-Macher, weil er eine klare Sprache spricht. Und weil er auf viele Zuschauer authentisch wirkt, gerade wenn er deutlich wird. Auseinandersetzungen mit Menschen anderer Meinung vor laufender Kamera ist er gewohnt. Aber am Mittwochabend ist dem CDU-Innenpolitiker in der „Maischberger“-Sendung im Ersten über die Krawalle beim Hamburger G20-Treffen der Kragen geplatzt. Bosbach verließ die Talksendung nach einer hitzigen Diskussion mit der früheren Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth mit dem Kommentar „Das muss ich nicht mitmachen“.

Da ist für mich die Grenze des Erträglichen überschritten.

Wolfgang Bosbach, CDU-Innenexperte

Typisch Ditfurth: Kaum Argumente, viel Provokation

Ditfurth, die während der gesamten Debatte nur durch wiederholtes Unterbrechen sowie langatmige, persönliche und wenig fundierte Attacken auffiel, weigerte sich, sich an den „Ritualen der Distanzierung und Rechtfertigung“ zu beteiligen. „Ich fand ‚Welcome to Hell‘ eine hübsche Aussage angesichts dieses Gipfels, wo man über Afrika verhandelt, aber nur ein afrikanischer Staat vertreten ist“, so eine ihrer Aussagen. „Ich kriege seit fast 40 Jahren Demonstrationen in Deutschland und in anderen Ländern mit, und das war eine der übelsten Eskalationen vonseiten des Senats, der Bundesregierung und der Polizei, die ich je erlebt habe.“ Dann gab Ditfurth der Polizei auch noch die Alleinschuld: Sie, die selbst vor Ort mitdemonstrierte, habe zusehen können, wie „Tag für Tag durch Demütigungen, Schikanen, Prügel“ die Stimmung durch die Polizei angeheizt worden sei. „Ich habe mich eigentlich gewundert, dass der Zorn nicht schon früher bei einigen explodiert ist.“ Und weiter: Der Schwarze Block habe während der Demonstration auf die Entmummungsaufforderung der Polizei „irrsinnig diszipliniert reagiert“ und sich zu 90 Prozent an die Vorgaben gehalten. Polizeiwagen hätten eine Frau überfahren und seien weitergefahren, behauptete sie. „Das wird alles geleugnet“, schimpfte sie.

Sie haben ja nur Klischees im Kopf!

Jutta Ditfurth, zu Wolfgang Bosbach

„Sie haben ja nur Klischees im Kopf“, giftete sie in RIchtung Bosbach. Als Ditfurth dann noch ihren Talkshow-Nachbarn, den Hamburger Hauptkommissar Joachim Lenders, arrogant dazu aufforderte, am Stammtisch weiterzudiskutieren und ihr nicht dauernd „ins Ohr reinzureden“, wollte Bosbach schon gehen. „Es ist unerträglich, mit Ihnen in einer Runde zu sitzen, wenn sie sich hier als Oberzensor und Oberintellektuelle verstehen und dann einen Polizeibeamten in dieser Form beleidigen“, ärgerte sich der CDU-Politiker. Lenders nannte die Ausführungen Ditfurths „dummes Gesabbel“ und „ahnungslos“. Daraufhin kam wieder einer ihrer merkwürdigen Sätze, dass man in Hamburg Grundrechte weggenommen habe: „Weil Leute schwarz gekleidet seien, darf man deshalb nicht etwa woanders Journalisten verprügeln. Das geht doch nicht.“

Der TV-Zuschauer konnte wegschalten, Bosbach konnte das nicht. Also erklärte er sich mit Lenders solidarisch und ging.

Krawalle verharmlost

„Bis jetzt bin ich mehr als einmal tapfer gewesen bis zum Ende“, sagte er später. „Ich hatte schon einen Imam, der geredet hat wie ein Wasserfall, ich hatte schon eine vollverschleierte Muslima, die Werbung für den Dschihad gemacht hat. Jetzt bei dem Auftritt von Frau Ditfurth ist bei mir das Fass übergelaufen.“ Bosbach wirft ihr unter anderem vor, die Krawalle zu verharmlosen.

Seinen wütenden Abgang hält er nach wie vor für richtig: „Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, muss ich freimütig gestehen, ich frage mich, warum ich nicht schon früher gegangen bin“, erklärte er. „Frau Ditfurth hat sich wirklich die ganze Sendung über bemüht, durch Mimik, Gestik und Dazwischenreden zu zeigen, dass sie von abweichenden Argumentationen überhaupt nichts hält“, kritisierte der CDU-Politiker. „Für mich hatte die Argumentation von ihr nur einen roten Faden: Alle Gewalt ging von der Polizei aus, und die 500 verletzten Polizisten sind an ihrem Unglück selber schuld. Und da ist für mich die Grenze des Erträglichen überschritten.“

Ich frage mich, warum ich nicht schon früher gegangen bin.

Wolfgang Bosbach

Bosbach erklärte, er habe ein Zeichen setzen wollen: „Talkshows machen nur dann Sinn, wenn alle die Bereitschaft mitbringen, sich ernsthaft mit der Position des Gegenübers zu beschäftigen und ihn ausreden zu lassen.“ Er habe nichts gegen eine Zwischenfrage oder gegen einen flotten Spruch. „Das mache ich doch selber auch. Aber dieses permanente laute oder halblaute Dazwischengerede, das viele Zuschauer gar nicht mitbekommen, das geht nicht.“ Der Politiker will trotzdem auch künftig in Talksendungen gehen und sieht keine Entwicklung zu mehr Krawall bei solchen Formaten.

Maischberger überfordert

Moderatorin Sandra Maischberger erklärte: „Ich habe in dem Moment, als Wolfgang Bosbach aufstand, nicht ganz nachvollziehen können, warum er das tut. Ich bedaure das natürlich sehr.“ Für eine Talksendung sei das eine Niederlage. „Dass die Sendung kontrovers werden würde, war uns klar. Wir wollten bewusst beide Seiten aus Hamburg an einen Tisch holen, weil es den direkten Dialog noch nicht gegeben hatte – zwischen einer Diskutantin wie Jutta Ditfurth, die dezidiert auf der Seite der polizeikritischen Demonstranten stand, und einem Vertreter der Polizisten von der anderen Seite.“

Nachdem Bosbach gegangen war, bat Maischberger Ditfurth, die Runde ebenfalls zu verlassen – doch die ignorierte die Aufforderung. „Ich habe mich bei Jutta Ditfurth auf Facebook entschuldigt. Das war eine Kurzschlusshandlung von mir. Ich hatte das Gefühl, wenn ich auf der einen Seite einen Diskutanten verliere, müsste ich das auf der anderen Seite ausgleichen“, sagte Maischberger. „Das war ein Fehler.“ Bosbachs Abgang habe sie „einen Augenblick lang emotional aus der Fassung“ gebracht. „Wir versuchen, eine Diskussion zu führen, die so offen, so ungeschminkt, so authentisch wie möglich ist. Und das war auch diesmal über weite Strecken der Fall.“

Ditfurth legt nach

„Wie kann ein erwachsener Mensch so mimosenhaft sein?“, fragte die linke Aktivistin noch bei Bosbachs Abgang. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte Ditfurth später: „Frau Maischberger war ja ganz auf Seiten Herrn Bosbachs, der mit dieser weltfremden Mimosenhaftigkeit keine Kneipendiskussion überstehen würde.“ Maischbergers Entschuldigung geht ihr nicht weit genug: „Sie müsste sich auch dafür entschuldigen, dass ich dann kein Wort mehr sagen durfte.“

Bisher hat es in der Sendung nur einen Fall eines vorzeitigen Abgangs gegeben, 2007, als der Wissenschaftsjournalist Joachim Bublath sich die Ausführungen der Sängerin Nina Hagen nicht mehr länger anhören wollte.

(dpa/BK)