Zentrum des Wahnsinns: Der Club Bataclan. Davor versorgen Sanitäter die Verwundeten. Bild: Imago/Lionel Urman/Panoramic
Zentrum des Wahnsinns: Der Club Bataclan. Davor versorgen Sanitäter die Verwundeten. Bild: Imago/Lionel Urman/Panoramic

Bei der Terrorserie in Paris an mindestens sechs verschiedenen Orten sind nach neuen offiziellen Angaben 129 Menschen getötet worden. Diese Zahl ist angesichts der vielen Schwerverletzten allerdings vorläufig. Es gibt 352 Verletzte, 99 davon akute Notfälle. Es habe drei Teams von Terroristen gegeben, die koordiniert vorgegangen seien, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Sieben Terroristen seien tot. Einer der Angreifer ist als 29-jähriger Franzose identifiziert worden. Er war den Behörden wegen seiner Radikalisierung bekannt gewesen.

Ein Schauplatz war nahe dem Fußballstadion Stade de France, wo die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Während das Spiel lief, waren mehrere sehr laute Detonationen zu hören. Zunächst wusste aber niemand, worum es sich dabei handelte. Etwa eine halbe Stunde vor Ende der Partie in Saint-Denis machten erste Gerüchte von Bombenexplosionen nahe des Stadions die Runde. Dort sollen vier Menschen ums Leben gekommen sein. Hubschrauber kreisten über der Arena. Hinaus kam zunächst keiner mehr, mit einem Sicherheitsband war das Stadion abgeriegelt. Es kam zu einer leichten Panik, die aber wohl keine Verletzten forderte. Einige Zeit danach durften die Menschen aber doch das Stadion verlassen, anders als sonst nach Fußballspielen verließen sie zügig das Gelände. Später gab die Polizei an, dass zwei Selbstmordattentäter die Explosionen nahe des Stadions verursacht haben. Die Attentäter von Paris wollten einem Bericht des „Wall Street Journal“ zufolge offenbar einen Anschlag direkt im Fußballstadion beim Länderspiel Deutschland-Frankreich verüben. Mindestens ein Attentäter habe ein Ticket für das Spiel gehabt. Er sei von einem Ordner beim Sicherheitscheck aufgehalten worden, berichtet die Zeitung unter Berufung auf einen anderen Ordner und einen Polizisten. Bei dem Attentäter sei etwa eine Viertelstunde nach Spielbeginn am Stadioneingang eine Sprengstoff-Weste entdeckt worden. Beim Versuch zu entkommen, habe er den Sprengstoff gezündet.

Geiselnahme vor Heavy-Metal-Konzert endet in einem Massaker

Zudem wurden offenbar in dem Konzertsaal Bataclan viele der rund 1500 Besucher eines Heavy-Metal-Konzertes als Geiseln genommen. Mindestens vier schwarz gekleidete Bewaffnete, jedoch ohne Masken, hätten dort um sich geschossen. Der Saal wurde von der Polizei gestürmt und die Geiselnahme beendet. Dabei haben nach Ermittlerangaben mindestens drei Terroristen ihre Sprengstoffgürtel gezündet. Wie viele Opfer es hier gab, ist noch nicht genau bekannt, es wurde jedoch von „apokalyptischen Zuständen“ dort berichtet. Aus Polizeikreisen verlautete, es habe mehr als 80 Tote und unzählige oft schwer Verletzte in und um dem Saal gegeben.

In vier Restaurants oder Cafes in der Stadt seien Schüsse gefallen, so heißt es. In einem haben es mindestens 18 Tote, in den anderen 14 und 5 Tote gegeben.

Mittlerweile ist klar: Sieben der acht Angreifer sprengten sich selbst in die Luft, ein Terrorist wurde von der Pariser Polizei erschossen.

Paris ist paralysiert

Der Bahn- und Busverkehr wurde vorübergehend gestoppt, alle Schulen und Universitäten wurden vorerst geschlossen. Die Stadtverwaltung von Paris rief über Twitter die Bürger dazu auf, zu Hause zu bleiben. Auch Präsident François Hollande forderte dies in einer TV-Ansprache am Abend der Attacken, in der er auch warnte, die Angriffe seien noch im Gange: „Frankreich muss stark sein!“ Er hat einen Krisenstab gebildet. Der Präsident rief den Ausnahmezustand aus und ließ nach eigenen Worten alle Grenzen schließen. Später wurde das aber so korrigiert, dass es sich nur um Grenzkontrollen handele.

Hinter den Attacken wurden schnell islamistische Terroristen vermutet, weil Zeugen von „Allahu akbar“-Rufen (Gott ist groß) berichtet haben. Andere sagten, es wurde „Das ist für Syrien“ gerufen. Frankreich ist im Anti-IS-Kampf engagiert. Von Anhängern der Terrormiliz Islamischer Staat wurde die Attacken zunächst nur im Internet gefeiert. Die beispiellosen Anschläge von Paris sind nach Worten des französischen Präsidenten Hollande ein „Kriegsakt“ der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Gut zwölf Stunden nach den Attacken machte er das radikal-islamische Netzwerk direkt verantwortlich und kündigte „angemessene Entscheidungen“ an. Wenig später tauchte im Internet eine zunächst nicht verifizierbare Erklärung auf, in der sich der IS zu den Anschlägen bekennt.

Erste Spuren nach Belgien und Bayern

Eine erste Spur der Ermittlungen führte nach Belgien. Bei einem Großeinsatz nahm die Polizei mehrere Menschen fest, wie ein Sprecher von Justizminister Koen Geens nach Angaben der belgischen Nachrichtenagentur Belga sagte. In Paris sei ein Mietwagen mit einer Verbindung in den Brüsseler Stadtteil Molenbeek entdeckt worden. Schwer bewaffnete Polizisten durchsuchten dort mehrere Wohnungen. Bei einem der Attentäter wurde ein syrischer Pass gefunden, berichtete die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Polizeikreise. Nach offiziellen Angaben aus Athen soll er Anfang Oktober als Flüchtling aus der Türkei nach Griechenland gekommen sein. Durch welche andere Länder er weiterreiste, war nicht bekannt, wie das Ministerium für Bürgerschutz mitteilte.

Auch Deutschland steht unverändert stark im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus.

Thomas de Maizière, Bundesinnenminister

Die deutschen Behörden gehen nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière mit Hochdruck möglichen Bezügen nach Deutschland nach. Der CDU-Politiker verwies auf den Fall eines 51 Jahre alten Autofahrers, der möglicherweise auf dem Weg nach Paris vor gut einer Woche in Oberbayern mit einem großen Waffen-Arsenal aufgeflogen war. Der Fall werde gerade aufgeklärt, betonte der Minister nach einer Krisensitzung im Kanzleramt. „Es gibt einen Bezug nach Frankreich, aber es steht nicht fest, ob es einen Bezug zu diesem Anschlag gibt.“ De Maizière betonte, die Lage sei ernst: „Auch Deutschland steht unverändert stark im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus.“

Weltweites Entsetzen

Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat sich entsetzt über die Attacken von Paris geäußert. Er sei erschüttert über die Ereignisse, twitterte das Auswärtige Amt am Abend. Steinmeier wurde mit den Worten zitiert: „Wir stehen an der Seite Frankreichs!“ Das Außenministerium in Berlin hat noch keine Gewissheit, ob unter den Opfern der Terroranschläge von Paris auch deutsche Opfer sind. Steinmeier war am Abend gemeinsam mit Frankreichs Staatspräsident Hollande als Zuschauer bei dem Fußball-Länderspiel der deutschen Mannschaft gegen Frankreich im Stade de France in der französischen Hauptstadt. Hollande verließ das Fußballspiel noch vor dem Schlusspfiff. Mittlerweile haben auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, der britische Premier David Cameron und US-Präsident Barack Obama sowie zahlreiche andere Staatschefs ihre Betroffenheit ausgedrückt.

Frankreich befindet sich damit erneut in einem Schockzustand. Die Zeitung „Le Figaro“ titelte: „Krieg mitten in Paris“. Erst vor zehn Monaten hatte ein brutaler Überfall von islamistischen Terroristen auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt das Land erschüttert.