In Lagos, Nigeria, leben mehr als 22 Millionen Menschen. Vor zehn Jahren waren es halb so viele. (Foto: Picture Alliance/AP Photo/Sunday Alamba)
Demografie

Wo sollen sie alle leben?

Aus dem aktuellen BAYERNKURIER-Magazin: Die neue UN-Bevölkerungsprojektion geht von rasanten Wachstumsraten aus – vor allem in Afrika, aber auch in Ländern wie Afghanistan. Auf die möglichen Auswirkungen ist Europa nur schlecht vorbereitet.

Wer den Bürgerkrieg in Syrien verstehen will, der muss sich durch das bildschirmsprengende meterlange Excel-Zahlenwerk der jüngsten UN-Bevölkerungsprojektion 2019 kämpfen. Die Mühe lohnt und verhilft sogar zum Blick in die Zukunft. Eine Warnung: Optimismus kann dabei nicht aufkommen.

Und nun zu Syrien: Unkomplizierte 3,4 Millionen Einwohner zählte die Republik Syrien im Jahr 1950. 60 Jahre später, 2010, waren es 21,3 Millionen – mehr als sechs Mal so viele. Wenn Deutschland im gleichen Zeitraum genauso stark gewachsen wäre, dann hätte es heute, legt man die UN-Zahlen zugrunde, ungemütliche 440 Millionen Einwohner.

Das Problem in Zahlen

In den Zahlen steckt fast die ganze düstere syrische Geschichte: Bevölkerungswachstum, das jedes Wirtschaftswachstum auffrisst, stagnierende Pro-Kopf- Einkommen, Massen analphabetischer junger Leute ohne Aussicht und Auskommen, wilde Brunnenbohrungen, zerstörte Wasseradern, verarmende Landbevölkerung, Flucht zu den Stadträndern, islamische Radikalisierung; Terror hilfloser Diktatoren – bis zum Bürgerkrieg.

Wie es jetzt weitergeht in dem zerstörten Bürgerkriegsland? Auch das lässt sich an der UN-Bevölkerungsprojektion ablesen. 17,5 Millionen Einwohner zählt Syrien heute. Bis zum nicht mehr fernen Jahr 2030 werden es schon wieder 26,6 Millionen sein und 33,1 Millionen bis zum Jahr 2050. Um die Jahrhundertwende soll es 36 Millionen Syrer geben – oder 52 Millionen, wenn eine weniger konservative UN-Pro­gnose recht behält. Wovon sie alle leben sollen, ist offen.

Wachstum in der Wüste

Von beängstigenden Entwicklungen kündet denn auch die aktuelle UN-Bevölkerungsprojektion – vor allem auf Europas Nachbarkontinent: Afrika. Das zeigt etwa das Beispiel Niger. 1950 lebten in dem west­afrikanischen Sahelzonenland 2,5 Millionen Menschen. Heute sind es 24 Millionen – fast zehn Mal so viele. In einem Land, das zu zwei Dritteln aus Sahara besteht. In dem man bei guter Regierung und bei gutem Wetter, was Niger beides nicht hat, vielleicht zehn Millionen Menschen ernähren könnte. Aber eben nicht 24 Millionen oder 35 Millionen, die das Land im Jahr 2030 haben wird. Nicht geredet von 65 Millionen oder 165 Millionen, die die UN für 2050 und für 2100 annimmt – 215 Millionen nach der höheren Schätzung. Die UN-Bevölkerungszahlen für Niger sind real und surreal zu gleich. Real, weil es die Frauen und Mädchen, die die vielen Kinder bekommen werden, schon gibt. Die UN-Prognose stimmt rechnerisch. Surreal sind die Zahlen, weil im Wüstenland Niger natürlich niemals 65 oder 165 oder gar 215 Millionen Menschen leben könnten. Die werden woanders leben müssen – oder gar nicht. Wozu die UN-Prognose schreibt: „Anhaltendes schnelles Bevölkerungswachstum stellt eine Herausforderung für nachhaltige Entwicklung dar.“ So kann man das auch formulieren.

Der Trend in Schwarzafrika

Was für Niger gilt, gilt ähnlich für ganz Schwarzafrika, warnt die UN. Bis 2050 wird die Weltbevölkerung von heute 7,7 Milliarden auf 9,7 Milliarden wachsen. Mehr als die Hälfte dieses Wachstums um zwei Milliarden Menschen findet allein in Subsahara-Afrika statt – von heute 1,06 Milliarden auf 2,1 Milliarden im Jahr 2050. Bis zum Jahr 2100 wird die Zahl der Schwarz- afrikaner um noch einmal 1,6 Milliarden auf knapp 3,8 Milliarden wachsen – oder auf 5,1 Milliarden nach der höheren UN-Schätzung. Und wieder ist klar: Ein großer Teil dieser zusätzlichen Milliarden wird in diesem Schwarzafrika nicht leben können. Jedenfalls nicht zu heutigen Bedingungen. Eine erwartbare Folge: Völkerwanderungen von Dutzenden und Hunderten von Millionen.

Wer wissen will, was da schon in den wenigen Jahren bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts auf Europa zukommt, muss wieder die UN-Bevölkerungsprojektion studieren, Land für Land. Demografische Entwicklungen in Milliarden und Prozenten bleiben abstrakt. Aber Zuwächse in absoluten Millionenzahlen, Land für Land, machen das Problem konkret, beunruhigend konkret. Etwa wenn man jene Länder in den Blick nimmt, aus denen laut Bundesanstalt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) schon heute die meisten Migranten nach Deutschland kommen.

Mit mehr als 10.000 Asylanträgen im Jahr 2018 hat sich Nigeria, Afrikas bevölkerungsreichstes Land, auf Rang vier der Bamf-Liste geschoben, Tendenz steigend. 1950 zählte Nigeria 37,8 Millionen Einwohner. Heute sind es 200 Millionen oder gut fünf Mal so viele.

Allein in den kurzen elf Jahren bis 2030 werden noch einmal 62 Millionen Nigerianer dazukommen. Bis 2050 sage und schreibe 200 Millionen. 401 Millionen Menschen wird das Land dann zählen. Im Jahr 2100 sollen es 732 Millionen sein – oder 984 Millionen, wenn die höhere UN-Schätzung recht behält. Völlig klar: Mit Stabilität darf in Nigeria niemand rechnen, nicht in den nächsten Jahren und nicht in den nächsten Jahrzehnten.

Alarmierende Prognosen

Ebenfalls weit oben auf der Bamf-Rangliste stehen die ostafrikanischen Länder Eritrea und Somalia. Eritrea zählte 1950 ganze 800.000 Einwohner. Heute sind es 3,5 Millionen, mehr als vier Mal so viele. Bis 2030 wird Eritreas Bevölkerung um 700.000 auf 4,2 Millionen und bis 2050 auf sechs Millionen anwachsen. Bis zum Jahr 2100 rechnet die UN mit gut 9 oder gar 12,7 Millionen Eritreern.

Wieder regelrecht alarmierend sind die UN-Zahlen für das ostafrikanische Warlord-Land Somalia. 1950 zählte das Land am Horn von Afrika 2,2 Millionen Somalier. Heute sind es 15,5 Millionen, fast sieben Mal so viele, was die Zustände dort erklärt. In den nächsten zehn Jahren werden sechs Millionen Somalier hinzukommen, bis zum Jahr 2050 sogar 20 Millionen. Dann wird der bettelarme, gescheiterte Staat 35 Millionen Menschen zählen. Bis zur Jahrhundertwende sollen es 75 Millionen Somalier sein oder 101 Millionen nach der höheren UN-Schätzung. Auch diese Zahlen sind zugleich real und völlig irreal. Auch sie künden von noch mehr Chaos und noch mehr Gewalt: Die Massenflucht der Somalier hat wahrscheinlich noch gar nicht richtig begonnen.

Bevölkerungszuwachs im Krieg

Um einmal konkret vorzurechnen, was schon bald aus Afrika auf Europa zukommen kann: Allein die vier Sahelzonen-Länder Mali, Burkina Faso, Niger und Tschad werden schon in den kommenden zehn Jahren um 31,6 Millionen Einwohner wachsen, bis 2050 um 104,6 Millionen. Ganz Subsahara- Afrika wird wieder nur in den kommenden zehn Jahren um mehr als 330 Millionen Einwohner zulegen. Und das sind, wie gesagt, nur die Zuwächse.

Zum Vergleich: Syrien hatte zu Beginn des Bürgerkrieges eine Gesamtbevölkerung von nur 21 Millionen. Das genügte, um eine Flüchtlingskrise auszulösen, die Europa noch immer erschüttert. Was nur bedeutet: Die wirkliche Flüchtlingskrise könnte den Europäern noch bevorstehen. Das zeigt auch der Blick auf einen nichtafrikanischen Bamf-Asyl-Spitzenreiter: Afghanistan. 1950 zählte das Land am Hindukusch genau 7,5 Millionen Menschen. Heute sind es 38 Millionen. Interessant: 2001 waren es „nur“ 21 Millionen, was bedeutet: In 17 Jahren Afghanistan-Krieg ist die Bevölkerung dort um 17 Millionen gewachsen – um 75 Prozent. Und so geht es weiter: Schon bis 2030 werden der UN-Projektion zufolge noch einmal zehn Millionen Afghanen hinzukommen, bis 2050 fast 30 Millionen. Afghanistans Bevölkerung wird dann 64,4 Millionen betragen.

Die Zahlen arbeiten den Taliban zu. Stabilisierung steht in Afghanistan wohl nicht auf dem Programm, genauso wenig im zunehmend radikalislamischen Nachbarland: der Atommacht Pakistan. Dessen Bevölkerung hat sich seit 1950 von 37,5 Millionen auf heute 216,5 Millionen fast versechsfacht. Und so geht es auch dort weiter: Bis 2030 werden laut UN-Prognose 46,4 Millionen Pakistaner hinzukommen, bis 2050 gar 121,5 Millionen. Zur Jahrhundertwende wird sich Pakistans Bevölkerung gegenüber heute auf 403 Millionen verdoppelt haben.

Millionen wollen weg

Fast 40 Prozent der Afrikaner denken darüber nach auszuwandern. Das brachte im vergangenen März eine große Umfrage der panafrikanischen Forschungsinstitution Afrobarometer zutage. Das Forschungsnetzwerk hatte dazu in 34 afrikanischen Ländern etwa 45.000 Afrikaner befragt. Drei Prozent der Befragten hatten schon konkrete Pläne. Nach heutigen Bevölkerungszahlen wären drei Prozent etwa 40 Millionen Menschen.

Noch wollen der Umfrage zufolge ein Drittel der potenziellen Migranten in der Region bleiben, in Afrika. Tatsächlich hat etwa Südafrika für afrikanische Binnenmigranten jahrzehntelang sozusagen als Überlaufbecken fungiert. Das endet jetzt. Südafrika kann nicht mehr und will nicht mehr. Aber  Afrikas Bevölkerungsexplosion geht weiter, immer schneller und wird sich Luft verschaffen – außerhalb Afrikas. Da kommen nur zwei Regionen in Frage: das ferne Amerika und das nahe Europa