Kiew: Ukrainische Soldaten tragen Särge der bei Avdiivka gefallenen Kameraden. (Bild: Imago/Zuma Press/Maxym Marusenko)
Kiew: Ukrainische Soldaten tragen Särge der bei Avdiivka gefallenen Kameraden. (Bild: Imago/Zuma Press/Maxym Marusenko)

Im ostukrainischen Kriegsgebiet Donbass sind bei Gefechten bei Avdiivka gegen prorussische Separatisten mindestens sieben ukrainische Soldaten getötet und dutzende weitere verletzt worden. Andere Quellen nannten zwischen 70 und 200 Tote sowie Verletzte. Avdiivka ist eine Stadt in der Ostukraine, die von den ukrainischen Regierungstruppen kontrolliert wird und sechs Kilometer östlich von Donezk entfernt liegt. Die Armeeführung in Kiew warf den von Moskau unterstützen Aufständischen Angriffe aus Wohngebieten der Separatistenhochburg Donezk heraus mit Raketenwerfern vom Typ BM-21 “GRAD” und Artillerie vor. Ziel sei es, die Ukraine zu Gegenschlägen auf diese Wohngebiete zu provozieren. Medien berichten zudem, dass zwei Zivilisten getötet wurden. Auch Wohnbezirke von Avdiivka wurden danach von den Separatisten beschossen.

Strategisch wichtige Stadt unter Beschuss

Avdiivka ist für beide Konfliktparteien strategisch wichtig. Anastasia Magazowa, Korrespondentin der Deutschen Welle in der Ukraine, die derzeit aus der Stadt berichtet, betonte, dass sich in Avdiivka eine Kokerei befinde, die zu den größten Produzenten des Brennstoffs Koks (nicht zu verwechseln mit dem Umgangswort für die Droge Kokain) in Europa zähle. Die Stadt Avdiivka ist auch ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in der Region Donezk. Laut den Minsker Vereinbarungen gehört Avdiivka zu den von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebieten. Doch die Stadt wurde schon mehrfach unter Beschuss genommen.

Den Separatisten zufolge wurden bei Attacken der ukrainischen Armee fünf Zivilisten verletzt. Sie nannten sogar 150 Opfer auf ukrainischer Seite. Dmitrij Peskow, Pressesprecher des Kremls, warf den ukrainischen Soldaten vor, die Separatisten bei Avdiivka anzugreifen. Paradoxerweise machten russische Medien die Ukraine auch für den Beschuss von Avdiivka selbst verantwortlich – danach hätte die Ukraine eigene Gebiete angegriffen.

Rund 400.000 Einwohner der Region waren nach den Attacken ohne Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung – bei Außentemperaturen von minus 18 Grad. In der Stadt wurden mobile Heizstationen und eine mobile Lebensmittelversorgung aufgebaut. Das Rote Kreuz der Ukraine schickte humanitäre Hilfe. Die Ukraine traf Vorkehrungen, um bis zu 12.000 Einwohner zu evakuieren. Journalisten vor Ort berichteten, dass einige Bewohner, insbesondere Behinderte und Schwerkranke, die Stadt bereits verlassen hätten. Mittlerweile ist die Heizung in der umkämpften Stadt Avdiivka in Teilen wieder hergestellt. Der Donezker Gouverneur Pawel Schebrowski sagte, um die Stromleitungen zu reparieren, müssten aber zunächst die Waffen schweigen.

Eine Eskalation der Gefechte wurde auch bei der südlichen Hafenstadt Mariupol und im Gebiet Luhansk gemeldet.

Waffenruhe hält nicht

Der Sondergesandte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Martin Sajdik, rief die Konfliktparteien auf, die Waffenruhe einzuhalten. Schweres Kriegsgerät solle bis zum Wochenende von der Front zurückgezogen werden, sagte er nach einer Sitzung der Kontaktgruppe am Mittwochabend. Das Gremium mit Vertretern der OSZE, Russlands und der Ukraine vermittelt in dem Konflikt. Zur Eskalation kam es während des Besuches des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in Deutschland.

Poroschenko in Berlin: Sanktionen verschärfen

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich im Konflikt mit Russland über die Lage in der Ostukraine eng an die Seite von Präsident Petro Poroschenko gestellt, der sie am Montag besucht hatte. Einen Waffenstillstand gebe es nicht, die Sicherheitslage an der Kontaktlinie zwischen Kiewer Regierungstruppen und prorussischen Separatisten sei besorgniserregend, kritisierte Merkel. Poroschenko forderte eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland, falls in Verhandlungen keine Fortschritte erreicht werden könnten. Er sprach von einem barbarischen Vorgehen. Sein Land sei bei der Lösung des Konflikts auf ein einiges und solidarisches Europa angewiesen. Nach UN-Angaben sind in dem seit 2014 andauernden Krieg in der Ostukraine etwa 10.000 Menschen getötet worden.

Der ukrainische Präsident kündigte eine Volksabstimmung über einen Beitritt seines Landes zur Nato an. Poroschenko verwies in einem Interview der Funke Mediengruppe auf Umfragen, wonach 54 Prozent seiner Landsleute für eine Mitgliedschaft im westlichen Militärbündnis seien. Vor vier Jahren seien es noch 16 Prozent gewesen.

Ukraine mit Lichtblicken

Merkel plädierte für ein Festhalten an einer Verhandlungslösung auf Grundlage des Minsker Abkommens – „auch wenn das sich als sehr schwierig erweist“. Es bleibe dabei trotz vieler Widerstände der richtige Weg. Seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine vor 25 Jahren sei eine enge Freundschaft zwischen beiden Ländern entstanden, betonte Merkel. Ausdrücklich lobte sie die Reformen in der früheren Sowjetrepublik. Das Land habe bisher „alle Meilensteine“ eines schwierigen Programmes des Internationalen Währungsfonds erfüllt. In der Ukraine gebe es nach harten Reformen wieder ein Wirtschaftswachstum. In dem Land arbeiteten 1200 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung, die deutschen Exporte in die Ukraine seien in den ersten drei Quartalen 2016 um fast 17 Prozent gestiegen. Im Anschluss an ihr Gespräch gedachten Merkel und Poroschenko am Berliner Breitscheidplatz der Opfer des islamistischen Terroranschlags vom 19. Dezember. Unter den zwölf Todesopfern war auch ein Ukrainer. Wegen der Kämpfe reiste der ukrainische Präsident nach den offiziellen Terminen vorzeitig wieder ab.

„Wir bitten, den politischen und diplomatischen Druck auf den Kreml zu verstärken, damit diese gefährliche Eskalation im Donbass gestoppt und eine humanitäre Katastrophe vermieden wird.

Ukrainisches Außenministerium

Das ukrainische Außenministerium drückte ganz aktuell seine Sorgen aus, dass sich der Beschuss seitens der russischen Terrorverbände im Donbass intensivierte. In den letzten Tagen stand danach sogar die gesamte Kontaktlinie durch die russischen Besatzungstruppen unter Beschuss. Dabei kamen das Raketensystem BM-21 GRAD, Artillerie mit einem Kaliber von 152 und 122 Millimetern, Granatwerfer mit einem Kaliber von 120 und 82 Millimetern, Panzer und Schützenwaffen zum Einsatz, die laut Minsker Vereinbarungen verboten sind. Man wende sich deshalb an die internationalen Partner und bitte, „den politischen und diplomatischen Druck auf den Kreml zu verstärken, damit diese gefährliche Eskalation im Donbass gestoppt und eine humanitäre Katastrophe vermieden wird“.

(dpa/Internews Ukraine/EuromaidanPress)