Betriebsratschef Uwe Hück bei einem Warnstreik vor dem Porsche-Museum in Stuttgart. (Foto: dpa/Sebastian Gollnow)
Tarifkampf

„Reine Stimmungsmache“

Im Kampf um mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten hat die IG Metall die Warnstreiks ausgeweitet und einen der "härtesten Tarifkämpfe" angekündigt. Die Arbeitgeber halten Teile der Forderungen für unrechtmäßig und sprechen von "reiner Stimmungsmache".

Die IG Metall fordert sechs Prozent mehr Lohn und das Recht für jeden Beschäftigten, seine Arbeitszeit bis zu zwei Jahre lang von 35 auf 28 Stunden pro Woche zu verkürzen, mit teilweisem Lohnausgleich. Diesen Zuschuss bei kürzerer Arbeitszeit sollen aber nur Schichtarbeiter, Eltern junger Kinder sowie pflegende Familienangehörige erhalten. Also Personen, die „gesellschaftlich wichtige Aufgaben“ wahrnehmen wollten oder, wie bei Schichtarbeitern, die dies für den Erhalt ihrer Gesundheit bräuchten, so IG-Metall-Chef Jörg Hofmann in der Passauer Neuen Presse. Ein genereller Einstieg in die 4-Tage-Woche sei nicht geplant. Es handele sich um eine „neue tarifliche Sozialleistung“ ähnlich der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Allerdings räumte Hofmann ein, dass unbekannt sei, wie viele Arbeitnehmer diese Leistung in Anspruch nehmen könnten. Laut Mitgliederbefragung der IG Metall habe jeweils knapp ein Viertel der Beschäftigten kleine Kinder im Haushalt und pflegebedürftige Angehörige. Längst nicht jeder davon werde die reduzierte Arbeitszeit nutzen, die zumindest in höheren Verdienstgruppen mit deutlichen Einkommensverlusten verbunden sei. Dennoch ist damit letztlich unklar, wie viel Geld eine solche Unterstützung kosten würde – ein Risiko, das die Arbeitgeber natürlich nicht eingehen wollen.

Flexibilisierung der Arbeitszeiten

„Es würde in einem Unternehmen den Betriebsfrieden stören, wenn einzelne Mitarbeiter ihre Arbeitszeit verkürzen können, dafür einen Lohnausgleich erhalten, während die Kollegen die Arbeit übernehmen müssen, aber nicht mehr Geld gezahlt bekommen“, sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer der Rheinischen Post. Die Arbeitgeber verlangen eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten nach oben, über die 35-Stunden-Woche hinaus. Sie halten die Kürzungsoption auch für rechtswidrig, weil daraus Ungleichbehandlungen gegenüber Mitarbeitern entstünden, die jetzt schon ohne Ausgleich in Teilzeit arbeiten. Ein Streik, mit dem eine rechtswidrige Forderung durchgesetzt werden solle, sei obendrein insgesamt unzulässig, heißt es in einem arbeitsrechtlichen Gutachten.

Wir haben bereits mit die höchsten Arbeitskosten der Welt. Da sind Entgeltforderungen in Höhe von sechs Prozent völlig überzogen. Sie gefährden die Zukunft unseres Standorts und seiner Arbeitsplätze.

Bertram Brossardt, Arbeitgeberverband vbm

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie (vbm), erklärte: „Die IG Metall betreibt reine Stimmungsmache. Dass die Arbeitgeber vermeintlich die 35-Stunden-Woche abschaffen wollen, ist falsch. 35 Stunden bleiben die Ankerarbeitszeit in der M+E Industrie. Aber wenn man Flexibilität nach unten ermöglicht, muss man auch Flexibilität nach oben schaffen. Uns geht es darum, dass diejenigen, die gerne mehr arbeiten und entsprechend mehr verdienen wollen, dies auch können.“ Heute dürften nur höchstens 13 Prozent der in einem Betrieb beschäftigten Mitarbeiter länger als 35 Wochenstunden arbeiten.

Arbeitgeber: Gewerkschaft gefährdet den Standort

Die Arbeitgeber haben eine Einmalzahlung und zwei Prozent mehr Lohn angeboten. „Die Beschäftigten der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie erhalten damit im Kalenderjahr 2018 insgesamt 2,35 Prozent mehr Entgelt – ein erneutes Reallohnplus“, erklärte Brossardt. Der vbm hatte dieses Angebot vorgelegt, obwohl es bei dem derzeitigen Jahres-Durchschnittseinkommen der Metaller von 58.200 Euro „keinen Nachholbedarf“ gebe. „Die Lohnerhöhungen summieren sich seit 2012 auf rund 20 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist die Produktivität aber nur um zwei Prozent gestiegen“, warnte Brossardt. Die für die internationale Wettbewerbsfähigkeit ausschlaggebenden Lohnstückkosten legten demnach um über 17 Prozent zu. „Wir haben bereits mit die höchsten Arbeitskosten der Welt. Da sind Entgeltforderungen in Höhe von sechs Prozent völlig überzogen“, betonte der Arbeitgeber-Vertreter.

Den eingeschlagenen Weg der IG Metall, durch Warnstreiks die Auseinandersetzung auf die Straße zu verlegen, lehnen wir ab. Wir stehen für Lösungen am Verhandlungstisch bereit.

Bertram Brossardt

Es gehe laut vbm auch darum, den Tarifvertrag moderner zu machen. „Es muss möglich sein, heute überholte Regelungen an die Realität anzupassen.“ Veränderungen beim Renteneintrittsalter sowie bessere Arbeitsbedingungen für Ältere würden im Tarifvertrag nicht nachvollzogen. Insbesondere seien altersgerechte Arbeitsplätze bereits heute betriebliche Realität. „Der Tarifvertrag ist an diesen Stellen veraltet“, so Brossardt.

Sorgen bereitet auch der weiter wachsende Arbeitskräftemangel. Gesucht werden vor allem Ingenieure und Informatiker, aber auch Metall- und Elektro-Facharbeiter. „Die Zahlen sind besorgniserregend: Während in Mittelfranken auf eine offene Stelle 2,2 Arbeitslose kommen, sind es in der mittelfränkischen M+E Industrie nur 0,9. Das führt schon heute bei über 86 Prozent der Betrieben zu Einschränkungen in der Produktion“, betont Martin Sommer, vbm-Vorstandsvorsitzender der Region Nürnberg-Fürth-Erlangen.

Warnstreiks auch in Bayern

Im Kampf um mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten hat die IG Metall die Warnstreiks am Dienstag kräftig ausgeweitet. Allein in Nordrhein-Westfalen legten 32.000 Beschäftigte in 143 Betrieben die Arbeit nieder, bundesweit waren es 60.000, wie die Gewerkschaft mitteilte. Der bayerische IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler kündigte bei einer Kundgebung mit 4.000 Beschäftigten in Schweinfurt den „vielleicht härtesten Tarifkampf seit 20 Jahren“ an. An der Kundgebung nahmen Mitarbeiter der Industrie- und Autozulieferer Schaeffler, Bosch-Rexroth, ZF und SKF teil. Die dritte Verhandlungsrunde für die 3,9 Millionen Metaller in Deutschland beginnt am Donnerstag in Böblingen bei Stuttgart.