Beim Dankes-Festakt 70 Jahre nach der Vertreibung im oberpfälzischen Wiesau: Landtagsabgeordneter Josef Zellmeier (CSU), Steffen Hörtler, Landesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bayerns Sozialministerin Emilia Müller (CSU), der Wiesauer Bürgermeister Toni Dutz (CSU), der ungarische Generalkonsul in München, Gábor Tordai-Lejkó, der stellvertretende Landrat von Tirschenreuth, Alfred Scheidler (CSU) und der Landtagsabgeordnete Tobias Reiß. (Foto: Herbert Fischer/Sudetendeutsche Zeitung/fkn)
Beim Dankes-Festakt 70 Jahre nach der Vertreibung im oberpfälzischen Wiesau: Landtagsabgeordneter Josef Zellmeier (CSU), Steffen Hörtler, Landesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bayerns Sozialministerin Emilia Müller (CSU), der Wiesauer Bürgermeister Toni Dutz (CSU), der ungarische Generalkonsul in München, Gábor Tordai-Lejkó, der stellvertretende Landrat von Tirschenreuth, Alfred Scheidler (CSU) und der Landtagsabgeordnete Tobias Reiß. (Foto: Herbert Fischer/Sudetendeutsche Zeitung/fkn)

„Neben Furth im Wald und Hof-Moschendorf war hier, in diesem oberpfälzischen Marktflecken Wiesau, eines der großen Durchgangslager für die Vertriebenen in Richtung Westen“, erklärte Steffen Hörtler, der Landesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) Bayern. Die Landsmannschaft hatte den Dankes-Festakt in Wiesau 70 Jahre nach dem Beginn der organisierten Vertreibung der Sudetendeutschen 1946 veranstaltet.

Diese Integrationsleistung ist ein Meilenstein in der jüngsten deutschen und bayerischen Geschichte.

Steffen Hörtler, SL

„Vor genau 70 Jahren kamen hier die organisierten Vertreibungstransporte an. Es waren also nicht spontane Racheaktionen nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges, sondern eiskalte vorgedachte und geplante Nachkriegsverbrechen“, so Hörtler. „Mit nichts außer ihrem wenigen Fluchtgepäck sind in den Jahren 1945/46 über eine Million Sudetendeutsche nach Bayern gekommen, in ein Land, das in Trümmern lag“, erklärte der Landesobmann im Rückblick.

Ausgeraubt und aus der Heimat verjagt, aber voller Mut

Hörtler erklärte weiter: „Doch aufgegeben haben sie nicht. Im Gegenteil: Als Geigenbauer in Bubenreuth, als Glasschleifer im Fichtelgebirge, als Schmuckhersteller in Neugablonz und dank ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten auch in vielen anderen Berufen haben die Landsleute gemeinsam mit den Einheimischen den Wiederaufbau in allen Teilen Bayerns unterstützt.“

Mit Blick auf beide Bevölkerungsgruppen, die ur-bayerische wie auch die Neu-Bayern aus dem Sudetenland, dankte Hörtler: „Diese Integrationsleistung ist ein Meilenstein in der jüngsten deutschen und bayerischen Geschichte. Sie soll in unserer heutigen Zeit Mut machen: Wer integrationsbereit ist, der kann unter schwierigsten Bedingungen Beachtliches schaffen.“

Wiesau, Furth und Hof waren Türen zu Frieden und Freiheit

Bayerns Sozialministerin Emilia Müller (CSU) sagte in ihrer Festansprache: „Vertrieben und ihrer Heimat beraubt, kamen die Sudetendeutschen nach entsetzlichen Leiden hier in Wiesau an. Sie hatten alles verloren, was sie besaßen. Sie hatten nichts und wussten nicht, wie es weitergehen wird – nur eines wussten sie: Hier in Wiesau war dieser schreckliche Weg des Leidens zu Ende. Hier in Wiesau endeten Verfolgung, Gewalt und Willkür. Hier in Wiesau öffnete sich für sie die Tür zu einem neuen Anfang, zu einem Leben in Frieden und Freiheit.“

Hier in Wiesau öffnete sich für sie die Tür zu einem neuen Anfang, zu einem Leben in Frieden und Freiheit.

Emilia Müller

„Was damals gelang, wird heute zu Recht als Integrationswunder bezeichnet. Dazu haben alle beigetragen. Die Einheimischen ebenso wie die deutschen Heimatvertriebenen“, fuhr Müller fort. „Integration gelingt nur, wenn der Wille zur Integration da ist: Die Sudetendeutschen haben sich damals für den Aufbau unseres Landes eingesetzt. Sie haben ihr Know-how eingebracht und engagiert mit angepackt. So wurden sie zu geschätzten und anerkannten Mitbürgerinnen und Mitbürgern.“

Grundgesetz als Grundlage des Zusammenlebens

Grundlage für diese erfolgreiche Geschichte sei die Bayerische Verfassung und das Grundgesetz gewesen, zu dem sich alle – auch die deutschen Heimatvertriebenen – uneingeschränkt bekannten. Müller: „1949 wurden in unserem Grundgesetz die Grundwerte von Freiheit und Demokratie festgeschrieben. Das Grundgesetz hat den gemeinschaftlichen Geist geprägt, zu dem sich die Bürger der Bundesrepublik Deutschland bekannten – gleich ob sie Vertriebene oder Einheimische waren. Hieraus erwuchs die Gemeinschaft und hieran orientiert sich das Handeln aller, damals wie heute.“

Die Sudetendeutschen leisten großartige Arbeit für den Erhalt ihrer Kultur.

Johannes Hintersberger

Die bayerische Sozialministerin unterstrich weiter: „Trotz des erlittenen Unrechts haben die deutschen Heimatvertriebenen schon 1950 mit der Charta der deutschen Heimatvertriebenen dazu aufgerufen, auf Rache und Gewalt zu verzichten. Sie haben ein klares Bekenntnis zur Schaffung eines geeinten Europas, zur Verständigung zwischen den Staaten, den Völkern und Volksgruppen abgegeben. Sie sind wahre Brückenbauer im geeinten Europa.“

Verzicht auf Rache und Gewalt

Die Gedenkveranstaltung in Wiesau gehört in einen ganzen Reigen von Veranstaltungen, in denen heuer der Ankunft der Vertriebenen vor 70 Jahren gedacht wurde: Zu Jahresbeginn veranstaltete die Sudetendeutsche Landsmannschaft ein Gedenken in Schwabach. Die Ankunft der Vertriebenen wurde auch beim Pfingsttreffen der Sudetendeutschen in Nürnberg, beim bayerischen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung, der ebenfalls in Nürnberg begangen wurde, sowie beim Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen in Marktredwitz gewürdigt. Bayerns Sozialstaatssekretär Johannes Hintersberger hob dabei hervor: „Trotz des erlittenen Unrechts haben die deutschen Heimatvertriebenen schon 1950 mit der Charta der deutschen Heimatvertriebenen dazu aufgerufen, auf Rache und Gewalt zu verzichten. Sie haben ein klares Bekenntnis zur Schaffung eines geeinten Europas, zur Verständigung zwischen den Staaten, den Völkern und Volksgruppen abgegeben. Sie sind wahre Brückenbauer im geeinten Europa.“

Vertriebene reichen die Hand zur Versöhnung

Zuvor hatte der Staatssekretär am Deutsch-tschechischen Gesprächsforum in Marienbad teilgenommen und zusammen mit dem Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, die Orte Eger, Neudek, Reichenberg und Gablonz besucht. Er hat sich selbst ein Bild davon gemacht, mit welchem Engagement die Sudetendeutschen ihre Heimat im Sudetenland bis heute unterstützen, und resümiert: „Was ich bei meinem Besuch in Eger, Neudek, Reichenberg und Gablonz erleben konnte, hat mich tief beeindruckt: Die Sudetendeutschen leisten großartige Arbeit für den Erhalt ihrer Kultur. Sie stärken von Bayern aus ihre Heimatregionen und stützen die Deutsche Minderheit. Ihr Eintreten für das gute Miteinander auf der Basis von Wahrheit und Gerechtigkeit, hat den Weg dafür gebahnt, dass der Dialog vorankommt.“

Der SL-Landesvorsitzende Steffen Hörtler formulierte es aus seiner Perspektive ganz ähnlich: „Wir – die Sudetendeutschen in Bayern – sind diejenigen, die trotz der unmenschlichen Vertreibung und Enteignung den Tschechen im Sinne der Verständigung und Versöhnung die Hand reichen. Wir stehen für eine ehrliche Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte. Wir sind Partner und wollen dies auch sein.“