Debatte um den Kampf gegen das Insektensterben: Ein Tagpfauenauge saugt Nektar aus den Blüten eines Baumes. (Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)
Artenvielfalt

Der Kampf gegen das Insektensterben

Untersuchungen in einigen Regionen Deutschlands belegen einen immensen Insektenschwund in den vergangenen Jahrzehnten. In der Debatte, wer oder was dafür verantwortlich ist, gibt es Unstimmigkeiten.

Detailanalysen des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) zeigen, welche Insekten-Arten besonders im Sinkflug sind. „Es ist ein Rückgang, der sich durch ganz unterschiedliche Gruppen zieht“, sagte dessen Präsidentin Beate Jessel in Bonn. So seien 96 Prozent der Köcherfliegenarten rückläufig. Bei Wildbienen nähmen die Bestände bei 52 Prozent aller Arten ab. „Auch bei den Laufkäfern und bei den Ameisen haben wir sehr hohe Gefährdungsgrade und Rückgänge zu verzeichnen.“ Es gebe auch einige Gewinner wie bestimmte Libellenarten. Sie profitierten möglicherweise von der Renaturierung von Gewässern oder auch vom Klimawandel. Die Verliererarten seien allerdings deutlich in der Überzahl.

Die Bestände seien „unstrittig stark rückläufig“, bestätigte Jessel. Anschaulich könne man das als Normalbürger am „Windschutzscheibeneffekt“ sehen: Anders als vor 20 oder 30 Jahren klebten nach einer längeren Autofahrt kaum noch Mücken und Fliegen auf der Scheibe. Das sei natürlich noch kein wissenschaftlicher Beweis, aber anschaulich für jedermann.

Die Suche nach der Ursache

Der Insektenrückgang habe viele Ursachen, die ineinander griffen. Hauptverursacher sei aber, meint jedenfalls die BfN-Präsidentin, die intensive Landwirtschaft mit ihrem hohen Pestizideinsatz. „Wir brauchen dringend eine Wende in der Agrarpolitik hin zu einer naturverträglicheren Landwirtschaft“, forderte Jessel. Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze mahnte: „Die intensive Landwirtschaft ist hauptverantwortlich für den dramatischen Rückgang im Bestand von Bienen, Fliegen, Käfern, Schmetterlingen.“

Als eine weitere Ursache für den Insektenrückgang nannte Jessel Lichtverschmutzung. „Schon eine einzige Straßenlampe in der Nähe eines Gewässers entfaltet einen sogenannten Staubsaugereffekt.“ Sie ziehe in einer Nacht so viele Köcherfliegen an, wie in einem Gewässerstreifen von 200 Metern Breite schlüpften. Die Tiere schwirren dann um die Lichtquelle herum, bis sie schließlich erschöpft zu Boden fallen oder zur leichten Beute für Fledermäuse werden.

Offene Fragen, fehlende Zuständigkeit

Die neuen Untersuchungen fanden allerdings in ausgewählten Naturschutzgebieten statt, in denen gar keine intensive Landwirtschaft betrieben wird. BfN-Präsidentin Beate Jessel sagte nun, wenn die Insekten selbst in Schutzgebieten keine Rückzugsräume mehr fänden, sei „eine dringende Umsteuerung in der Landwirtschaft und in der Agrarpolitik geboten“. Einen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Pestizide die – naheliegende – Ursache für das Artensterben sind, gibt aber auch die neue Untersuchung nicht. Schließlich könnte auch die Zunahme an Monokulturen und der Schwund an Rückzugsräumen eine oder die Ursache sein. Studien gibt es viele, die sich teilweise auch widersprechen: So zeigten im September 2018 Forscher, dass Glyphosat die Darmflora von Bienen verändern kann. In einer Untersuchung von 2015, in der die Wirkung von 42 verbreiteten Pestiziden auf Honigbienen untersucht wurde, listeten die Wissenschaftler Glyphosat dagegen nur auf Platz 42 als im Vergleich am wenigsten giftig.

Es reicht nicht, nur mit dem Finger auf die Landwirte zu zeigen.

Julia Klöckner

Die Große Koalition hatte sich bereits darauf verständigt, den Einsatz breit wirkender Unkrautvernichtungsmittel wie Glyphosat schrittweise zu reduzieren. Zuständig ist dafür das Landwirtschaftsministerium von Julia Klöckner (CDU). Sie hatte bereits im April Eckpunkte vorgestellt, die seitdem zwischen den Ministerien abgestimmt werden. Dazu gehörte unter anderem ein Verbot in Privatgärten und in öffentlichen Anlagen wie Parks sowie Auflagen für Landwirte, etwa Hecken als Rückzugsräume für Insekten. „Doch es reicht nicht, nur mit dem Finger auf die Landwirte zu zeigen. Wir müssen auch über weitere Faktoren wie die Lichtverschmutzung oder die Gestaltung öffentlicher Flächen sprechen“, argumentierte Klöckner damals. Klöckner war nun auch nicht erfreut, dass die SPD-Ministerin ohne Abstimmung mit ihr und ohne Zuständigkeit vorpreschte, auch wenn man sich im Ziel einig sei. „Dabei hilft es auch nicht in der Sache, bereits geregelte Zuständigkeiten wieder einmal in Frage zu stellen“, sagte die Bundeslandwirtschaftsministerin. Bereits in den vergangenen fünf Jahren sei der Glyphosat-Einsatz um ein Drittel reduziert worden, betonte Klöckner. Sie warnte auch, die neue Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung müsse rechtssicher sein. Sonst drohen teure Schadensersatzklagen der Hersteller und der Landwirte. Bis Ende 2022 ist Glyphosat EU-weit erlaubt und kann daher nicht generell verboten werden.

Schulze forderte jedoch: „Wir wollen den Ausstieg jetzt schrittweise vorantreiben, inklusive eines Enddatums.“ Ab 2020 sollten nach der Idee von Schulze deutsche Landwirte alle Mittel, die die Artenvielfalt schädigen, nur noch spritzen dürfen, wenn sie gleichzeitig zehn Prozent der Fläche als Ausgleichsfläche unbehandelt lassen. Und mindestens 20 Meter Abstand zu Gewässern bei der Ausbringung sollen auch eingehalten werden. Schulze will in „ökologisch sensiblen“ Gebieten und in Wasserschutzgebieten ein Verbot. Außerdem soll die Zulassungspraxis für Pestizide geändert werden. Das Umweltbundesamt werde jetzt einen ersten Bescheid mit den Auflagen zur Anwendung glyphosathaltiger Mittel an das Landwirtschaftsministerium schicken – noch ein unabgestimmter Vorschlag.

Kritik der Verbände

„Leider ist die Debatte um Glyphosat in Deutschland von politischen Interessen statt von fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen geprägt“, sagte Helmut Schramm, Geschäftsführer von Bayer CropScience Deutschland, dem Tagesspiegel. Bayer hatte den Glyphosat-Erfinder Monsanto kürzlich übernommen. Ohne das Herbizid wäre die Unkrautbekämpfung schwieriger und weniger nachhaltig, Landwirte müssten mehr pflügen. Das schädige den Boden und schade der Biodiversität. Darüber hinaus würde ein Verbot von Glyphosat zu weiteren Wettbewerbsnachteilen deutscher Landwirte gegenüber der internationalen Konkurrenz führen.

Auch der Bauernverband nannte Schulzes Vorschlag „wenig durchdacht und inakzeptabel“, er gefährde die laufenden Verhandlungen. Zwar sei eine Reduzierung des Glyphosateinsatzes sinnvoll, aber es gebe bisher keine Studie, die einen Ausstieg rechtfertigen würde.

Glyphosat

Glyphosat zählt weltweit zu den meistverwendeten Herbiziden, das meistuntersuchte ist es in jedem Fall. Weniger gründlich untersuchte Ersatzmittel könnten also gefährlicher sein. Weltweit befanden viele Behörden, dass der Stoff nicht krebserregend sei, darunter etwa das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, die US-amerikanische Umweltbehörde und das Joint Meeting on Pesticide Residues der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ sei. Sie untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen, nicht jedoch, wie groß diese Gefahr ist, ob und ab welcher Dosis ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als „wahrscheinlich krebserregend“ ein.