Der „Vater unser“-Spot der Kirche von England, den die britischen Kinobetreiber boykottieren: Wie sollen betende Kinder, Flüchtlinge und Trauernde religiöse Gefühle verletzen? (Copyright: Church of England/ Screenshot: wog)
Großbritannien

Kinobetreiber verbieten das „Vater unser“

Ein heftiger Streit um das wichtigste Gebet der Christenheit erschüttert Großbritannien: Die Kirche von England wollte mit einem bezahlten Kinospot für das „Vater unser“ werben, in dem verschiedene Bevölkerungsgruppen je eine Zeile des Gebets sprechen. Doch die Kinobetreiber zeigen den Spot nicht, weil er religiöse Gefühle von Moslems und Atheisten verletzen könnte. So weit ist es gekommen.

Es sollte ein schöne vorweihnachtliche Aktion werden, um den Menschen den Wert des Gebets in Erinnerung zu rufen: Im Vorprogramm des neuen „Star Wars“-Films hatte die Church of England (Anglikanische Kirche) landesweit einen Spot geschaltet, in dem in knapp einer Minute alle möglichen Bevölkerungsgruppen, Berufe, Altersgruppen und Hautfarben das wichtigste Gebet der Christenheit beten, das „Vater unser“.

Vom Kirchenoberhaupt, dem Erzbischof von Canterbury, über einen Trauernde am Friedhof, einen Schafhirten, einen Gospelchor, Polizisten, Rettungssanitäter, Kraftsportler, eine Hochzeitsgesellschaft, eine Grundschulklasse bis hin zu einer christlichen Flüchtlingsfamilie aus Somalia: Alle finden Trost in dem Gebet, das Jesus laut der Überlieferung seinen Jüngern in der Bergpredigt lehrte (Mt 6, 9-13). Jede der Gruppen betet in dem nur 56 Sekunden langen Spot je eine Zeile.

Besonders bemerkenswert dabei: Gerade dieses Gebet enthält neben den christlich-religiösen Aspekten und den Bitten um die Erfüllung der Grundbedürfnisse aller Menschen auch eine zentrale Friedensbotschaft. Damit kommt ihm gerade in Zeiten der weltweiten Terrorangst und Kriegsgefahr wichtige Bedeutung zu.

Wir finden das wirklich erstaunlich, enttäuschend und verwirrend.

Arun Arora, Sprecher der Church of England

Der Spot ging seinen üblichen Weg durch alle Prüfinstanzen und wurde freigegeben. Verträge wurden ausgehandelt, sogar ein Rabatt eingeräumt, wie der Deutschlandfunk berichtet. Doch auf einmal beschlossen die drei wichtigsten Kinobetreiber-Ketten des Landes, den Spot nicht zu senden. Begründung: Er könnte die Gefühle von Moslems oder Atheisten verletzen. Andere Berichte sprechen davon, dass die britische Medienagentur DCM, die die Werbespots der größten britischen Kinos verwaltet, die Spots abgelehnt habe, weil eine interne Richtlinie die Zustimmung zu jeglicher politischer oder religiöser Werbung verbiete. Dies könnte unter „jenen mit anderem Glauben, oder auch gar keinem Glauben“ zu Ärgernis führen.

Die Church of England reagierte empört: „Wir finden das wirklich erstaunlich, enttäuschend und verwirrend“, sagte Kirchensprecher Arun Arora zum Deutschlandfunk. „Das Vaterunser wird weltweit von Milliarden gebetet und gehört seit Jahrhunderten zu unserem Land.“ Die Kirche hat nun sogar die Antidiskriminierungsstelle der Regierung angerufen, denn der Boykott der Kinoketten diskriminiere die Kirche und verletze die Religionsfreiheit. Da man außerdem Anteilseigner einer der Ketten sei, werde man auch hier Druck machen.

Konservative solidarisieren sich mit der Kirche

Unterstützung für die Kirche von England kommt von der konservativen Regierungspartei. Premierminister David Cameron ließ erklären, er finde das Verbot lächerlich. Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson meinte, das Verbot sei ungeheuerlich. Das Gebet sei 2000 Jahre alt und Teil der britischen Kultur.

Doch in Zeiten des Internets sind einzelne Medien-Verantwortliche – und dazu gehören auch Kinobetreiber – nicht mehr in der Lage, bestimmte Botschaften von der Öffentlichkeit fernzuhalten. Das Internet schafft sich seine eigene Öffentlichkeit. Diesen Umstand macht sich die Kirche zunutze und stellt den Spot online. „Die Menschen sollen sich ihr eigenes Urteil bilden. Sie können sich das online bitte auf unserer Homepage anschauen, ob sie das wirklich aufregt, wenn sie es im Kino sähen“, so Kirchensprecher Arora.

Online ein Riesen-Hit

Falls sich die Kirche letztlich doch nicht durchsetzen sollte und der Boykott der Kinobetreiber bestehen bleibt, bleibt ihr noch folgender Trost, so der Deutschlandfunk: Auf der Homepage der Kirche ist das Video schon jetzt ein großer Erfolg und hat durch den öffentlichen Streit große Aufmerksamkeit erfahren. Bis heute haben den Spot auf der eigenen Homepage www.justpray.uk schon über 2,8 Millionen Menschen angeschaut, und auf Youtube bereits ehr als 500.000.

DLF/wog