Stärkeres Wirtschaftswachstum macht in Frankreich Hoffnung auf sinkende Arbeitslosenzahlen. Aber das Grundproblem bleibt: Viel zu hohe Sozialabgaben belasten die Arbeitgeber - und den Arbeitsmarkt. (Bild: dpa/Wolfgang Kumm/Symbolbild)
Frankreich

Die Fehler der Nachbarn

Kommentar Frankreich bestraft seine Arbeitgeber mit extrem hohen Sozialabgaben von bis zu 44 Prozent. Die Folge: anhaltend hohe Arbeitslosigkeit. Umkehr ist schwer möglich. Nicht zuletzt darum spricht Paris so gerne von der Europäischen Sozialunion.

144.000 Euro. Die Zahl erklärt Frankreichs Krise. Denn soviel kostet in Frankreich ein Arbeitsplatz, der im Jahr 100.000 Euro brutto wert ist: Der französische Arbeitgeber muss noch 44.000 Euro Sozialabgaben drauflegen. In Deutschland wären es nur 17.000 Euro (2013: 12.600 Euro). Noch krasseres Beispiel: Auf ein Top-Gehalt von 250.000 Euro kommen in Frankreich 137.000 Euro an Sozialabgaben, in Deutschland nur 15.000 (Frankfurter Allgemeine Zeitung).

Frankreich bestraft seine Arbeitgeber

Das französische Modell der extrem hohen Arbeitsplatzkosten zieht sich durch alle Gehaltsgruppen: 40 Prozent Sozialabgaben muss der Arbeitgeber für ein Gehalt nahe dem Mindestlohn von 9,76 Euro pro Stunde (Deutschland: 8,84 Euro) zahlen und 44 Prozent für Bruttogehälter über 60.000 Euro. Der 70.000-Euro-Arbeitsplatz kostet in Frankreich so 100.800 Euro, in Deutschland 84.700. Auf den 50.000-Euro-Job zahlt der französische „patron“ 21.500 Euro Sozialabgaben, der deutsche Firmenchef 11.500. Bei 35.000 Euro Brutto sind für den Arbeitgeber in Frankreich mit 14.700 Euro fast doppelt so hohe Sozialabgaben fällig wie in Deutschland (7.700).

Wir machen uns diesen wichtigen deutsch-französischen Unterschied nicht genügend klar: Frankreich bestraft seine Arbeitgeber und belohnt die Arbeitnehmer. Der Arbeitnehmeranteil an den Sozialabgaben ist dort außer im Mindestlohnbereich grundsätzlich nur halb so hoch wie der ihrer „patrons“ (und trotzdem immer noch etwas höher als in Deutschland). Was Folgen hat für Frankreich: Kein Arbeitgeber stellt ein, wenn er nicht unbedingt muss. An der Arbeitslosenrate, die seit bald zehn Jahren nahe oder über 10 Prozent (Jugendarbeitslosigkeit: 22,5 Prozent) liegt, kann man das ablesen.

Die hohe Arbeitslosigkeit wird bleiben

Theoretisch schneidet der französische Arbeitnehmer dabei sogar besser ab als der deutsche: Weil geschickt gerechnet die Steuern niedriger ausfallen als in Deutschland, bleibt ihm netto deutlich mehr: Um auf den gleichen Nettoverdienst zu kommen, braucht man in Deutschland im Schnitt ein um 20 Prozent höheres Einkommen als in Frankreich. Doch das Problem für den Franzosen ist: Er findet womöglich keinen Arbeitsplatz.

Hohe Arbeitsplatzkosten bei vergleichsweise niedrigeren Lohnsteuern – das ist das „französische Sozialmodell“. Bislang hat jeder Präsident versprochen, es zu bewahren. Der französische Sozialstaat ist auf die hohen Sozialabgaben auch angewiesen. Zur Umkehr – niedrigere Arbeitsplatzkosten, dafür höhere Lohnsteuern wie in Deutschland – wird sich so schnell kein Präsident und keine Regierungspartei entschließen können. Bei jeder Wahl zeigt sich: Es gibt halt sehr viel mehr Arbeitnehmer als Arbeitgeber. Was nur bedeutet: Frankreichs hohe Arbeitslosigkeit wird bleiben. Mit Folgen für das Wachstum, auch wenn das jetzt etwas angezogen hat. Die Krise wird dauern.

Gefährliche EU-Sozialunion

Für Deutschland heißt das dreierlei: Beim Standort-Wettbewerb muss es Frankreich kaum fürchten. Heute nicht und morgen nicht. Jeder Investor, jeder Unternehmer, der etwa aus Großbritannien auf den Kontinent verlagern will, wird es sich drei Mal überlegen, bevor er in Frankreich baut und produziert. Völlig klar ist aber auch, dass man aus französischer Sicht genau darum Deutschland regelmäßig Sozialdumping vorhalten wird, mal leise, mal lauter.

Und klar ist schließlich drittens, dass französische Vorschläge über die Neugründung oder Vertiefung der Europäischen Union, über Wirtschaftsunion und Sozialunion, eben immer auch dieses eine Ziel verfolgen werden, verfolgen müssen: Frankreichs selbstverschuldeten Nachteil beim Standortwettbewerb auf Kosten Deutschlands zu lindern. Etwa durch Angleichung der Sozialabgaben in Europa – nach oben natürlich, auf französisches Niveau. Darin steckt eine Gefahr für Deutschland – und für die Europäische Union.