Neuer Ansturm: Flüchtlingsboot im Mittelmeer. (Bild: Imago/Rene Traut)
Neuer Ansturm: Flüchtlingsboot im Mittelmeer. (Bild: Imago/Rene Traut)

Die Migrantenkrise ist nicht vorbei. Sie macht nicht einmal Pause. Sie verlagert sich nur von der Ägäis auf die zentrale Mittelmeer-Route über Nordafrika nach Italien – und schwillt dort an.

So viele Afrika-Migranten wie noch nie

Bis zum 20. November haben in diesem Jahr 345.000 Migranten über das Mittelmeer Europa erreicht, berichtet die in Genf ansässige Internationale Organisation für Migration (IOM). 171.264  von ihnen kamen in Griechenland an. 168.542 nahmen die zentrale Mittelmeer-Route über Libyen nach Italien. Das sind schon jetzt 13 Prozent mehr als im gesamten Vorjahr. Alleine im Oktober erreichten 27.500 zuallermeist schwarzafrikanische Migranten Italiens Küsten, berichtet die EU-Grenzschutzbehörde Frontex – soviele wie nie zuvor in einem Monat auf dieser Route. Im September waren es nur halb so viele.

Solange die Rettung im Mittelmeer mit dem Ticket nach Mitteleuropa verbunden ist, werden sich mehr und mehr Menschen auf den Weg machen.

Österreichs Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP)

Beobachter erwarten, dass nun die Migrantenzahlen sinken, weil Herbst- und Winterstürme die Mittelmehrüberfahrt gefährlich machen. Doch das ist nicht gewiss. Weil die Europäer dazu übergegangen sind, die Migranten direkt vor der libyschen Küste aufzunehmen und dann nach Sizilien und Italien zu befördern, sinken für Schlepper und Migranten Risiko und Kosten – auch im stürmischeren Herbst und Winter. „Solange die Rettung im Mittelmeer mit dem Ticket nach Mitteleuropa verbunden ist, werden sich mehr und mehr Menschen auf den Weg machen“, warnte kürzlich Österreichs Außenminister Sebastian Kurz.

Mittelmeer-Route als Haupteinfallstor

Die Route über das völlig gesetz- und regierungslose Libyen nach Sizilien ist für Migranten längst zum Haupteinfallstor nach Europa geworden. Eine aktuelle IOM-Statistik beunruhigt: Die Zahlen steigen dramatisch. Die meisten Migranten auf dieser zentralen Mittelmeer-Route kamen dieses Jahr aus Nigeria – mit 33.806  Personen fast doppelt so viele wie vor einem Jahr (19.576). Aus Guinea kamen mit 11.131 Migranten gut fünf Mal so viele wie im Jahr zuvor (1916), aus der Elfenbeinküste mit 10.502 über drei Mal so viele. Aus dem so winzigen wie friedlichen westafrikanischen Gambia (1,7 Millionen Einwohner) kamen nach zuletzt 6759 dieses Jahr schon 10.489 Wirtschaftsmigranten, aus dem Sudan 9033 (2015: 8.692), aus Mali 8564 (5038), aus dem völlig friedlichen Ghana 5084 (3946).

Die Migranten aus Schwarzafrika kommen nach Europa einfach nur, weil es möglich ist – und weil sie gesehen haben, dass es möglich ist.

Deutlich gestiegen ist mit 7327 Personen nach 5038 im Vorjahr auch die Zahl der Migranten aus dem ebenfalls friedlichen Bangladesh. Die Zahl der Migranten aus dem ostafrikanischen Eritrea hat sich fast halbiert: Aber mit bislang 19.288 Migranten ist Eritrea immer noch das zweitwichtigste Herkunftsland. Deutlich gesunken ist auch die Zahl der Migranten aus Somalia – von 11.020 im vergangenen Jahr auf bislang 6698 Personen. Mangels Fluchtgründen haben die allermeisten dieser Migranten kaum Aussicht auf Asylstatus in Europa.

Afrikas Migrationsmotor: unkontrolliertes, explosives Bevölkerungswachstum

Die Migranten aus Schwarzafrika kommen nach Europa einfach nur, weil es möglich ist – und weil sie gesehen haben, dass es möglich ist. Ihre Zahlen werden weiter wachsen. Die Ursache sind weniger Krieg, Terror oder Vertreibung, sondern völlig unkontrolliertes, explosives Bevölkerungswachstum in ganz Afrika, dessen Bevölkerung sich seit 1950 von etwa 230 Millionen auf heute 1,2 Milliarden fast verfünffacht hat. Schon bis zum Jahr 2050 wird sie sich auf 2,4 Milliarden weiter verdoppeln. Regelrecht alarmierend sind demographische Zahlen aus Europa vergleichsweise nahe gelegenen Teilen Afrikas: Allein in vier Ländern der Sahelzone – Niger, Tschad, Mali und Burkina Faso – wird sich die Bevölkerung von heute etwa 67 Millionen schon in den nächsten 20 Jahren auf etwa 130 Millionen ebenfalls verdoppeln, warnt in der Pariser Tageszeitung Le Figaro der ehemalige Weltbank-Direktor und große Afrika-Experte Serge Michailof.

Allein in vier Ländern der Sahelzone – Niger, Tschad, Mali und Burkina Faso – wird sich die Bevölkerung schon in den nächsten 20 Jahren verdoppeln.

Nigerias Spitzenplatz bei den Migrantenzahlen auf der zentralen Mittelmeer-Route ist kein Zufall: Seit 1950 hat sich Nigerias Bevölkerung von etwa 38 Millionen auf heute knapp 190 Millionen verfünffacht. Einer UN-Schätzung zufolge werden bis 2020 – also in drei Jahren! – noch einmal mindestens 20 Millionen hinzukommen. Schon im Jahr 2050 wird Nigeria mit 440 Millionen Einwohnern nach China und Indien das drittbevölkerungsreichste Land der Welt sein. 43 Prozent der Migranten aus Nigeria, die sich derzeit in Libyen aufhalten, wollen weiter nach Europa. Das brachte kürzlich eine IOM-Umfrage in Libyen zu Tage.

Migrantenströme über Niger

Der wachsende afrikanische Auswanderungsdruck auf Europa wird sichtbar in der Wüstenstadt Agadez im nördlichen Niger, dem Drehkreuz westafrikanischer Migrantenströme auf dem Weg nach Europa. Wieder der IOM zufolge haben dieses Jahr schon 170.000 schwarzafrikanische Migranten Agadez passiert. Über 6000 weitere erreichen die Wüstenstadt am südlichen Rande der Sahara jede Woche, schrieb kürzlich die Internetzeitung Politico. Neun von zehn dieser Migranten sind Männer, jeder zehnte ist ein zumeist unbegleitetes Kind.

Wir alle zahlen einfach die gewünschten Bestechungssummen. Vom Polizisten auf der Straße bis zum Bürgermeister hinter seinem Schreibtisch profitieren alle von der Migrationsindustrie und wollen, dass das so bleibt.

Migranten-Schmuggler in Agadez, Niger

Mindestens einmal die Woche brechen in Agadez riesige Konvoys mit 100 bis 200 Fahrzeugen auf zur dreitägigen Fahrt zur libyschen Küste, berichtete im vergangenen April von vor Ort die New York Times. Die Regierung in Niamey hat angeblich Gesetze gegen Menschenschmuggel verschärft. Aber die sind kein Hindernis sondern einfach nur Extrakosten, zitiert Politico einen Menschenschmuggler in Agadez: „Wir alle zahlen einfach die gewünschten Bestechungssummen. Vom Polizisten auf der Straße bis zum Bürgermeister hinter seinem Schreibtisch profitieren alle von der Migrationsindustrie und wollen, dass das so bleibt.“

Deutschland: 2016 etwa 300.000 Migranten

Trotz angeblich kontrollierter Grenzen ist der anhaltende Einwanderungsdruck auch in Deutschland spürbar. Bis Ende September erreichten 213.000 Migranten Deutschland, hauptsächlich über die zentrale Mittelmeer-Route von Libyen nach Italien. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rechnet für das ganze Jahr 2016 mit einer Zahl von unter 300.000 illegalen Neuankömmlingen. Immer mehr Migranten kommen aber über die Schweiz nach Deutschland: Zwischen Januar und Dezember griff die Bundespolizei 5170 Personen auf, die illegal über die Schweiz einreisen wollten – gegenüber 3220 im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die meisten dieser Migranten kamen aus Eritrea, Gambia und Äthiopien. In München hat die Bundespolizei allein im Oktober 47 Migranten aufgegriffen, die sich in Güterzügen aus Italien über den Brenner ins Land schmuggeln wollten. Tendenz steigend: Immer häufiger greift die Polizei größere Gruppen auf, die offenbar mit Güterzügen die Grenzen überwinden. Bundesweit wurden im Oktober an deutschen Grenzen etwa 3500 illegal eingereiste Migranten aufgegriffen.

Bis September 2017 übernimmt Deutschland 27.000 Migranten aus Griechenland und Italien.

Dazu kommen Migranten, die Deutschland im Rahmen des im vergangenen Herbst beschlossenen EU-Umverteilungsprogramms von 160.000 Personen übernehmen wird. Seit September stellt Deutschland Italien und Griechenland jeden Monat bis zu 500 Umsiedlungsplätze zur Verfügung, erläuterte kürzlich Innenminister Thomas de Mazière. Bis September 2017 sollen auf diesem Wege 27.000 Migranten sozusagen legal nach Deutschland kommen.

Dänemark und Schweden verlängern Grenzkontrollen

Nicht darauf vertrauen, dass die Migrantenkrise unter Kontrolle ist, will unser Nachbar Dänemark. Mitte November hat Kopenhagen die Passkontrollen an der deutsch-dänischen Grenze um drei Monate verlängert. „So lange keine Kontrolle über die äußeren Grenzen Europas besteht, sollten wir selbst kontrollieren können, wer die dänische Grenze überquert“, so Integrationsministerin Inger Støjberg: „Ich sehe immer noch ein ernsthaftes Risiko, dass Flüchtlinge und Migranten ohne korrekte Ausweispapiere hier im Lande stranden.“ Genauso sieht es auch Dänemarks Nachbarland Schweden, dass ebenfalls weitere drei Monate Ausweise von Passagieren überprüft, die per Fähre aus Deutschland kommen oder per Bahn, Bus und Fähre aus Dänemark. Trotzdem rechnet Schweden für dieses Jahr mit der Ankunft von bis 32.000 Migranten.

Unruhe an der Balkanroute

Wachsende Beunruhigung ist auch entlang der sogenannten Balkanroute von Griechenland über die Westbalkanländer nach Österreich zu spüren. In Wien stellt man sich schon auf das Ende des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei ein, ließ Verteidigungsminister Peter Doskozil (SPÖ) verlauten: „Weil der Deal zwischen der EU und der Türkei immer fragiler wird und sich Bruchstellen zeigen, wollen wir selbst handlungsfähig sein.“ Anfang November trafen sich darum die Verteidigungsminister aus zehn Balkanroutenländern im österreichischen Frauenkirchen am Neusiedler See, um über Maßnahmen gegen die wieder zunehmende illegale Migration zu beraten. Doskozil: „Wir wollen ein klares Signal setzen, dass wir in der Lage sind, eine neuerliche Flüchtlingswelle zu unterbinden.“

Wir wollen ein klares Signal setzen, dass wir in der Lage sind, eine neuerliche Flüchtlingswelle zu unterbinden.

Österreichs Verteidigungsminister Peter Doskozil (SPÖ)

In Prag hatten zuvor neun mittel- und südosteuropäische Innenminister betont, dass die Balkanroute geschlossen bleiben soll: Prags Innenminister Milan Chovanec: „Wir sind bereit, Mazedonien, Bulgarien und anderen Ländern an der Frontlinie auch weiterhin dabei zu helfen.“ Die Besorgnisse der Balkanrouten-Anrainer sind nachvollziehbar: Denn zu den türkischen Unsicherheiten kommt, dass derzeit etwa 77.000 Migranten in Südosteuropa festsitzen – allein 62.000 im völlig überforderten Griechenland. In mit 16.000 Migranten überfüllten Auffanglagern auf den Ägäisinseln Chios, Lesbos und Samos kommt es regelmäßig zu Gewaltausbrüchen.

Problem Afghanistan

Schon im Völkerwanderungsjahr 2015 kamen besonders viele der illegalen Migranten auf der Balkanroute aus Afghanistan. Wohl die größere Zahl der jetzt in Griechenland festsitzenden Migranten sind Afghanen. Beunruhigend: Ausgerechnet jetzt steigt der Druck auf über drei Millionen afghanische Flüchtlinge in Pakistan und Iran. Pakistan hat zwei Millionen afghanischen Flüchtlingen im Lande eine Frist bis 15. November gesetzt, um Pässe und Visa vorzuweisen – sonst drohen Haft und Deportation. Beobachter rechnen damit, dass bis Ende des Jahres etwa 1,5 Millionen dieser Flüchtlinge nach Afghanistan zurückkehren müssen oder deportiert werden. Es wäre kein Wunder, wenn viele von ihnen auf den Gedanken kämen, gleich weiter zu ziehen – nach Europa.