Mädchen lesen lieber als Buben: Grundschülerinnen in der Deutsch-Stunde. (Foto: Imago/Westend61)
Bildung

Die Wechstaben verbuchselt

Lesen, Textverständnis, Inhalte interpretieren - laut der neuen IGLU-Studie polarisieren sozialbedingte Leistungsunterschiede zunehmend die Klassen an deutschen Grundschulen: die Guten werden besser, zugleich gibt es mehr Kinder mit Leseschwäche.

Die gute Nachricht: Deutsche Viertklässler können sehr ordentlich lesen. Die schlechte Nachricht: Die guten Grundschüler werden zwar besser, aber diejenigen mit Nachholbedarf werden nicht besser, sondern sogar eher schlechter. Zum vierten Mal seit 2001 haben Wissenschaftler die vom Bundesbildungsministerium mitfinanzierte Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) veröffentlicht. Weltweit haben daran 313.000 Schüler aus 57 Ländern teilgenommen, von zahlreichen EU-Staaten über die USA und Russland bis nach Hongkong. Darunter waren auch 4000 deutsche Kinder.

Bildungsnation im Konkurrenz-Stress

Für eine von fortgeschrittener Vergleicheritis befallene Bildungsnation im Post-PISA-Stress hält das Zahlenwerk recht beruhigende Ergebnisse fest: Das Niveau der Leseleistung ist im Land der Dichter und Denker über die Jahre annähernd gleich geblieben. Allerdings haben Schüler aus vormals schlechteren Lesenationen aufgeholt, weshalb die deutschen Buben und Mädchen von ihrem Ranking-Platz im oberen Drittel des IGLU-Klassement ins gute Mittelfeld abgerutscht sind. Wen nicht irritiert, wenn andere Kinder in teils sehr weit entfernten Ländern ein bisschen besser lesen und ihr Textverständnis ein bisschen klarer ausdrücken, der kann die Studienergebnisse also recht gelassen entgegennehmen.

Ein wenig nachdenklich allerdings stimmen bei genauerem Hinsehen die Details der deutschen Ergebnisse. „In Deutschland fallen die Leistungen 2016 deutlich heterogener aus als im Jahr 2001“, formulieren die IGLU-Verfasser wissenschaftlich spröde. Gemeint ist, dass es wachsende Niveauunterschiede gibt zwischen den deutschen Grundschülern. So ist der Anteil der lesestarken Viertklässler von 8,6 auf 11,8 Prozent gestiegen. Während gleichzeitig der Anteil von Kindern mit Leseschwäche von 16,9 auf 18,9 Prozent zunahm. Dahinter stehen Phänomene im deutschen Schulsystem, die sich zu einer ungünstigen Polarisierung aufschaukeln: Noch immer lesen Jungs weniger gerne als gleichaltrige Mädchen, Sprösslinge aus bildungsfernen Schichten entfernen sich aber auch zusehends von Kindern gebildeterer, vermögenderer Eltern.

Mädchen lesen lieber als Buben

Es nutzt also nichts, wenn die Ergebnisse im Durchschnitt die deutschen Kids zwar als international wettbewerbsfähig darstellen – innerhalb Deutschlands aber zunehmend Kinder mit Textverständnis-Problemen in die weiterführenden Schulen kommen. Die Bundesrepublik gehöre „weiterhin zu den Staaten, in denen die sozialbedingten Leistungsunterschiede am höchsten ausfallen“, hält die Studie fest. Zudem ändere sich an den „geschlechtsspezifischen Unterschieden zugunsten der Mädchen“ kaum etwas. Dies gelte freilich für fast alle IGLU-Teilnehmerstaaten.

Die Zuwanderung

Natürlich spielt auch hier die Zuwanderung eine Rolle, kann allerdings wegen der bereits im Jahr 2016 erforschten Werte noch nicht voll zum Zuge kommen. Auffällig ist es dennoch: Bei Iglu 2001 wurden noch von 12,8 Prozent der Grundschüler beide Eltern im Ausland geboren, 7 Prozent hatten einen ausländischen Elternteil. 10,9 Prozent machten keine Angaben zur Herkunft ihrer Eltern. Bei Iglu 2016 waren es bereits 15,1 Prozent mit zwei ausländischen Elternteilen und 9,9 Prozent mit einem ausländischen Elternteil. Dazu immerhin 21 Prozent ohne Angabe – was immer das bedeuten soll.

Wir sind das einzige Land, in dem der Zusammenhang von Leistung und sozialem Status beim IQB-Bildungstrend in keinem Testbereich weiter anstieg und vielmehr beim Lesen und Zuhören im Fach Deutsch leicht rückläufig ist.

Gerhard Waschler, bildungspolitischer Sprecher der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag

Es liegt nahe, dass auch die Schüler, die keine Angaben machten, nicht in Deutschland geborene Eltern haben, weil 2016 die Punktzahl bei Grundschülern mit deutschen Eltern bei 559 Punkten lag, während es nur 535 Punkte für Kinder mit einem ausländischen Elternteil und 511 Punkte für Kinder mit zwei ausländischen Eltern waren. Die Kinder „ohne Angabe“ erzielten jedoch nur 501 Punkte. Es ist also ein deutlicher Leistungsabfall zu erkennen, wenn einer oder beide Eltern Migrationshintergrund haben. Dieser Unterschied ist nicht gering: Um die 40 Punkte entsprechen etwa dem, was Kinder im Laufe eines Jahres durchschnittlich dazulernen. Dieser Unterschied gilt auch international: In fast allen Teilnehmerstaaten erreichen Schüler, die zu Hause nicht die Testsprache sprechen, schlechtere Leseleistungen als ihre Mitschüler, die zu Hause die Testsprache sprechen.

Bildungsföderalismus zeigt, welche Systeme funktionieren

Eine genauere Analyse der Lese-Leistungen innerhalb Deutschlands lässt die IGLU-Studie nicht zu, wohl aber die nationale Vergleichsstudie „IQB-Bildungstrend“ vom Oktober 2017. Diese hatte Bayern erneut einen Spitzenplatz zugewiesen, gerade auch beim Lesen. „Wir sind das einzige Land, in dem der Zusammenhang von Leistung und sozialem Status beim IQB-Bildungstrend in keinem Testbereich weiter anstieg und vielmehr beim Lesen und Zuhören im Fach Deutsch leicht rückläufig ist. Dies sollte gerade auch Ländern mit Rot geführtem Kultusministerium zu denken geben“, so Gerhard Waschler, bildungspolitischer Sprecher der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag. Zudem hat der IQB-Bildungstrend gezeigt, dass Kinder mit Migrationshintergrund in Bayern oftmals bessere Ergebnisse erzielen, als Kinder ohne Zuwanderungsgeschichte in anderen Ländern. „Uns in Bayern gelingt es sehr gut, die Kinder individuell zu fördern. Das liegt zum einen natürlich an unseren engagierten Lehrkräften, zum anderen aber auch an den hervorragenden Rahmenbedingungen, die wir mit unserer Bildungspolitik in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen haben.“

(BK)