Das Watzmannmassiv mit der Wallfahrtskirche Maria Gern. (Bild: Imago/Chromorange)
Das Watzmannmassiv mit der Wallfahrtskirche Maria Gern. (Bild: Imago/Chromorange)

„Warst schon oben?“ „Na, I geh heut nur zu meinen Eltern auf die Hütte“, ruft Nina Schlesener ihren Freunden zu. Die junge Frau mit den wilden Locken ist die einzige staatlich geprüfte Bergführerin in der Region Berchtesgaden. Regelmäßig führt sie Bergsteigergruppen auf den Watzmann, den eine Zeitschrift zum schönsten Berg der Welt gewählt hat. Die Gesteinsmassen des 2713 Meter hohen Massivs türmen sich im Nationalpark Berchtesgaden auf. Er ist der einzige deutsche Nationalpark in den Alpen und magischer Anziehungspunkt für über eine halbe Millionen Gäste jährlich.

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Juwel der Alpen: Nationalpark Berchtesgaden

Familien finden keinen Wohnraum

Doch trotz der wachsenden Beliebtheit – 2015 kamen sieben Prozent Urlauber mehr als im Jahr davor – steht die Region vor massiven Problemen. Bei der Steuerkraft bildet das Berchtesgadener Land das Schlusslicht in Oberbayern und ist bayernweit auf Platz 54 von insgesamt 71 Landkreisen abgerutscht. Bürgermeister Franz Rasp (CSU) schaut zudem mit Unbehagen auf die Bevölkerungspyramide.

Für viele junge Familien ist es inzwischen fast unmöglich geworden, hier bezahlbaren Wohnraum zu finden.

Franz Rasp, Bürgermeister Berchtesgaden

Das ist einer der Gründe, warum die Bürgermeister der fünf Gemeinden der Tourismus-Region Berchtesgaden-Königssee einen gemeinsamen Flächennutzungsplan für die nächsten 20 Jahre beschlossen haben. Er sieht vor, keine neuen Grünflächen zu verbauen, sondern Bestehendes zu verdichten und ausgewiesene Schutzgebiete als Rahmenbedingungen und nicht als Einschränkung zu verstehen.

Zwischen Bergidylle und Alpengaudi

Außerdem soll die Infrastruktur für den Tourismus modernisiert werden. Dazu zählt beispielsweise der geplante Ausbau der Jennerbahn in Schönau am Königssee. Sind die Zweier-Gondeln gegen Zehner-Gondeln ausgetauscht, können künftig bis zu 3360 Gäste täglich, 20 Prozent mehr als zurzeit, zu den höher gelegenen Berggipfeln und Hütten kommen. Das Projekt bezeichnet Rasp als eine „Maßnahme mit Augenmaß“. In erster Linie gehe es nicht darum, möglichst viele Menschen auf den Jenner zu bringen, sondern Wartezeiten zu verkürzen und Besucher gezielt zu lenken. So werden die Touristenströme in bestimmten Bereichen kanalisiert, während ausgewiesene Naturräume für die Massen tabu bleiben.

Alpen in der Krise

Was in Berchtesgaden-Königssee passiert, ist könnte richtungsweisend sein für den gesamten Alpenraum. Er ist eine der bedeutendsten Tourismusregionen im Freistaat. Mehr als ein Fünftel aller Ankünfte und fast ein Drittel aller Übernachtungen in Bayern entfallen auf die Region. Es gilt die Balance zu finden zwischen touristischen Angeboten, attraktivem Lebensraum, lukrativem Wirtschaftsstandort und schützenswerten Gebieten. Rasp und seine Kollegen zielen mit ihrem Plan in die gleiche Richtung, wie die Landtagsfraktion unter Führung von Ex-CSU-Parteichef Erwin Huber und Klaus Stöttner (CSU). Sie haben eine „Zukunftsstrategie für den bayerischen Alpenraum“ beschlossen. Das 16-seitige Papier sei aber nur ein erster Entwurf, so Huber. Gedacht ist die „Zukunftsstrategie“ weniger als festgeschriebener Plan, sondern als ein Appell an Kommunalpolitiker und Unternehmer.

Uns war wichtig, dem Alpenraum keine Strategie überzustülpen, sondern sie aus der Region heraus mit allen Akteuren zu gestalten.

Thomas Kreuzer, Vorsitzender der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag

Politik steht vor Herkulesaufgabe

Dass wie Huber sagt, „eine Herkulesaufgabe bevorsteht“, wird aus dem 16-seitigen Beschluss der Landtagsfraktion deutlich. Der Alpenraum soll künftig nicht nur als Tourismusregion verstanden werden, sondern vor allem als Wirtschaftsstandort an Attraktivität gewinnen. Sonst, fürchtet Huber, könnte die Region zum „grünen Altersheim“ mutieren. Auch Peter Driessen, IHK-Hauptgeschäftsführer, teilt diese Sorge.

Wenn wir nur auf Tourismus setzen, schaffen wir es nicht. Das größte Problem ist die Flächenkonkurrenz für Unternehmen.

Peter Driessen, IHK-Hauptgeschäftsführer

Der Plan setzt an vielen Punkten an: ein leistungsfähigeres Verkehrsnetz, Infrastruktur, Forschungseinrichtungen, starkes Internet, Gewerbe und Handwerk sollen weiterentwickelt werden.

Streitpunkt Seilbahnen

Grundsätzlich will die CSU nicht am bestehenden Alpenplan, einem Teil des Landesentwicklungsprogramms, rütteln. Seit 44 Jahren ist er mit seiner Einteilung in drei Zonen Garant für den Schutz der Bergwelt. In Zone A und B – insgesamt machen sie 58 Prozent der Fläche aus – sind Seilbahnen und touristische Einrichtungen zum Teil mit Einschränkungen möglich. In Zone C sind Projekte tabu. Wie schwierig es ist, die unterschiedlichen Ansprüche einzulösen, zeigt sich derzeit am geplanten Bau der Skischaukel am Riedberger Horn. Laut Alpenkonvention ist sie nicht zulässig, die Initiatoren sind auf eine Ausnahmeregelung angewiesen. Die Interessen von Naturschutz und Tourismus prallen aufeinander. Ende Juli will das Kabinett über das weitere Vorgehen im Streit über eine Skischaukel am Riedberger Horn beraten – und dann möglicherweise die Bürger vor Ort entscheiden lassen.

Klasse statt Masse

Die Frage, wie sich Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg unter einen Hut bringen lassen, beschäftigt Fachleute in der gesamten Bergregion.

Was mich als Touristiker stört, ist dass immer nur in ‚höher, schneller, weiter‘ gedacht wird.

Christian Loth, ehemaliger Chef der Ammergauer Alpen GmbH

Loths Ziel für die Region Oberammergau ist, mehr Wertschöpfung über den einzelnen Gast zu erzielen. Loth setzt dabei auf zahlungskräftige Gäste, die die Region schätzen und regelmäßig wieder kommen. Dafür hat er ein Gästekartensystem eingeführt, das unter anderem Gratisfahren im öffentlichen Nahverkehr möglich macht, und baut regionale Kreisläufe auf. So bieten immer mehr Hoteliers ihren Gästen Produkte der umliegenden Bauernhöfe an. Mit dem ersten Heimatfilm in 360-Grad über die Region Oberammergau baut Loth zudem auf „Virtual Reality“ in der digitalen Tourismuskommunikation.

Stufenplan statt „Big Bang“

Auf die Ideen umtriebiger Tourismusexperten und Lokalpolitiker setzt auch Erwin Huber. Er kündigt an, dass erste Erkenntnisse über die „Zukunftsstrategie“ in den Doppelhaushalt 2017/18 einfließen sollen. Der wird im Herbst im bayerischen Landtag beraten. „Da kann man keinen „Big Bang“ machen und alles ist geklärt“, sagt Huber. „Das wird ein Stufenplan über mehrere Jahre werden, aber der Start muss in diesem Herbst 2016 erfolgen.“