Ungewohnt deutliche warnende Worte zur Terror-Gefahr von Frankreichs Staatspräsident Franςois Hollande: Die Welt sehe sich einem Terror gegenüber, „der ein Maß von Barbarei und Bedrohung erreicht hat, wie noch nie seit Jahrzehnten“, warnte Hollande dieser Tage in einer Rede vor dem Pariser diplomatischen Corps.

Wir müssen uns auf weitere Anschläge vorbereiten und uns schützen.

Präsident Franςois Hollande

Der jüngste Angriff auf den Hochgeschwindigkeitszug Amsterdam-Paris, der in einem „monströsen Gemetzel“ hätte enden können, sei ein neuerlicher Beleg dafür, „dass wir uns auf weitere Anschläge vorbereiten und uns schützen müssen“. Die größte Gefahr, so Hollande, stelle der Islamische Staat in Syrien und Irak dar: „Diese Organisation rekrutiert, indoktriniert und kadert, um in noch größerem Umfang zu morden“. Das erhöhte Bedrohungsniveau werde sich nicht so bald abschwächen, warnt der Präsident.

Waffen in Frankreich leicht verfügbar

Unterdessen bereiten sich französische Sicherheitskräfte auf Raketenangriffe gegen Linienflugzeuge oder auf einen großen Anschlag im Stil des 11. September vor, berichtet die Londoner Tageszeitung The Daily Telegraph. Fluglinien seien vor möglichen Angriffen mit Panzerabwehrraketen gewarnt worden, zitiert das Blatt eine französische Geheimdienstquelle. „Aber die Piloten wissen nicht genau, welche Ausweich-Maßnahmen sie ergreifen sollten.“

Schon 2010 hat die französische Polizei unter einer Schmuggelladung Cannabis einmal eine Milan-Rakete aufgegriffen.

Sturmgewehre vom Typ Kalaschnikow sind in Frankreich offenbar in großer Zahl verfügbar. Viele Waffen wurden Anfang der 1990ger Jahre aus dem zerfallenden Jugoslawien nach Frankreich geschmuggelt. Weitere Waffen sind seit 2011 aus Libyen nach Frankreich gekommen. „Wir wissen nicht, was mit den Waffen geschehen ist, die wir an libysche Rebellen geliefert haben, das ist beunruhigend“, zitiert das Londoner Blatt wieder seine französische Quelle.

Wir wissen nicht, was mit den Waffen geschehen ist, die wir an libysche Rebellen geliefert haben, das ist beunruhigend.

Tatsächlich hat Paris 2011 zugegeben, nicht näher spezifizierte „leichte Waffen“ nach Libyen geliefert zu haben. In der französischen Presse war dann aber auch von schwereren Waffen die Rede, darunter auch Panzerabwehrraketen vom Typ Milan. Die Londoner Tageszeitung The Guardian zitierte damals die Regierung des Golf-Staates Katar, die ganz offen erklärte, Milan-Raketen als „Verteidigungswaffen“ nach Bengasi geliefert zu haben. Paris und London hießen das damals gut.  Schon 2010 hat die französische Polizei unter einer Schmuggelladung Cannabis einmal eine Milan-Rakete aufgegriffen. Seither soll eine unbekannte Zahl von Panzerfäusten und Panzerabwehrraketen nach Frankreich geschmuggelt worden sein, so The Daily Telegraph.

Gefahr für Linienflugzeuge: Panzerabwehrrakete Milan

Die Warnung vor den Milan-Panzerabwehrraketen ist ernst zu nehmen. Zum einen ist die in den 70er Jahren in deutsch-französischer Kooperation entwickelte Waffe eine der am weitesten verbreiteten Panzerabwehrraketen. Die Bundeswehr und die französischen Streitkräfte setzen sie ein, ebenso wie die Armeen von über 40 anderen Ländern. 2006 soll sie auch von Libanons Hisbollah-Miliz verwendet worden sein. Vor zwei Jahren berichtete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel von Milan-Lieferungen – wieder aus der Golf-Region – an syrische Rebellen. Wenn das zutrifft, ist fast gewiss, dass inzwischen auch der Islamische Staat über die Raketen verfügt.

Zum anderen eignet sich die die drahtgesteuerte Rakete tatsächlich sehr gut zum Einsatz gegen langsam und in Bodennähe fliegende Flugziele – also etwa startende oder landende Flugzeuge. Bei der Bundeswehr ist ihr Einsatz etwa gegen Hubschrauber vorgesehen. Die tragbare Rakete hat eine Reichweite von knapp 2000 Metern – in einer neueren Version 3000 Meter – und wird von einem kleinen oder einem größeren Dreibein-Gestell abgeschossen. The Daily Telegraph weist in dem Zusammenhang darauf hin, dass der Flughafen Paris-Charles-De-Gaulle im Norden der Hauptstadt in unmittelbarer Umgebung von kritischen und gewaltgeplagten Pariser Vororten liegt.

Notfallpläne der Armee zur „Wiederinbesitznahme nationalen Territoriums“

Nicht wirklich beruhigend klingt darum, dass dem Londoner Blatt zufolge die französische Armee auf Unruhen im Lande vorbereitet und offenbar schon Notfallpläne zur „Wiederinbesitznahme nationalen Territoriums“ ausgearbeitet hat. Damit sei die Rückgewinnung von Stadtvierteln gemeint, deren Bevölkerung den Sicherheitskräften feindlich gesonnen seien und in denen Waffen leicht verfügbar seien, so die französische Quelle des Daily Telegraph:

In den Vorstädten gibt es viele entfremdete und zornige Jugendliche der vierten Einwanderergeneration, und die Gefahr der Radikalisierung wird immer größer.

Nach den letzten Anschlagsversuchen glauben französische Sicherheitskreise auch nicht, dass die größte Gefahr derzeit vor allem von Einzeltätern ausgeht. „Wir haben es hier mit einem hoch-organisierten Netzwerk militanter Islamisten zu tun, die eine Gewaltkampagne gestartet haben und entschlossen sind, sie zu intensivieren“, so die Quelle des Daily Telegraph.

Französische Sicherheitskräfte am Limit

Dem französische Satire- und Recherche-Wochenblatt Le Canard Enchaîné zufolge, das The Daily Telegraph hier wiedergibt, sagen Mitarbeiter des französischen Geheimdiensts DGSI, dass sie nicht mehr in der Lage seien, die Überwachung islamistischer Radikaler weiter zu intensivieren.

Die Wahrheit ist, dass wir schon alles versucht haben. Aber wir haben die gesetzgeberischen, organisatorischen und finanziellen Grenzen dessen erreicht, was wir leisten können.

Nur pures Glück habe zuletzt schwere Anschläge vereitelt, zitiert Le Canard Enchaîné einen DGSI-Agenten: „Wir haben Glück gehabt. In einem Zug neutralisieren Passagiere einen Verdächtigen. Ein anderer schießt sich selbst in den Fuß und ruft dann den Notarzt an. Einem dritten ist es nicht gelungen, ein Chemie-Werk in die Luft zu sprengen. Ohne diese zufälligen Umstände wären die menschlichen und materiellen Verluste sehr viel größer gewesen. Und wir wären nicht in der Lage gewesen, irgendetwas zu verhindern.“ Der DGSI-Mitarbeiter weiter: „Die Wahrheit ist, dass wir schon alles versucht haben. Aber wir haben die gesetzgeberischen, organisatorischen und finanziellen Grenzen dessen erreicht, was wir tun können.“