Flieger gucken: Drei Damen beobachten vom Attachinger Hügel aus Flugzeuge, die auf der Landebahn Nord ankommen. (Foto: BK/W. Heider-Sawall)
Verkehr

Gratulation vom Kiebitzhügel

Vier Tage lang feiert der Flughafen München seinen 25. Geburtstag. Den Landkreisen Erding und Freising beschert er Vollbeschäftigung - und düst von Rekord zu Rekord: 1,4 Milliarden Euro Umsatz, 42,3 Millionen Passagiere, 44.000 Jobs.

Mancher Gratulant bleibt bewusst am Boden und schaut im Lärm der Motoren begeistert den Maschinen hinterher. Wolfgang Kahlmann, 60, benötigt nur zwei Campingstühle, eine Kühlbox mit Wurstbroten, Sonnenschirm für „Urlaubsflair pur“. Mit dem Donner zweier Düsentriebwerke setzt sich in zweihundert Metern Entfernung eine Alitalia-Maschine in Bewegung. Wie ein Pfeil zieht sie vorbei, und es dröhnt in seinen Ohren. Kahlmann blickt dem Flieger mit dem Fernglas hinterher, die Startbahn hinunter und dann in die Luft. Lebensgefährtin Marianne, 64, raucht Kette.

Urlaub an der Startbahn

Im Motorengetöse des nächsten Jets erklärt er das spezielle Konzept der beiden von Ferien und Erholung. „Man sagt doch immer: Der Urlaub beginnt am Flughafen“, Kahlmann deutet mit einer weitschweifigen Handbewegung über den Airport jenseits der Startbahn Nord, über Hangars und Luftfrachtgebäude, Terminal 1, Tower, Terminal 2 und den neuen Terminal-Satelliten. „Also beginnt er hier. Dazu muss ich gar nicht fortfliegen.“ Lächelnd himmeln sie einander an.

Fernweh aus der Nähe. Zwei oder drei Mal in der Woche kommt das Pärchen aus Landshut auf den Kiebitz-Hügel vor der Flughafengemeinde Attaching und beobachtet stundenlang Urlaubsflieger. „Mich hat dieser Flughafen immer schon fasziniert“, versichert Kahlmann. Vor 25 Jahren hat er hier als Security-Mann gearbeitet. Wo heute die Plaza zwischen Terminal 1 und 2 liegt, standen damals Baracken und Container. „Ziemlich verwegen. Das waren die Büros der Verwaltung und der Airlines“, erinnert er sich, „damals hätte ich nicht entfernt geahnt, wie riesig das ganze Ding einmal werden würde.“

Jobmotor, der auf Kerosin läuft

Unter den Wolken, über denen dem Schlager zufolge die Freiheit angeblich grenzenlos ist, wächst der Flughafen tatsächlich seinen Limits entgegen. Auf die Größe von bislang fast 1.600 Hektar, für die erhoffte dritte Start- und Landebahn hat die Airport-Gesellschaft schon die Baufläche samt ökologischer Ausgleichsflächen hinzugekauft. Rund 394.000 Starts und Landungen haben die Lotsen im Funkturm 2016 organisiert, insgesamt 42,3 Millionen Passagiere in die Luft gehen oder herunter kommen lassen. Den Rekordumsatz von 1,4 Milliarden Euro hat Flughafen-Chef Michael Kerkloh erwirtschaftet.

Ein Wirtschaftsmotor, der auf Kerosin läuft. Fast 44.000 Menschen arbeiten auf dem Rollfeld, in der Abfertigung, bei den Fluggesellschaften, Zoll und Polizei, in Cafes, Restaurants, Geschäften. Der Airport „Franz Josef Strauß“ ist zur größten Jobmaschine der Landkreise Freising und Erding aufgestiegen. Seit der Eröffnung im Jahr 1992 hat sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten auf 121.000 fast verdoppelt. Bei einer anhaltend niedrigen Arbeitslosenquote von derzeit 1,8 Prozent.

Der Münchner Airport fungiert als Brückenkopf zu den relevanten Märkten und Metropolen in Europa, Amerika, Asien und Afrika.

Michael Kerkloh, Flughafen-Chef

Die Einweihung des Flughafens vor 25 Jahren feiert die Airport-Gesellschaft ab Donnerstag gleich mehrere Tage lang. Wie der Luftfahrt-Kiebitz Kahlmann auf dem Attachinger Hügel sollen Tausende auf dem Grund und Boden des Airports mitfeiern. Einen kleinen Rummelplatz mit einem 18 Meter hohen Riesenrad haben die Betreiber für sie aufgebaut. In mehreren Partyzelten legen Discjockeys auf oder heizen Bands wie die Kytes oder der Balkan-Beats-Star Shantel samt Bucovina Club Orkestar ein. Bei den „Family Days“ am Samstag und am Sonntag stehen Luftwaffen-Flieger wie der Eurofighter oder die Transportmaschine Airbus A400M zur Besichtigung auf dem Rollfeld. „Wir wollen richtig Party machen“, kündigt Flughafen-Chef Kerkloh an.

Erfolgreiches Infrastruktur-Projekt

Bei dieser Gelegenheit lässt es sich der Manager nicht nehmen, den Flughafen-Gegnern von einst nachzurufen: „Vor und auch unmittelbar nach seiner Eröffnung von den Kritikern noch als Manifestation bayerischen Größenwahns gescholten, hat sich der neue Münchner Airport binnen weniger Jahre zum erfolgreichsten Infrastrukturprojekt der bayerischen Nachkriegsgeschichte entwickelt.“ Er habe einen „maßgeblichen Anteil an der dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung“. Künftig könne er dies jedoch nur fortsetzen, wenn eine dritte Start- und Landebahn gebaut werde, glaubt Kerkloh. Zum mehrtägigen Fest erwartet Kerkloh bis zu 25.000 Gäste.

In 16 Stunden von Riem ins Erdinger Moos – der Flughafenumzug 1992

16.  Mai 1992, 15 Uhr

Vier große Speditionen mit zahlreichen Subunternehmen stehen bereit, um Fahrzeuge, Container und Büroausstattung von Riem an den neuen Airport zu transportieren. Mehrere hundert Lkw- und Sattelzuladungen haben sie schon vorab dorthin geschafft.
Um 12.45 Uhr war bereits die United-Airlines-Maschine UA918 aus London die erste, die am neuen Airport landete.

16.  Mai, 19 Uhr

Startschuss. Der Mammut-Umzug beginnt. Rund 5000 Arbeiter packen an, 1600 Fahrzeuge sind unterwegs.

16.  Mai, 20 Uhr

Von den insgesamt 130 Beladepunkten am Flughafen Riem starten Lkw. Ihr erster Weg führt zur Höhenkontrolle: Die oberen Treppenabsätze zweier Fluggastbrücken sind mit einer Holzlatte verbunden. Wer mit seiner Ladung nicht unten durch passt, ist zu hoch für die Brücken auf der Strecke.

16.  Mai, 22 Uhr

Die Konvois rollen an, insgesamt 500 Fahrten in dieser Nacht. Einige fahrbare Umzugsgüter wie Fluggasttreppen machen sich selbst auf den Weg. Der Großteil wird jedoch befördert – darunter ein Schlepper für Großraumflugzeuge, der mitsamt Transporteinheit 110 Tonnen wiegt.

16. Mai, 23 Uhr

In Riem hebt die letzte Maschine ab. Am neuen Flughafen bilden sich Staus, weil die LKW schneller ankommen, als sie zu einem der 480 Entladepunkte weitergelotst werden können.

17. Mai, 5 Uhr

In den Büros in Riem wird angestoßen. In der Schalterhalle montieren Mitarbeiter und Passanten Schilder und andere Erinnerungsstücke ab. Die Staus am neuen Flughafen lösen sich auf.

17. Mai, 5.55 Uhr

Im Tower des neuen Airports schicken die Lotsen den ersten Lufthansa-Jumbo in den Himmel – fünf Minuten früher als geplant.