Schluss mit Gewalt gegen Frauen: Demonstration auf der Kölner Domplatte am Weltfrauentag 2016 am Bahnhofsvorplatz in Köln. (Foto: imago/C.Hardt/Future Image)
Schluss mit Gewalt gegen Frauen: Demonstration auf der Kölner Domplatte am Weltfrauentag 2016 am Bahnhofsvorplatz in Köln. (Foto: imago/C.Hardt/Future Image)

„Wenn jemand eine Frau haben möchte, dann kann er sie einfach nehmen und wird nicht bestraft.“ So beschreibt ein verwunderter Migrant aus Eritrea in Norwegen die Verhältnisse in seinem je zur Hälfte muslimischen und christlichen Herkunftsland. Im vergangenen Dezember besuchte er in der südnorwegischen Hafenstadt Sandnes einen freiwilligen Kurs über den Umgang mit Frauen in Norwegen. Die Kurse wurden eingerichtet, nachdem es zwischen 2009 und 2011 in der Region zu einer Serie von Vergewaltigungen gekommen war: Von 20 verurteilten Tätern waren nur drei gebürtige Norweger. „Es gibt viele Männer, die nicht gelernt haben, dass Frauen einen Wert haben“, sagt dazu eine ehemalige hochrangige Polizistin in Oslo. „Das ist das größte Problem, und es ist ein kulturelles Problem.“

Zusammenprall der Kulturen − mitten in Europa

In Köln haben am vergangenen Silvesterabend Hunderte von Frauen mit diesem „kulturellen Problem“ brutal Bekanntschaft machen müssen. Die Frauen waren unterwegs, um das neue Jahr zu feiern. Am Kölner Hauptbahnhof fanden sie sich plötzlich unter weit über tausend jungen männlichen Migranten, meist nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. Die Männer fielen über die Frauen her, in einer Art, wie das in Europa zuvor noch niemand erlebt hatte: Dutzende Männer umringten einzelne Frauen oder Gruppen, um sie dann zu berauben und sexuell zu attackieren. Die Frauen wurden begrapscht, ihnen wurden Kleider vom Leib gerissen, es kam zu zwei Vergewaltigungen. Allein in Köln wurden mit Stand Mitte Januar 1049 Frauen als Opfer erfasst. 482 wurden Opfer von Sexualstraftaten. Dazu kommen 150 Opfer ähnlicher Angriffe in Düsseldorf, Dortmund und Bielefeld. Für Deutschland ein neues kriminelles Massenphänomen: Auch in Hamburg, Stuttgart oder Bremen wurden Frauen Opfer solcher Übergriffe.

Die Werte sind schuld an den Geschehnissen. Es sind die Werte des Islam.

Zana Ramadani, muslimische Frauenrechtlerin aus Mazedonien

„Arabische Gesellschaften hassen Frauen“, schrieb kürz und bündig die ägyptisch-amerikanische Journalistin Mona Eltahawy vor vier Jahren im renommierten US-Politikmagazin Foreign Policy. Die arabische Gesellschaft beschreibt Eltahawy dort als ein „politisches und wirtschaftliches System, das die Hälfte der Menschheit wie Tiere behandelt“. Sie erklärt auch woher das kommt: Überall in der arabischen Welt werde permanent Frauenmisshandlung „von einer giftigen Mischung aus Kultur und Religion befeuert“. Wer dagegen angehen will, wird der Blasphemie – Gotteslästerung – bezichtigt. Auf den Vorwurf stehen in vielen islamischen Ländern Todesstrafe oder Lynchmord.

In den Moscheen wird das frauenverachtende Denken legitimiert durch die höchste Autorität.

Seyran Ates, deutsch-türkische Frauenrechtlerin und Rechtsanwältin in Berlin

Was in der Silvesternacht in Köln passierte, ist Eltahawy zufolge fast überall im Mittleren Osten Normalität: „Von Marokko bis Jemen sind Sex-Attacken endemisch.“ In der Wochenzeitung Die Zeit bestätigt die deutsch-türkische Juristin und Frauenrechtlerin Seyran Ates die religiösen Wurzeln dieses Verhaltens: „In den Moscheen wird das frauenverachtende Denken legitimiert durch die höchste Autorität.“ Das Frauenbild, das in der Kölner Silvesternacht zum Vorschein kam, „wird im gesamten islamischen Kulturkreis gelebt“, weiß auch die junge muslimische Frauenaktivistin Zana Ramadani. In jedem islamischen Land hätte das passieren können und passiere dort auch täglich. Ramadani: „Denn die Werte sind schuld an den Geschehnissen. Es sind die Werte des Islam.“

Arabische Gesellschaften hassen Frauen.

Mona Eltahawy, ägyptisch-amerikanische Journalistin

In Köln waren vor allem Nordafrikaner die Täter. In den Augen einfach gestrickter Maghrebiner stehe ein korrekter Umgang nur „ehrbaren Frauen“ zu, erläutert dazu der Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Tunesien, „nicht aber denjenigen, die sich nachts auf den Straßen herumtreiben“. Das Ergebnis ist ein Zusammenprall der Kulturen, den arabische Migranten und Europäer jetzt erleben – nicht irgendwo im Mittleren Osten oder Afrika, sondern eben mitten in Europa.

Zwei Studien des Pew Research Centers

Vielleicht das Überraschendste an dem Phänomen ist die Überraschung darüber, denn über das erschreckende Frauenbild in der islamischen Welt weiß man eigentlich schon lange alles. Im Jahr 2013 veröffentlichte das in Washington ansässige Pew Research Center seine Studie „The World’s Muslims: Religion, Politics and Society.“ 2010 hatte das Institut bereits eine vergleichbare Forschungsarbeit über Muslime in Schwarzafrika vorgelegt: „Tolerance and Tension: Islam and Christianity in Sub-Saharan Africa.“ Land für Land schlüsseln die beiden Studien auf, was Muslime überall in der Welt über Religion, Politik und Gesellschaft denken – und über Frauen. Sie erlauben den Europäern sozusagen einen Blick in die Köpfe von Millionen Zuwanderern. Keine erfreuliche Lektüre, aber eine dringend nötige.

Für Europäer keine erfreuliche Lektüre, aber eine dringend nötige.

Ein Ergebnis vorweg: Besonders negativ fallen in den Studien jene Länder und Regionen auf, aus denen derzeit besonders viele Migranten nach Europa strömen – Afghanistan, Pakistan, Irak und Palästina. Syrien allerdings taucht nicht auf. Wohl, weil wegen des Bürgerkriegs Umfragen dort schwer möglich waren.

Große Zustimmung zur Scharia

Das Problem beginnt damit, dass in praktisch allen Ländern des Mittleren Ostens und Schwarzafrikas die überwältigende Mehrheit der befragten Muslime sich das brutale und Frauen gering schätzende islamische Scharia-Recht als „offizielles Gesetz ihres Landes“ wünscht: Spitzenreiter ist Afghanistan mit 99 Prozent, gefolgt von Irak (91), Palästinensern (89), Pakistan, (84), Marokko (83) und Ägypten (74). Auch in Tunesien wollen 56 Prozent der Muslime das Scharia-Recht. Einziger Lichtblick auf der Pew-Liste ist der Libanon (29). In Schwarzafrika ist das Sahelzonenland Niger mit 86 Prozent Scharia-Anhängern der Spitzenreiter. Es folgen Djibouti (82), Kongo-Kinshasa (74), Nigeria (71), Äthiopien (65), Mali (63), Senegal (55) oder Kamerun (53). Keine gute Voraussetzung für Integration in Europa: Mindestens 25 Prozent der Scharia-Muslime im Mittleren Osten und in Nordafrika wollen die Scharia-Herrschaft auch für Nichtmuslime gelten lassen – in Ägypten (74), Jordanien (58), Palästina (44) und natürlich in Afghanistan (61) noch sehr viel mehr.

Eine Frau muss ihrem Mann immer gehorchen.

Aus dem Bekenntnis zum Scharia-Recht leitet sich vieles ab. So sagen praktisch alle Muslime in Südostasien und Südasien, dass „eine Frau ihrem Mann immer gehorchen muss“, im Mittleren Osten mindestens drei Viertel: Spitzenreiter ist Malaysia mit 96 Prozent. In Afghanistan vertreten 94 Prozent der Muslime diese Meinung, in Pakistan und Bangladesh je 88 Prozent. In Nordafrika führt Tunesien mit 93 Prozent dieses Pew-Ranking an, gefolgt von Marokko (92), Irak (92), Palästinensern (87), Ägypten (85), Jordanien (80) und Libanon (74).

Mindestens 25 Prozent der Scharia-Muslime im Mittleren Osten und in Nordafrika wollen die Scharia-Herrschaft auch für Nichtmuslime gelten lassen – in einigen Ländern noch sehr viel mehr.

Immerhin wollen in Tunesien und Marokko 89 beziehungsweise 85 Prozent der Muslime den Frauen die Entscheidung überlassen, ob sie Schleier tragen. Palästinenser (53), Ägypter (45), Jordanier (45) Iraker und natürlich Afghanen (30) sind da weniger „liberal“. In Afrika überlassen 58 Prozent der Senegalesen ihren Frauen die Entscheidung über den Schleier, aber nur 42 Prozent der Malier, 34 Prozent der Äthiopier und 30 Prozent der nigerianischen Muslime.

Wenn jemand eine Frau haben möchte, dann kann er sie einfach nehmen und wird nicht bestraft.

Migrant aus Eritrea (New York Times)

Auseinander gehen die Meinungen bei der Frage, ob Frauen das Recht auf Scheidung zusteht. Während in Tunesien und Marokko dies 81 beziehungsweise 73 Prozent bejahen, wollen es in Palästina nur 33 Prozent der Muslime erlauben. Bei Ägyptern (22), Jordaniern (22) und Irakern (14) und sind es noch weniger. Auch in Südostasien wollen nur Minderheiten Frauen die Scheidung erlauben: In Indonesien 32 Prozent, in Pakistan 26, in Malaysia 8.

Viele Befürworter von Ehrenmorden

Erschreckend hoch ist fast überall im Mittleren Osten die offene Zustimmung für Ehrenmorde. Besonders negativ fallen hier irakische Muslime auf, von denen nur 22 Prozent sagen, dass Ehrenmorde an Frauen nie gerechtfertigt seien. In Afghanistan erklären das nur 24 und in Pakistan 45 Prozent der Befragten. In Ägypten sind es nur 31, in Jordanien 34, und bei den Palästinensern mit 44 Prozent auch deutlich weniger als die Hälfte. Größer ist die Ablehnung von Ehrenmorden in Marokko (65 Prozent) und in Tunesien (57). In Jordanien, Irak und Ägypten fällt auf, dass dort die Ablehnung von Ehrenmorden an Männern um 47, 11 beziehungsweise 10 Prozentpunkte höher liegt als die von Ehrenmorden an Frauen.

Auffällig: In einer ganzen Reihe von muslimischen Ländern haben gerade die Befürworter des Scharia-Staats auch besonders großes Verständnis für Ehrenmorde.

Die Befürwortung oder Ablehnung von Ehrenmorden hängt nicht von der Religiosität der Befragten ab. Muslime, die mehrmals am Tag beten, stehen der Pew-Studie zufolge im Schnitt nicht anders zum Ehrenmord als solche, die weniger häufig beten. Auch Alter und Geschlecht spielen keine Rolle. Auffällig: In einer ganzen Reihe von muslimischen Ländern haben gerade die Befürworter des Scharia-Staats auch besonders großes Verständnis für Ehrenmorde.

Söhne sollen mehr erben − das sagen in den untersuchten Länder auch die Frauen.

Dass Söhne beim Erbrecht gegenüber Töchtern bevorzugt werden sollen, befürworten besonders viele Marokkaner (80 Prozent) und Tunesier (78). Ähnlich sieht es in Irak (75), Jordanien (71), und Ägypten (65) aus. Auch Afghanen stimmen dem mit 65 Prozent zu, Pakistaner nur mit 38. Interessant: In keinem der Länder beantworten Frauen diese Frage substantiell anders.

Für Polygamie – gegen Ehen mit Christen

Gespalten sind zumindest mittelöstliche Muslime in ihrem Verhältnis zur Polygamie – der Vielehe: Palästinenser führen die Liste der Befürworter mit 48 Prozent Zustimmung an, gefolgt von Irakern (46), Libanesen (45), Jordaniern (41) und Ägyptern (41). Regelrecht glühende Befürworter der Vielehe sind afrikanische Muslime. Die Liste führt Niger mit 87 Prozent an. Es folgen Senegal (86), Mali (74), Kamerun (67) oder Nigeria (63). Was die Sache nicht besser macht: In Kamerun (31), Uganda (18), Nigeria (9) und anderen afrikanischen Ländern halten sogar einige Christen die Polygamie für moralisch akzeptabel. Zwischen jungen und älteren Muslimen gibt es bei der Beurteilung des moralischen Stellenwerts der Polygamie „keine konsistenten Unterschiede“, schreiben die Forscher des Pew-Instituts.

Wir müssen aufhören mit der falschen Toleranz gegenüber dem Islam.

Zana Ramadani, muslimische Frauenrechtlerin aus Mazedonien

Für die Integration etwa in europäische Länder bedeutsam ist ein weiterer Punkt: Nur sehr wenige Muslime sind damit einverstanden, dass ihre Kinder Nichtmuslime heiraten. Noch am ehesten wollen sie es bei ihren Söhnen akzeptieren. Wenn es um ihre Töchter geht, sinkt die Akzeptanz einer Ehe mit einem Nichtmuslim etwa in Ägypten auf 0 Prozent (bei Söhnen 17 Prozent), in Tunesien lauten die Zahlen bei Söhnen 30 Prozent, bei Töchtern 13, in Marokko 26 und 14, in Jordanien 12 und 0, im Irak 13 und 4, bei Palästinensern 14 und 5. In Pakistan würden 9 Prozent der Befragten bei Söhnen eine derartige Ehe akzeptieren und 3 bei Töchtern, in der Türkei 25 beziehungsweise 20 und im Kosovo 24 beziehungsweise 22 Prozent.

Wir dürfen nicht die Augen verschließen, denn wir haben Werte, die wir durchsetzen, verteidigen und verständlich machen müssen.

Kamel Daoud, algerischer Schriftsteller

Was aber bedeutet diese in der muslimischen Welt so verbreitete Frauenverachtung für die Europäer? Wie sollen sie mit den Hunderttausenden von Zuwanderern aus diesen Ländern umgehen? Man solle den Migranten nicht die Türen verschließen, denn das führe zu einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gibt die Pariser Tageszeitung Le Monde den algerischen Schriftsteller Kamel Daoud wieder. Das Blatt zitiert allerdings auch seine Warnung: „Aber wir dürfen auch nicht die Augen verschließen, denn wir haben Werte, die wir durchsetzen, verteidigen und verständlich machen müssen.“ Deutlich schärfer formuliert es die in Mazedonien geborene Frauenrechtlerin Zana Ramadani: „Wir müssen aufhören mit der falschen Toleranz gegenüber dem Islam. Der Islam macht unsere Werte kaputt, und das müssen wir verhindern.“