Wilde Drohungen gegen die USA: Nordkoreas Diktator Kim Jong Un. (Bild: dpa/Rodong Sinmun/Yonhap/Archiv)
Nordkorea

Raketen gegen Guam

Gefährliche Eskalation: Nordkorea kündigt Raketentests in Gewässern unmittelbar vor der US-Pazifik-Insel Guam an. Nach der „Feuer-und-Wut”-Drohung von US-Präsident Donald Trump warnt Verteidigungsminister Mattis vor der Vernichtung Nordkoreas.

Nordkoreas Militärführung droht ganz konkret mit einem mehrfachen Raketenangriff auf die amerikanische Pazifik-Insel Guam. Auf die jüngsten drastischen Warnungen von US-Präsident Donald Trump reagierte Pjöngjang mit Spott: „Sachlicher Dialog ist mit so einem Typen bar jeder Vernunft nicht möglich, nur mit absoluter Stärke ist ihm beizukommen”, hieß es in einer Stellungnahme der Streitkräfte, aus der die nordkoreanische Staatsagentur KCNA zitierte.

Raketen gegen Guam

In der neuen Stellungnahme aus Pjöngjang heißt es, man werde bis Mitte August Pläne fertigstellen, nach denen vier Mittelstreckenraketen über Japan fliegen und etwa 30 bis 40 Kilometer vor Guam ins Meer stürzen sollen: „Die Hwasong-12-Raketen werden Shimane, Hiroschima und die japanische Präfektur Koichi überfliegen”, so die KCNA-Meldung: „Sie werden in 1065 Sekunden 3356,7 Kilometer weit fliegen und 30 bis 40 Kilometer von Guam entfernt ins Wasser stürzen.” Sobald die Einsatzpläne fertiggestellt seien, entscheide Präsident Kim Jong Un über das weitere Vorgehen. Auf der von 160.000 Menschen bewohnten US-Pazifikinsel befindet sich ein strategisch wichtiger Stützpunkt des amerikanischen Militärs.

Scharfe Warnung aus Washington

Zuvor hatte Trump Nordkorea offen militärisch gedroht: „Nordkorea sollte besser keine weiteren Drohungen gegen die USA ausstoßen. Ihnen wird mit Feuer und Wut begegnet werden, wie es die Welt niemals zuvor gesehen hat.” Eine Sprecherin des Weißen Hauses erklärte später, der Tonfall der Erklärung Trumps sei vorher intern mit Stabschef John Kelly und anderen besprochen worden.

Mäßigend äußerte sich wenig später US-Außenminister Rex Tillerson. Er glaube nicht, dass es eine unmittelbare Bedrohung gebe, die Amerikaner könnten ruhig schlafen, so Tillerson bei einem Stopp auf Guam. Trump habe nur die nordkoreanische Rhetorik in gleicher Sprache beantworten wollen.

Die Demokratische Volksrepublik sollte jeden Gedanken an Handlungen aufgeben, die zum Ende ihres Regimes und zur Vernichtung ihres Volkes führen würden.

Jim Mattis, US-Verteidigungsminister

Am Mittwoch ließ jedoch US-Verteidigungsminister Jim Mattis wieder eine ungewöhnlich scharfe Warnung an die Adresse Pjöngjangs folgen: Nordkorea müsse aufhören, sich selbst zu isolieren und müsse seine Nuklearrüstung beenden. „Die Demokratische Volksrepublik sollte jeden Gedanken an Handlungen aufgeben, die zum Ende ihres Regimes und zur Vernichtung ihres Volkes führen würden”, so Mattis.

Der Verteidigungsminister weiter: „Alle Aktionen des nordkoreanischen Regimes werden von uns massiv überboten werden, und es wird jeden Rüstungswettlauf und jeden Konflikt, den es beginnt, verlieren.” Zwar versuche das US-Außenministerium alles, um der Bedrohung mit diplomatischen Mitteln Herr zu werden. Aber zugleich verfügten die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten weltweit über die „präzisesten, am besten erprobten und stärksten Verteidigungs- und Angriffsfähigkeiten”, so der Minister. Die US-Presseagentur Reuters bezeichnet Mattis‘ Worte als „mit die heftigsten Äußerungen zum Thema Nordkorea”, die der Verteidigungsminister je gemacht habe.

Südkorea, China, Japan

Mit ungewohnt deutlichen Worten warnte am Donnerstag auch Südkorea den Norden vor einer weiteren Eskalation des Konflikts. Sollte das kommunistische Nachbarland seine „Provokationen” nicht unterlassen, werde es „die harte und resolute Vergeltung der Alliierten” zu spüren bekommen, sagte Generalstabschef Roh Jae Cheon. Man sei darauf vorbereitet, die „Provokationen” Nordkoreas umgehend zu kontern. Südkoreas Nationaler Sicherheitsrat sollte am Donnerstag (08.00 Uhr MESZ) zu einer Dringlichkeitssitzung zusammentreten.

Harte und resolute Vergeltung der Alliierten.

Roh Jae Cheon, Südkoreas Generalstabschef

Chinas amtliche Nachrichtenagentur Xinhua kritisierte den verbalen Schlagabtausch zwischen den USA und Nordkorea scharf. In einem Kommentar hieß es, ohne eine „Rückkehr zur Vernunft” werde „alles noch schlimmer”. Nordkorea sollte sein Atom- und Raketenprogramm einstellen und die USA und Südkorea ihre Militärmanöver aussetzen. Letzteres ist Beobachtern zufolge eine jahrzehntealte Forderung Pekings und Pjöngjangs, die die Vereinigten Staaten von Südkorea trennen und in der Region unglaubwürdig machen soll.

Auch Japan hat Nordkoreas Drohung verurteilt, mehrere Raketen in Richtung der US-Pazifikinsel Guam abfeuern zu wollen. „Die Provokationen Nordkoreas sind absolut inakzeptabel. Wir bitten Nordkorea dringend, die wiederholt von der internationalen Gemeinschaft ausgesprochenen harten Warnungen und Rügen ernst zu nehmen”, sagte Regierungssprecher Yoshihide Suga an diesem Donnerstag in Tokia. Zudem forderte er Pjöngjang auf, den in der vergangenen Woche verhängten Sanktionen des UN-Sicherheitsrats Folge zu leisten und auf weitere Provokationen zu verzichten.

Heile Nervenprobe: Angriff oder Raketentest

Bei der jüngsten nordkoreanischen Raketenwarnung handele es sich nicht um eine Angriffsdrohung, sondern um die Ankündigung neuer Raketentests, meint dagegen der japanische Nordkorea-Experten Masao Okonogi von der Keio-Elite-Universität in Tokio: „Ich glaube, diese Botschaft bedeutet, dass sie vorhaben, ihre Raketentests vom Japanischen Meer in die Gebiete um Guam herum zu verlegen.” Okonogi weiter: „Indem sie diese Vorankündigung machen, senden sie stillschweigend die Nachricht, dass das, was sie da tun, nicht wirklich ein Angriff ist.”

Diese Botschaft bedeutet, dass sie vorhaben, ihre Raketentests vom Japanischen Meer in die Gebiete um Guam herum zu verlegen.

Masao Okonogi, japanischer Nordkorea-Experte

Hochgefährlich wäre das nordkoreanische Spiel gleichwohl: Denn die US-Militärs auf Guam, in Südkorea und Japan müssten dann 1065 Sekunden lang auf ihre Radarschirme starren, die nordkoreanischen Raketen anfliegen sehen und trotzdem auf Abwehr und Gegenmaßnahmen verzichten. Eine heikle Nerven-Probe: Denn ob es sich wirklich nur um einen Test handelt, könnten sie erst wissen, wenn die nordkoreanischen Raketen tatsächlich im Wasser und nicht auf Guam einschlügen – 30 bis 40 Kilometer Abstand sind dabei fast nichts. Und selbst dann wären Raketentests, die direkt auf Guam zielten, eine Eskalation, die die USA kaum ohne Antwort lassen könnten. (BK/dpa)