Würzburgs Sozialreferentin Hülya Düber setzt auf den Einsatz von Ehrenamtlichen. (Foto: Stadt Würzburg)
Würzburgs Sozialreferentin Hülya Düber setzt auf den Einsatz von Ehrenamtlichen. (Foto: Stadt Würzburg)

Spätestens vor dem aktuellen Hintergrund der deutlich sichtbaren gesellschaftlichen Spaltungsprozesse in den USA sind wir aus meiner Sicht aufgefordert, unseren Focus deutlich auf Fragestellungen des gesellschaftlichen Zusammenhaltes zu richten. So sind auch in Europa die aktuellen Entwicklungen in Zusammenhang mit dem Brexit oder die politische Situation in Frankreich besorgniserregend.

Eine Debatte ist notwendig

In Deutschland, und bei uns in Bayern, ist das Thema „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ vor allem in Folge des Flüchtlingszustroms, auch in Verbindung mit der demographischen Entwicklung, in die öffentliche Diskussion geraten. Diese ist häufig mit einem ernst zu nehmenden sorgenvollen und kritischen Tonfall unterlegt. Jeder spürt intuitiv, es ist ein gesellschaftlicher Diskurs notwendig und Handlungsbedarf gegeben. Es scheint aber nicht immer klar zu sein, welche konkreten Maßnahmen nutzbringend und hilfreich sind.

Vor etwa 15 Jahren bereits hatte sich mit Einführung der Hartz 4 Reformen eine leidenschaftliche Debatte über die Risiken sozialer Destabilisierung entfacht.

Hülya Düber

An diesem Punkt sollten wir uns daran erinnern, dass wir uns mit Themen wie sozialer Frieden und  „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ schon intensiv in der Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Vor etwa 15 Jahren bereits hatte sich mit Einführung der Hartz 4 Reformen in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit beziehungsweise Langzeitarbeitslosigkeit eine leidenschaftliche Debatte über die Risiken sozialer Destabilisierung entfacht. Wesentliche Inhalte dieser Diskussionen waren gesellschaftliche Benachteiligung, mangelnde Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten und drohende Ausgrenzung – etwa von älteren Arbeitnehmern, Migranten oder auch Alleinerziehenden im Hinblick auf deren prekäre Einkommensverhältnisse. Einhergehend mit der positiven Entwicklung der deutschen Wirtschaft, hat der Diskurs über diese gesellschaftliche Herausforderung an öffentlicher Brisanz verloren.

Ängste treten verstärkt zu Tage

Urplötzlich, mit Beginn des Flüchtlingszustroms, brandete die öffentliche Diskussion und Auseinandersetzung zum Thema „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ wieder auf. Und diese Debatte war und ist nicht nur rein politischer Natur. Sie wird vielmehr auf allen gesellschaftlichen Ebenen geführt, am Arbeitsplatz, auf der Straße, zuhause am Frühstückstisch bis hin zu den abendlichen Talkshow-Runden. Sorgen stehen im Raum, wie etwa für das eigene Kind keinen Kindergartenplatz zu bekommen, Ängste sind vorhanden, dass kein preisgünstiger Wohnraum mehr zur Verfügung steht und dass es möglicherweise auch zu Einschränkungen bei Sozialleistungen kommen kann.

Wichtige Themen wie sozialer Wohnungsbau, Ausbau der Kinderbetreuung und Schaffung von Arbeitsplätzen begleiten uns bereits seit Jahren.

Hülya Düber

Interessant dabei ist, dass uns die wichtigen Themen wie sozialer Wohnungsbau, Ausbau der Kinderbetreuung und Schaffung von Arbeitsplätzen bereits seit Jahren begleiten. Es wurde in der Vergangenheit zwar gesehen, dass diesbezüglich Maßnahmen zu ergreifen sind, jedoch muss es erlaubt sein selbstkritisch festzuhalten, dass – selbstverständlich auch im Nichtwissen um die noch kommenden Ereignisse – die Umsetzung dieser Maßnahmen nur in Teilaspekten erfolgt ist.

Eine Spaltung der Gesellschaft droht

Durch den Flüchtlingszustrom sind diese Problemstellungen nicht neu entstanden, sie sind sichtbarer und spürbarer, sie sind verdeutlicht worden. Vorhandene Ängste in der Bevölkerung haben sich durch die rasante Zuwanderung nochmals verstärkt, da vermeintliche oder vielleicht sogar tatsächliche Konkurrenzsituationen, wie beispielsweise um Wohnraum, Arbeitsplätze und Kindertagesbetreuung wahrgenommen werden. Diese Gegebenheiten stehen im Kontrast zu dem überwältigenden Engagement zahlreicher Bürgerinnen und Bürger, zu einer echten und gelebten Willkommenskultur in unserem Land, die mich persönlich immer wieder mit Respekt erfüllt. Aber man erkennt daran auch: eine insgesamt widersprüchliche Situation, die durchaus das Potential hat, eine Spaltung in unserer Gesellschaft zu provozieren. Sehr leicht entsteht hier ein Nährboden für Bewegungen wie Pegida und die AfD.

Konkurrenz muss vermieden werden

Um den sozialen Frieden in unserer Stadtgesellschaft zu erhalten, war uns in Würzburg deshalb klar, dass wir keine Konkurrenzszenarien – Einheimische, Zuwanderer, Senioren, junge Familien, etc. – entstehen lassen dürfen. Eine klare Strategie zur Sicherung der bestehenden sozialen Infrastruktur und deren konsequenter Weiterentwicklung muss nach unserer Einschätzung gegeben sein. Dies bedeutet selbstverständlich auch, ein ausdifferenziertes Integrationskonzept umzusetzen.

Das Thema Integration fordert uns in Würzburg bereits seit den Neunziger Jahren mit dem Zuzug von knapp 13.000 Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion. Diese ließen sich vor allem geballt in einen Stadtteil Würzburgs nieder, mit der Folge, dass große soziale Spannungen und erhebliche Probleme bei der Einbindung in das gesellschaftliche Leben entstanden.

Beruhend auf diesen Erfahrungen legten wir größten Wert darauf, kleinere Flüchtlingsunterkünfte zu schaffen, die über das gesamte Stadtgebiet verteilt waren. Zudem informierten wir im Vorfeld mit Bürgerveranstaltungen die angrenzende Nachbarschaft, um größtmögliche Transparenz und Akzeptanz zu erreichen. Auf diese Art gelang es uns auch, die Bewohner in den jeweiligen Stadtteilen aktiv in die kommunalen Integrationsbemühungen einzubinden und durch das in den Unterkünften beschäftigte pädagogische Personal der Stadt Würzburg zu unterstützen.

Augenmerk auf die Kinder

Ein Aspekt, der uns ganz besonders beschäftigt hat, war die Situation der Kinder, die in unseren Unterkünften lebten. Es war notwendig, die Kinder möglichst zeitnah in Kindertageseinrichtungen zu vermitteln, um ihnen nach der Flucht Stabilisierung zu ermöglichen. Aber es war bei dieser Vermittlungsaufgabe wichtig, möglichst keine Benachteiligung der einheimischen Bevölkerung herbeizuführen. Ein Spagat, der zusätzlich dadurch verschärft wurde, dass wir in Würzburg bereits vor dem Flüchtlingszuzug Wartelisten in Kindertageseinrichtungen hatten. Im Dialog mit den Erzieherinnen und Erziehern und auch der Elternschaft konnten wir viele Kinder in zahlreiche unterschiedliche Einrichtungen vermitteln. Mit Dolmetscherdiensten, Fortbildungen und Begleitung durch sozialpädagogische Fachkräfte haben wir diesen Prozess unterstützt.

Angebote für Einheimische und Flüchtlinge

Um aber auch Kapazitäten für andere Kinder freizuhalten und gleichzeitig die Einrichtungen nicht zu überfordern, organisierten wir neben der Integration der Kinder in bestehende Kindertageseinrichtungen auch eigene Formen der Kinderbetreuung. Hier wurden in den Unterkünften kindgerechte Räumlichkeiten geschaffen, Angebote für Kinder und Eltern etabliert und diese von hauptamtlichem Personal in Unterstützung durch Ehrenamtliche durchgeführt.

In weiten Teilen der Bevölkerung wird langjähriger Bezug von Transferleistungen durch eine bestimmte Personengruppe als eine massive Belastung des Sozialstaats empfunden.

Hülya Düber

Ein besonders erfolgreiches Beispiel hierfür ist für mich der Familienstützpunkt in der kommunalen Unterkunft „Reuterhaus“ im Stadtteil Heidingsfeld. Hier ist es uns gelungen, durch die Eingliederung eines bereits bestehenden Angebotes für Kinder im Stadtteil in den neuen Familienstützpunkt hinein, eine echte Verzahnung in die einheimische Bevölkerung herzustellen. Die Angebote im Reuterhaus werden dadurch sowohl von den Bewohnerinnen und Bewohnern des Stadtteils, als auch von den Flüchtlingen unserer Unterkunft angenommen.

Die Integration der meist jungen Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt ist ein weiteres Thema, das nicht zu unterschätzen ist, wenn wir von gesellschaftlichem Zusammenhalt sprechen. In weiten Teilen der Bevölkerung wird langjähriger Bezug von Transferleistungen durch eine bestimmte Personengruppe als eine massive Belastung des Sozialstaats empfunden. Bei der Arbeitsmarktintegration standen immer wieder öffentlich diskutierte Hoffnungen, aber auch Illusionen im Raum. Die Realität zeigt, dass es intensiver Unterstützung und enormer Bemühungen bedarf, einen Flüchtling dauerhaft in Arbeit zu bringen.

Flüchtlinge brauchen Beratung

Auch wenn dieses Thema nicht in der originären Zuständigkeit der Kommune liegt, tut sie in eigenem Interesse gut daran, den Prozess der Arbeitsmarktintegration mit den vor Ort vorhandenen Partnern und bestehenden Kooperationen konstruktiv voran zu bringen. Aus diesem Grund haben wir in Würzburg zügig Flüchtlinge in bestehende Arbeitsmarktprojekte integriert, die wir als Kommune für Langzeitarbeitslose seit Jahren unterstützen. Und zugleich engagieren wir uns auch in Kooperationsprojekten mit Schulen, wie beispielsweise durch die Sicherstellung der sozialpädagogischen Begleitung von jungen Flüchtlingen in Berufsintegrationsklassen. Darüber hinaus sind Mitarbeiter eines beruflichen Bildungsträgers kontinuierlich in unseren Unterkünften für die arbeitssuchenden Flüchtlinge beratend und begleitend tätig.

Die Ehrenamtlichen sind ein elementarer Bestandteil bei den Bemühungen einer Kommune, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu sichern und zu erhalten.

Hülya Düber

Die Effizienz dieser Beratung hat uns nunmehr auch dazu veranlasst, ein eigenes zentrales „Integrationsbüro“ zur Bündelung von Angeboten zu eröffnen, gemeinsam mit unseren Partnern der Bundesagentur für Arbeit, des Jobcenters, der Asylsozialberatung und Migrationsberatung. So versuchen wir sicher zu stellen, dass sowohl Flüchtlinge, als auch begleitende Ehrenamtliche „den richtigen Weg“ finden.

Brücke in die Stadtgesellschaft

Und mit den ehrenamtlich tätigen Bürgerinnen und Bürgern möchte ich auch meine Überlegungen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt abschließen. Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer sind die Brücke in unsere Stadtgesellschaft hinein – als Begleiter bei der Wohnungssuche, zu den Behörden, aber auch als Akteure, die Sprachkurse anbieten, Kinder musikalisch fördern und bei den Hausaufgaben helfen, Fahrradwerkstätten betreiben, Ausflüge organisieren und vieles mehr. Sie sind ein elementarer Bestandteil bei den Bemühungen einer Kommune, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu sichern und zu erhalten.