Nach seinem 68. Geburtstag im März gibt ifo-Chef Hans-Werner Sinn die Leitung des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts ab. Seit 1999 hatte er es zu einer angesehenen Adresse in Europa und in der Welt gemacht. Bild: ifo-Institut
Nach seinem 68. Geburtstag im März gibt ifo-Chef Hans-Werner Sinn die Leitung des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts ab. Seit 1999 hatte er es zu einer angesehenen Adresse in Europa und in der Welt gemacht. Bild: ifo-Institut

Ob bei der Griechenland-Rettung oder der immer expansiveren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Sinn erhob den Finger und warnte vor den ökonomischen Folgen, die Europa einholen werden: „Mit klarem Verstand, messerscharfen Analysen und großer ökonomischer Leidenschaft blieb Hans-Werner Sinn immer der unbequemen Wahrheit verpflichtet. Er hat es der Politik nie leicht gemacht“, würdigte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer das Wirken des Ökonomie-Professors, der in Gauting bei München lebt. Mit dem ifo-Institut habe Sinn in München eine Plattform für ökonomische Forschung und Debatten aufgebaut, „die in Europa ihresgleichen sucht“, sagt der CSU-Chef.

Wie nur wenige andere deutsche Wirtschaftswissenschaftler konnte er wirtschaftliche Argumente für die Öffentlichkeit zugänglich machen.

Bundesbankpräsident Jens Weidmann über Hans-Werner Sinn

Auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann ist ein Freund des Professors, der bei seinen Analysen selten ein Blatt vor den Mund nahm und nimmt: „Wie nur wenige andere deutsche Wirtschaftswissenschaftler konnte er wirtschaftliche Argumente für die Öffentlichkeit zugänglich machen“, würdigte der Bundesbankpräsident am Freitag auf einem Symposium in München die Verdienste Sinns zur Meinungsbildung in Deutschland. Mehr als ein Dutzend Bücher, hunderte Meinungsbeiträge sowie zahlreiche Radio- und Fernsehinterviews seien der Beweis dafür, so Weidmann.

Analysen mit Biss

Seine Analysen würzte Hans-Werner Sinn gerne mit einem kräftigen Schuss Ironie, Sarkasmus und Biss: „Das Schöne an dem Euro ist, dass man sich im eigenen Keller Geld drucken kann, das in anderen Ländern als gesetzliches Zahlungsmittel gilt“, kritisierte der scheidende ifo-Chef zum Beispiel jüngst Staatsanleihenkäufe nationaler Notenbanken, die damit Staatsfinanzierung durch die Hintertür betreiben. Der Europäischen Zentralbank (EZB) samt ihrem Chef Mario Draghi las Sinn dabei bekanntlich auch immer wieder gerne die Leviten.

Sie haben eine Haltung und nicht nur eine Meinung.

Jens Weidmann über Hans-Werner Sinn

„Sie haben eine Haltung und nicht nur eine Meinung“, verneigte sich Bundesbankchef Weidmann nun geradezu vor dem Münchner Professor. Die Interaktion mit dem Publikum sei für Sinn nie Selbstzweck gewesen. Er habe an seiner Überzeugung festgehalten, und kein politischer Entscheidungsträger könne dauerhaft ignorieren, was Sinn „die Gesetze der Ökonomie“ nenne.

Sein Ruhm eilt dem Professor meist voraus

Wenn der ifo-Chef um die Welt reist, eilt ihm sein Ruhm meist voraus: Für die britische Zeitung Independent gehört Sinn zum Beispiel wegen seiner Forschungen zum europäischen Zahlungssystem zu den zehn wichtigsten Menschen, die 2011 die Welt verändert haben. Die WirtschaftsWoche hob ihn auf Platz eins der wichtigsten Wirtschaftswissenschaftler, und Sinn war als einziger Deutscher in der Bloomberg-Liste der 50 weltweit wichtigsten Persönlichkeiten der Wirtschaft des Jahres 2012 aufgeführt. Im FAZ-„Ökonomenranking“ belegte er 2014 und 2015 den Spitzenplatz: „Kein anderer Wirtschaftsforscher hat in Deutschland so viel Gewicht in Medien und Politik und ist gleichzeitig auch in der Forschung präsent“, hieß es dazu.

Als überzeugter Verfechter der Sozialen Marktwirtschaft hat Hans-Werner Sinn Großes für Wirtschaft und Wissenschaft geleistet.

Ministerpräsident Horst Seehofer

Nach Angaben des ifo-Instituts gilt Sinn innerhalb der Volkswirtschaftslehre als Generalist. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Themen Steuern, Regulierung, Arbeitsmarkt, Umwelt, Wachstum und erschöpfbare Ressourcen, Außenhandel, Banken, Versicherung und Risiko, Klima und Energie, Demographie und Sozialversicherung, Makroökonomik, Systemwettbewerb und Systemtransformation. Seit 1984 ist der gebürtige Bielefelder Ordinarius an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München, seit 1989 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium. 1999 übernahm der Wahlbayer das damals angeschlagene ifo-Institut und machte es zu einer angesehenen Adresse. Unmissverständlich und direkt habe Sinn einige der wichtigsten Reformen mitangestoßen, „die heute Grundlage unseres soliden wirtschaftlichen Erfolgs sind“, würdigt der Bayerische Ministerpräsident das Engagement des Trägers des Bayerischen Maximilianordens für Wissenschaft und Kunst (2008) sowie Träger des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und des Verdienstkreuzes 1. Klasse. Seehofer: „Als überzeugter Verfechter der Sozialen Marktwirtschaft hat Hans-Werner Sinn Großes für Wirtschaft und Wissenschaft geleistet.“