Gerade bei Filmaufnahmen fällt es dem Zuschauer oftmals schwer, der Handlung akustisch zu folgen. (Bild: Imago/Chromorange)
Gerade bei Filmaufnahmen fällt es dem Zuschauer oftmals schwer, der Handlung akustisch zu folgen. (Bild: Imago/Chromorange)

„Mikro, Mikro vor der Wand, wer spricht das beste Deutsch im ganzen Land?“ Vor fünfzig Jahren wäre die Antwort gewesen: Die Nachrichtensprecher des Rundfunks. Ihre Aussprache galt als musterhaft: Klar und flüssig artikuliert, deutlich hörbar, aber ohne den damals „hohen Ton“ der Bühnensprache oder die Verkürzungen und Verschleifungen der Umgangssprache. Ein 1964 erschienenes „Wörterbuch der deutschen Aussprache“ stellt deshalb eingangs klipp und klar fest:

Als allgemeine deutsche Hochlautung wird die Form der Lautung bezeichnet, die … in den Nachrichtensendungen des Rundfunks ihren mündlichen Ausdruck findet.

Wörterbuch der deutschen Aussprache

Das war einmal. Heute will die Aussprache in den Nachrichtensendungen nicht mehr vorbildlich sein (das wäre zu elitär), sondern lediglich gut verständlich. Im Hörfunk wird diese gute Verständlichkeit im Allgemeinen erreicht, ebenso im Fernsehen bei der  „Tagesschau“ der ARD. Beim ZDF ist die Aussprache lockerer, inklusive Fehler, zum Beispiel bei der Betonung von Eigennamen:  Cáracas, Écuador, Gíbraltar, Gránada, Páderborn usw. Die korrekte Betonung ließe sich in der Aussprachedatenbank der Rundfunkanstalten bequem abrufen, aber die ZDF-Sprecher entscheiden lieber selbst, was sprachlich richtig ist.

Aus „Sturmtief“ wird „Stummtief“

Dieser Selbstbezug zeigt sich auch an der lässigen Artikulation, mit der sie die sachlich spröden Meldungen ab und zu würzen: Vierzig wird dann zu „viezig“, der Warnstreik zum „Wahnstreik“, die Erderwärmung zur „Ädäwämung“. Beim „Sport“ und vor allem dem „Wetter“, also weniger ernsten Themen,  herrscht im ZDF schon eine umgangssprachliche Lautung, die Endungen verkürzt und den r-Laut im Wortinneren einspart:  Der Wind weht aus dem „Nodn“, ein „Stummtief“ (Sturmtief) zieht auf, und im „Bägland“ (Bergland) regnet es. Aber was soll’s? Der Zuschauer versteht ja, was gesagt wird, und falls nicht wortwörtlich, sieht er das Ganze auf der Wetterkarte.

Aus Sturmtief wird Stummtief.

Bei Nachrichtensendungen gibt es keine Störgeräusche oder Hintergrundmusik, und es spricht jeweils nur eine Person, mit dem Gesicht zum Publikum. Diese idealen Bedingungen für Hörbarkeit kann der Spielfilm nicht bieten: Hier kommen nebeneinander Stimmen vor, Geräusche, Musik, und die Sprecher sind in Bewegung. So wie die Kamera-Einstellung das Auge des Zuschauers führt, muss die Tongestaltung (Sounddesign) das Ohr leiten. Technisch erfolgt dies durch eine gezielte Abmischung der akustischen Ereignisse, insbesondere von Musik und Sprache. Mischt man die Musik zu laut, wird die Sprache „verdeckt“ und nicht mehr verständlich ‒  ein Manko vieler Fernsehkrimis, wie folgende E-Mail an die ARD-Zuschauerredaktion belegt: „Gegen 22 Uhr wurde ein Rostock-Kriminalfilm gezeigt, dem wir ‒ egal, welche Lautstärke wir einstellten ‒ akustisch nur mit Mühe folgen konnten.“

Technisches Problem oder Aussprachen-Schlamperei?

Allerdings hilft auch ein optimaler Lautheitsabstand zwischen Sprache und Musik nichts, wenn der Originalton schlecht ist, also die Schauspieler undeutlich und leise sprechen, kurz: nuscheln. Beim Nuscheln wird artikulatorisch die „Kieferöffnungsweite“ reduziert, was die Unterscheidbarkeit der Laute vermindert ‒  ähnlich wie bei einer Handschrift mit verkürzten Ober- und Unterlängen die Buchstaben verschwimmen.

Eine „Tatort“-Folge als „Nuschelklassiker“

Zum Nuschelklassiker wurde der 2013 ausgestrahlte Tatort „Der Tod macht Engel aus uns allen“. Bei der ARD-Zuschauerredaktion liefen Hunderte von Beschwerden ein, in Fernsehkritiken wurde das Zuhören als „Qual“ bezeichnet. Der Bayerische Rundfunk, der den Film produziert hatte, rechtfertigte die schlechte Tonqualität mit „dramaturgischen Gründen“: Man habe den Schauspielern keine Vorgaben gemacht, damit sie „ihren improvisatorischen Spielimpulsen spontaner folgen“ konnten. Nun kann man auch einen improvisierten Text akustisch verständlich sprechen; falls das bei der Filmaufnahme nicht klappt, lässt sich der Filmton im Tonstudio nachsynchronisieren. Mit „Dramaturgie“ hat die Tonqualität nichts zu tun.

Die „Kunst des Sprechens“

Aber haben Schauspieler nicht „die Kunst des Sprechens“ erlernt? Im Prinzip ja, doch  Regisseure wollen heute einen „authentischen“ Sprechton, kein sofort verständliches „Schönsprechen“ wie in älteren Spielfilmen, und als authentisch gilt eine Aussprache mit minimalem Artikulationsaufwand: Aus dem zweisilbigen „Nor-den“ mit sechs Lauten wird dann der einsilbige „Nodn“ mit vier Lauten, und der Hörer, der ein Drittel weniger akustische Information erhält, muss sich mehr anstrengen, das Wort zu verstehen. Dieser Effekt war schon Goethe bekannt: In seinen „Regeln für Schauspieler“ (1803) forderte er deshalb „die reine und vollständige Aussprache jedes einzelnen Worts“ und warnte davor, „Endsilben … undeutlich auszusprechen“.

Die Regisseure wollen oft einen „authentischen“ Sprechton, kein sofort verständliches „Schönsprechen.

Öffentlich-Rechtliche reagieren mit Leitfaden

Das Problem der Sprachverständlichkeit ist den Fernsehanstalten inzwischen bewusst geworden. ARD und ZDF bieten zum Thema Workshops an und gaben 2014 einen 15-seitigen Leitfaden „Sprachverständlichkeit im Fernsehen“ heraus mit „Empfehlungen für Programm und Technik“. Darin wird unter den Faktoren, welche das Sprachverständnis erschweren, ausdrücklich die mangelnde Sprechqualität genannt: „falsche Betonungen, sehr schnell gesprochener Text, genuschelter oder gemurmelter Dialog“.

Der Leitfaden soll die Filmemacher „sensibilisieren“, aber gebracht hat das bis jetzt wenig: Gegen das Vorurteil, genuscheltes Deutsch sei authentisch, also „natürlich“ und „lebensnah“, wird man mit Argumenten wenig ausrichten. Statt auf „Sensibilisierung“ sollten ARD und ZDF deshalb auf finanzielle Fakten setzen und in Zukunft nur noch Filme ankaufen oder produzieren lassen, die ihren „Empfehlungen“ für Sprachverständlichkeit folgen. Eine zweite Lösung wäre, Nuschelfilme ‒ wie das in Dänemark für die dortigen Produktionen vorgeschlagen wird ‒ zu untertiteln.