Antritt in Mannschaftsstärke: Polizeiwagen vor dem Rheinbad in Düsseldorf. (Foto: dpa/Gerhard Berger)
Schwimmbäder

Pöbeln, prügeln, provozieren

Eigentlich verspricht ein Freibadbesuch Abkühlung, doch in jüngster Zeit scheint sich die Stimmung in deutschen Bädern schnell aufzuheizen. Mehrfach wurde die Polizei zuletzt gerufen, um gewalttätige Auseinandersetzungen zu unterbinden.

Im Düsseldorfer Rheinbad rückte am vergangenen Samstag die Polizei mit mehr als 60 Beamten und auch mit Hunden an. Im Bad bot sich ihnen ein erschreckendes Bild: Ein Vater stand schützend vor seiner Familie, umgeben von Hunderten junger Männer, die ihn anschrien und bedrohten.

Zusammenrottung junger Männer

Einige junge Männer hatten sich zuvor daneben benommen, waren über Decken und Badegäste gesprungen. Bei einer Rangelei seien zwei Jugendliche dem Liegeplatz der Familie unangenehm nahe gekommen. Als sich ihnen daraufhin der Familienvater entgegenstellte und sie laut Zeugen „Nafris“ (eigentlich ein polizeiinterner Begriff für nordafrikanische Intensivtäter) nannte, schlugen sich viele andere junge Männer auf die Seite der Unruhestifter.

Die ersten Polizeikräfte versuchten, die Kontrahenten zu beruhigen, mussten aber Verstärkung rufen. „Immer wieder versuchten Einzelne durch herausforderndes Herantreten an die Beamten zu provozieren“, so der Polizeibericht. Getränkekartons flogen in Richtung der Einsatzkräfte, sie wurden angepöbelt und beleidigt. Die Familie musste aus dem Bad begleitet, das Bad vorzeitig geschlossen werden. Laut Zeugenaussagen habe es sich „augenscheinlich um arabische oder nordafrikanische Täter“ gehandelt, so die Rheinische Post (RP). Auch unbeteiligte Badegäste seien von ihnen „belästigt, bedrängt und auch beleidigt“ worden, meldete die deutschsprachige Hurriyet.

Wie die sich aufführen, ist nicht mehr normal.

Badegast

Am Tag darauf hat es laut RP wieder Vorfälle mit ähnlich beschriebenen Männern gegeben, die dafür sorgten, dass mehrere Familien das Bad verließen, erneut die Polizei anrückte und das Bad geschlossen werden musste. Die Polizei sei von „etwa 200 johlenden jungen Männern umringt“ und beleidigt worden. Fünf Hausverbote seien ausgesprochen worden.

Am Montag schildert die Zeitung eine Situation so: „Vier Teenager mit Migrationshintergrund markierten am Beckenrand ihr Revier. Die Zigarette lässig im Mund, jeder eine auffällige Kette um den Hals, dank der mitgebrachten Mini-Box gibt es deutschen Hip Hop auf die Ohren – eine Frau fühlt sich von der Musik gestört und sucht sich für ihr Sonnenbad einen neuen Platz.“ Ein halbtürkischer Stammgast nannte so etwas den „Normalfall“. Aber: „Wie die sich aufführen, ist nicht mehr normal. Sie zeigen überhaupt keinen Respekt. Außerdem werden die Anweisungen des Personals oft ignoriert.“

Städte mit ähnlichen Problemen

Die Ereignisse in Düsseldorf sind nur der spektakulärste von mehreren Freibad-Vorfällen der vergangenen Tage.

Über die Respektlosigkeit der Täter bin ich empört.

Thomas Kufen, Oberbürgermeister Essen

In einem Bad in Essen provozierte eine Gruppe junger Männer zwei Bademeister. Nach der Aufforderung, das zu unterlassen, schlagen sie auf die Bademeister ein und einem zwölfjährigen Mädchen, das ihnen im Weg stand, in den Magen. Die Stadt verdoppelte daraufhin die Zahl der Sicherheitsleute in dem Bad. „Über die Respektlosigkeit der Täter bin ich empört“, so Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU). „Wir werden Konsequenzen nach dem Vorfall ziehen. Neben einer strafrechtlichen Anzeige wird gegen die Angreifer auch ein Hausverbot ausgesprochen.”

In Hessen kam es am Mittwoch vor einem überfüllten Badesee zu Ausschreitungen. Wegen starken Andrangs war der Einlass vorläufig geschlossen worden. Daraufhin versuchten nach Polizei-Angaben etwa 200 Leute gewaltsam, auf das Gelände vorzudringen. Wartende warfen Steine und beschimpften die Sicherheitskräfte. Ähnliche Vorfälle gab es auch im Saarland.

In einem Freibad in Mannheim versprühte ein Mann bei einem Familienstreit Pfefferspray. Fünf Menschen, darunter zwei Kinder, erlitten leichte Verletzungen. Und nach Auseinandersetzungen in überfüllten Freibädern in Kehl nahe der französischen Grenze forderte Oberbürgermeister Toni Vetrano (CDU) Hilfe von der deutschen und der französischen Polizei. Auch hier mussten die Freizeitanlagen geschlossen werden. Weitere Vorfälle gab es in Freibädern nahe Stuttgart, wo es ebenfalls zu Tumulten mit 50 Jugendlichen kam. Außerdem kam es hier zu mehreren sexuellen Belästigungen, wie auch in einem niedersächsischen Bad in Dorum.

Es wird nicht so sein, dass wir dort Streife gehen oder dass neben dem Bademeister ein Polizeibeamter sitzt.

Kim Freigang, Düsseldorfer Polizeisprecher

Auch in Berlin gibt es immer wieder Vorfälle, etwa in Bädern in Neukölln und Kreuzberg. Auch dort wird deutlich, dass es oft um Probleme mit jungen Männern mit Migrationshintergrund geht. Denn die dort seit einigen Jahren als „Konfliktlotsen“ eingesetzten Mitarbeiter sollten teilweise türkisch oder arabisch sprechen können, um sich mit den Jugendlichen verständigen zu können, wie dem Focus mitgeteilt wurde. Im Freibad Pankow gibt es mittlerweile sogar Taschenkontrollen, um etwa die Mitnahme von Messern zu verhindern, so die Berliner Morgenpost.

Und auch in München gab es bereits wiederholt Ärger im Michaelibad, im Ungererbad sowie im Dantebad mit größeren Gruppen Jugendlicher. Diese hätten zunächst untereinander gepöbelt und provoziert, laut Musik gehört. Badegäste fühlten sich gestört, wurden dann selbst zum Ziel und schließlich rief der Schwimmmeister die Polizei. Mehrere Teenager wurden des Bades verwiesen, gegen einige wird wegen Körperverletzung und Landfriedensbruch ermittelt. Um die Sicherheit in den Freibädern zu gewährleisten, haben die Stadtwerke einen privaten Sicherheitsdienst engagiert, auch die Polizei zeigt nun verstärkt Präsenz.

Die Polizei muss anrücken

Die Polizei sieht sich bei der Sicherheit der Bäder nicht in der Pflicht. „Es wird nicht so sein, dass wir dort Streife gehen oder dass neben dem Bademeister ein Polizeibeamter sitzt“, erklärte der Düsseldorfer Polizeisprecher Kim Freigang in der Westdeutschen Zeitung (WZ). Es handele sich um ein privates Gelände und dies sei Aufgabe des Betreibers, also der Bädergesellschaft. Natürlich greife die Polizei aber ein, wenn es zu gefährlichen Situationen komme. Ähnlich sah es auch der Stuttgarter Polizeisprecher Stefan Keilbach.

Für ein bestimmtes Klientel gibt es keine Gesetze mehr.

Edgar Koslowski, Bademeister

Security und Kameras gibt es längst in vielen Schwimmbädern. Gegen mehrere hundert Jugendliche hätten aber auch sie nichts ausrichten können, meinte Roland Kettler, Geschäftsführer der Düsseldorfer Bädergesellschaft. Sehr vorsichtig spricht er wie auch der Betriebsleiter des Rheinbads, Ralf Merzig, in der WZ vom Problem der „Klientel“, die sich im Bad versammelt habe.

Edgar Koslowski, seit 40 Jahren Bademeister und Vorsitzender des Landesverbands Baden-Württemberg beim Bundesverband Deutscher Schwimmmeister, verwendet in den Stuttgarter Nachrichten das gleiche Wort: „Ich beobachte einen Werteverfall und Rücksichtslosigkeit, die es früher nicht gab. Vor 20 Jahren war der Bademeister noch eine Respektsperson. Das ist heute nicht mehr der Fall. Für ein bestimmtes Klientel gibt es keine Gesetze mehr. Das zeigt sich besonders in Problembädern in Ballungsgebieten.“

Das Recht des Stärkeren gilt hierzulande nirgendwo, nicht auf der Straße, nicht in Gerichtssälen und auch nicht in Freibädern.

Jörg Radek, GdP

Der Vizevorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek, forderte nun in der Neuen Osnabrücker Zeitung mehr Sicherheitspersonal und härteres Durchgreifen. „Rangeleien, Anmache und gewalttätige Auseinandersetzungen in Freibädern müssen durch Sicherheitspersonal schnell und umsichtig unterbunden werden“, so Radek. „Hausverbote, Anzeigen und das Rauswerfen immer wieder auffälliger Störenfriede sind zwar kein Allheilmittel, zumindest jedoch vielleicht ein Mittel, von dem mehr Gebrauch gemacht werden sollte.“

Radek nannte es beklagenswert, dass ein geringer Teil der Badegäste die entspannte, sommerliche Stimmung vieler anderer kippen lasse. „Das Recht des Stärkeren gilt hierzulande nirgendwo, nicht auf der Straße, nicht in Gerichtssälen und auch nicht in Freibädern. Wer da am Pool sein Mütchen kühlen will, stört und gehört da nicht hin.“ Leider müsse die Polizei immer öfter als Streitschlichter gerufen werden, weil die Sicherheitskräfte mancherorts nicht mehr in der Lage sind, „vor allem Gruppen aggressiv auftretender junger Männer im Zaum zu halten“.

Hilflose Bademeister

Der Bundesverband Deutscher Schwimmmeister beklagt schon seit längerem eine zunehmende Aggressivität in Freibädern. „Das ist eine erschreckende Entwicklung. Wir müssen da knallhart durchgreifen“, betonte jetzt Verbandspräsident Peter Harzheim. „Ich bin jetzt 45 Jahre im Job“, so Harzheim. „Man hat sicherlich einiges erlebt, aber was sich in den letzten 40 Jahren getan hat, ist doch erschreckend. Das Wort ‚Respekt‘ hatte früher eine ganz andere Bedeutung als heute.“ In den vergangenen zehn bis 20 Jahren habe sich das gründlich geändert. Jetzt bekomme man eher Sprüche zu hören wie „Alter, was willste?“ Vermehrt bei Gästen mit Migrationshintergrund, aber auch bei Deutschen. Eltern lebten ihren Kindern häufig vor, dass sie sich nichts gefallen lassen müssten. Dazu kämen kulturelle Unterschiede, etwa im Umgang mit Frauen.