Ein Urteil über (Un-)Worte: Wo liegt die Wahrheit? (Bild: Imago/Martin Bäuml Fotodesign)
Ein Urteil über (Un-)Worte: Wo liegt die Wahrheit? (Bild: Imago/Martin Bäuml Fotodesign)

So waren die Unwörter 2013 „Sozialtourismus“, 2014 „Lügenpresse“, 2015 „Gutmensch“. Neben dem erstplatzierten Unwort werden auch einige weitere genannt  (für 2016 wurde auf weitere Nennungen verzichtet), so dass sich seit Beginn der Aktion eine Sammlung von fast 100 Unwörtern ergibt. Was ist aus diesen Wörtern, die man nicht sagen soll, geworden?

Eine Bilanz

Ein Viertel sucht man vergebens im allgemeinen Sprachgebrauch, aber nicht, weil sie daraus als „Unwort“ verjagt wurden, sondern sprachliche Eintagsfliegen waren und geblieben sind: Wer sagte und sagt schon Selektionsrest (Google fragt bei einer Suche, ob man „Selektions-test“ meint), Sozialleiche, Rentnerschwemme oder betriebsratsverseucht?

Auch das Unwort des Jahres 2012, Opfer-Abo („stellt Frauen … unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein“), wird als sprachliche Augenblicksbildung nicht in die Wörterbücher eingehen. Hier nannte die Jury ausdrücklich den Urheber, nämlich den TV-Wettermoderator Jörg Kachelmann, der wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs vor Gericht stand. Kachelmann wurde damals freigesprochen, und mit Urteil vom 25. September 2016 bescheinigte das Oberlandesgericht Frankfurt der Tatzeugin, dass sie Kachelmann „vorsätzlich wahrheitswidrig der Vergewaltigung bezichtigte“. Rückblickend gesehen hat sich die Jury nach dem Leitsatz „Das Un-wort verrät die Un-tat “ als Trittbrettfahrerin an einer medialen Verleumdungs- und Rufmordkampagne beteiligt.

Drei Viertel der Unwörter sind im Sprachgebrauch üblich. Einige haben sogar Karriere als Modevokabeln gemacht, nachdem sie zum „Unwort“ erklärt wurden: „Flexibilisierung und Outsourcing“ (1996), „Organspende“ (1997: „Pervertierung des Begriffes ‚Spende/spenden‘ in der Transplantationsmedizin“), „Humankapital“ (2004: „Degradiert Menschen zu nur noch ökonomisch interessanten Größen“). Auch das vom Schriftsteller Martin Walser am 11. Oktober 1998 in einer Rede geprägte Neuwort „Moralkeule“ wurde durch die prompte Erklärung zum „Unwort“ („Fatale Kopplung von ‚Moral‘ und einem Totschlagargument“) in seiner Verbreitung nicht  gestört.

Kein Einfluss auf den Wortgebrauch

Fazit: Einen messbaren Einfluss auf den Wortgebrauch der 100 Millionen Deutschsprecher hat die Aktion „Unwort des Jahres“ trotz ihrer Bekanntheit nie gehabt. Das spricht nicht gegen eine Aktion, die sich als Aufforderung zu „sprachkritischer Reflexion“ versteht. Allerdings muss man dann den vier Germanistikprofessoren vorhalten, dass ihre Argumente und Wertungen mehr auf Gesinnung als auf Fakten beruhen.

Eine vierte Großmacht hat sich wider uns mit den andern [Frankreich, England, Russland] zusammengefunden: die Großmacht der internationalen Lügenpresse.

Adolf von Harnack, Theologe, im Jahr 1914

Faktisch falsch ist zum Beispiel die Begründung für das Unwort von 2014, „Lügenpresse“: „Es handelt sich um einen nationalsozialistisch vorbelasteten Begriff.“ Das Wort ist keine NS-Bildung, sondern seit dem 19. Jahrhundert belegt. In den allgemeinen Sprachgebrauch kam es 1914, zu Beginn des 1. Weltkrieges, als Kampfbegriff gegen die ausländische Presse, welche den deutschen Truppen „Gräueltaten“ vorwarf: „Eine vierte Großmacht“, schrieb damals der berühmte Theologe Adolf von Harnack, „hat sich wider uns mit den andern [Frankreich, England, Russland] zusammengefunden: die Großmacht der internationalen Lügenpresse“. Nach dem Weltkrieg, in der Weimarer Republik (1919-1933), wurde „Lügenpresse“ auf den inneren Feind bezogen, und zwar von rechts- und linksradikaler Seite. Auch die NS-Bewegung bezeichnete damit die bürgerliche Presse, aber nur ab und zu: In Hitlers Mein Kampf kommt „Lügenpresse“ nicht vor, er spricht von „jüdischer Presse“ und „Lügenblättern“. Nach der Gleichschaltung der deutschen Presse 1933 bezieht sich das Wort wieder auf ausländische Zeitungen, üblicher waren aber die Bezeichnungen „Judenpresse“ und „Hetzpresse“.

Vorbelastete Wörter?

Lügenpresse wurde also in der NS-Zeit und von NS-Größen gelegentlich verwendet, aber ist es damit „nationalsozialistisch vorbelastet“? Falls ja, wäre der größte Teil des deutschen Wortschatzes „vorbelastet“; denn die Sprache des Nationalsozialismus war Deutsch. Der Reichskanzler Hitler verwendete in seinen außenpolitischen Reden zum Beispiel das Wort „Frieden“ so häufig, dass sie als „Friedensreden“ unter Titeln wie „Die Reden Hitlers für [nationale] Gleichberechtigung und Frieden“ (1934) in Massenauflagen erschienen. Auch „Friedenspolitik“ ‒ ein Schlüsselbegriff der deutschen Außenpolitik nach 1969 ‒ ist in der NS-Zeit gut belegt: „Hitlers Friedenspolitik und das Völkerrecht“ (1935), lautet eine einschlägige Veröffentlichung. Kurzum: Der nationalsozialistische Stammbaum, den die Jury der Lügenpresse ausstellt, ist gefälscht. Übrigens wurde das Wort auch noch in den 1950er Jahren gerne benutzt, nämlich vom Parteiorgan Neues Deutschland in der DDR, zur Bezeichnung der „westlichen“ oder „kapitalistischen“ Presse und deren „Lügenmeldungen“.

Wörter sind an sich weder wahr noch falsch, sondern werden es erst in einem bestimmten Zusammenhang.

Helmut Berschin, Sprachwissenschaftler

Was kennzeichnet ein „Unwort“? Die Jury begründet ihre Wahl meistens damit, das Wort sei für eine Personengruppe „diffamierend“ oder bezeichne eine Sache „schönfärberisch“, „irreführend“ und „sachlich falsch“. Salopp ausgedrückt: Die Unwörter sind Lügenwörter.

Aber lügt ein Atheist, wenn er „Gott sei Dank!“ oder „Grüß Gott!“ sagt? Nein; denn diese Formulierungen sind nicht wörtlich zu verstehen. Wörter sind an sich weder wahr noch falsch, sondern werden es erst in einem bestimmten Zusammenhang. Die Jury interpretiert ‒  zumindest für den normalen Deutschsprecher ‒  viel zu viel in ihre Unwörter hinein: (seine) Hausaufgaben (machen), das zweitplatzierte Unwort 2015, ist eine umgangssprachlich übliche Wendung dafür, dass jemand seine Verpflichtungen erfüllen soll. Bezogen auf die griechische Regierung ist das zwar nicht diplomatisch ausgedrückt, aber deswegen noch kein Unwort, das diese „zu unmündigen Schulkindern [degradiert]“.

Fragwürdige Wahl durch die Jury

Manche Unwörter sind Fachbegriffe, also Wörter mit einer präzis festgelegten Bedeutung. Hier führt die von der Jury praktizierte Überinterpretation nicht nur zu fragwürdigen Bewertungen, sondern zu falschen. Das Unwort „sozialverträglicher Stellenabbau“ (1995) ist ein arbeitsrechtlicher Fachbegriff, der bedeutet, betriebsbedingte Entlassungen möglichst zu vermeiden (durch Nichtbesetzung offener Stellen, Vorruhestand, Altersteilzeit) oder deren Folgen abzumildern (durch Umschulung, Abfindung). Im günstigsten Fall ‒ wie beim VW-Konzern, der in den nächsten Jahren 30 000 Stellen abbaut ‒ kommt es zu überhaupt keinen Entlassungen. Die Bewertung der Jury ‒ „schönfärberische Umschreibung für Entlassungen“ ‒ ist sachlich abwegig und nach ihren eigenen Kriterien „diffamierend“ für Betriebsräte, welche im Einzelfall die Bedingungen eines „sozialverträglichen Stellenabbaus“ mit dem Unternehmen vereinbaren.

Die „Volksverräter“

Auslöser für die Wahl des Unwortes 2016, „Volksverräter“, war vermutlich folgender Vorfall bei der Feier zur Deutschen Einheit am 3. Oktober 2016 in Dresden:

Die Kanzlerin, Bundespräsident Joachim Gauck und andere Gäste wurden vor dem Festakt von mehreren hundert Demonstranten beschimpft und angepöbelt; […] sie riefen Volksverräter, Haut ab und Merkel muss weg.

ZEIT-online, 3. Oktober 2016

Die Einschätzung der Jury, das Wort Volksverräter sei gegenüber Politikern “in einer Weise undifferenziert und diffamierend, dass ein solcher Sprachgebrauch […] die für die Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft abwürgt“, ist richtig: „(Volks)verräter“ ist ein Feindwort, und mit Feinden diskutiert man nicht. Aber wenn die Demonstranten in Dresden „Nazi“ gerufen hätten, wäre das nicht anders. Es gibt viele Feindwörter, und „Verräter“ ist in vielen Sprachen und Kulturen beliebt. Zum Beispiel wurde US-Präsident Obama oft als traitor, traitor-in-chief, traitor to the United States und Ähnliches beschimpft: Bei Google findet man hierzu mehr als eine halbe Million Einträge.

Der beliebte Nazi-Vergleich

Warum hat die Jury eine so abgedroschene Beschimpfung wie „Volksverräter“ zum Unwort des Jahres befördert? In der Begründung wird zweimal ein Nazi-Vergleich verwendet: Das Wort sei „ein typisches Erbe von Diktaturen, unter anderem der Nationalsozialisten“, und „der Wortbestandteil Volk“ stehe „ähnlich wie im Nationalsozialismus nicht für das Staatsvolk als Ganzes, sondern für eine ethnische Kategorie, die Teile der Bevölkerung ausschließt“.

In der deutschen politischen Diskussion ist der Nazi-Vergleich ein sehr beliebtes Mittel ‒ vor allem dann, wenn einem nichts Besseres einfällt. Die Jury übersieht, dass der „Volksverräter“ einen demokratischen Ursprung hat. Die Demokratiebewegung vor 1848 bezeichnete damit die herrschenden „Aristokraten“ und „Fürstenknechte“. Der Historiker Treitschke schrieb hierzu:

Die Presse war [damals] gewohnt, jeden, der am preußischen Hofe ausgezeichnet wurde, als einen Volksverräter zu brandmarken.

Heinrich von Treitschke, Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert, 1894.

Dass im 20. Jahrhundert Diktaturen ihre Gegner gerne als „Volksverräter“ bezeichneten und verurteilten, ist bekannt. Aber warum nennt die Jury in Bezug auf Deutschland nur die NS-Diktatur und nicht auch die kommunistische der DDR?

Moralisch überlegen

Die Bedeutung von „Volk“ ist vielfältig: Es bezeichnet eine Menschengruppe („auf der Straße drängte sich das Volk“), eine ethnisch-sprachliche Gemeinschaft („das Volk der Basken“), die Bevölkerung sowie die Staatsangehörigen eines Landes. Das „Deutsche Volk“, von dem laut Grundgesetz (Art. 20, Abs. 2) „alle Staatsgewalt [ausgeht]“, meint das Staatsvolk, also die 73,5 Millionen (Stand: 2015) deutschen Staatsangehörigen. Dieses „Staatsvolk“ ist nicht gleichzusetzen mit der „Bevölkerung“, nämlich den 82,2 Millionen Einwohnern Deutschlands. Falls die Jury mit dem „Staatsvolk als Ganzes“ alle Einwohner Deutschlands meint, liegt sie außerhalb des Grundgesetzes; falls nicht, müsste sie sagen, was sie damit meint? Jedenfalls sollte sie die gewünschten “notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft“ zum „Themenfeld Migration“ nicht mit Nazi-Vergleichen überlasten.

Wie ist nun die Aktion „Unwort des Jahres“ zu bewerten? Politisch dürfte die Wirkung gering sein. Aber auch wissenschaftlich bringen die Urteile der Jury keine Erkenntnis, mehr noch: Die sprachlichen Fakten werden häufig schief oder falsch dargestellt und gelegentlich gefälscht. Aber was soll’s? Hauptsache, das moralische Überlegenheitsgefühl stimmt! Der Rest darf dann auch ‒ mit dem „Wort des Jahres 2016“ ausgedrückt ‒ „postfaktisch“ sein.

Der Autor

Prof. Dr. phil. habil. Helmut Berschin ist ein deutscher Sprachwissenschaftler. Er war zuletzt ordentlicher Professor für Romanische Philologie an der Universität Gießen und setzt sich für die Bairische Sprache ein.