Tihange am Fluss Meuse: Der Druckbehälter des Reaktors soll tausende angeblich ungefährliche Risse aufweisen. (Bild: Imago/Reporters/Jean Marc Quinet)
Tihange am Fluss Meuse: Der Druckbehälter des Reaktors soll tausende angeblich ungefährliche Risse aufweisen. (Bild: Imago/Reporters/Jean Marc Quinet)

Ziel sei ein Abkommen für eine ständige und verlässliche Zusammenarbeit, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) nach einem Treffen mit dem für Reaktorsicherheit zuständigen belgischen Innenminister Jan Jambon und Energieministerin Marie-Christine Marghem. Hintergrund der Gespräche sind Pannen in den beiden grenznahen belgischen Atomkraftwerken Doel 3 und Tihange 2. Die Reaktoren waren nach Zwischenfällen vom Netz genommen worden und auch bei der erneuten Inbetriebnahme lief nicht alles glatt. In Zukunft seien nun auch gegenseitige, grenzübergreifende Inspektionen in Kraftwerken geplant, sagte Hendricks weiter. Im März solle eine gemeinsame Arbeitsgruppe auf Fachebene zusammenkommen. Zuvor werde Belgien eine Liste mit Fragen beantworten, die Deutschland im Januar an die belgische Atomaufsicht übergeben hatte. „Wir sind weiterhin besorgt, was den Zustand der beiden Reaktorblöcke angeht“, sagte Hendricks. Beide wiesen zahlreiche Risse auf, die Probleme seien noch nicht vollständig ausgeräumt.

Wir hätten es begrüßt, wenn die beiden Reaktorblöcke nicht wieder angefahren worden wären.

Barbara Hendricks, SPD, Bundesumweltministerin

Belgien hat an den Standorten Doel (Doel 1 bis 4) und Tihange (Tihange 1 bis 3) insgesamt sieben Atomreaktoren. Doel ist rund 150 Kilometer, Tihange rund 70 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Schon 2003 hatte Belgien, dessen Strombedarf zu rund 55 Prozent durch Kernenergie gedeckt wird, den Atomausstieg beschlossen. Doch die Regierung versäumte seither den Aufbau einer alternativen Stromversorgung. Der Meiler Doel 1 war zwar am 15. Februar 2015 heruntergefahren worden, weil er seine vorgesehene Laufzeit von 40 Jahren erreicht hatte. Belgiens Mitte-Rechts-Regierung beschloss jedoch im Juni 2015, ihn sowie Doel 2 bis zum Jahr 2025 weiterlaufen zu lassen. Tihange 1, seit 1975 in Betrieb, ist der älteste der drei Reaktoren in Tihange und sollte ursprünglich ebenfalls 2015 vom Netz gehen. Schon 2012 entschied die Regierung, seine Laufzeit bis 2025 zu verlängern.

Tausende Mikrorisse in den Druckbehältern

Experten halten einen schweren Störfall in den belgischen AKWs zwar für unwahrscheinlich, man muss also nicht gleich in Hysterie verfallen. Von „tickenden Zeitbomben“, wie NRW-Grünen-Vorsitzende Mona Neubaur artikulierte, kann laut den Experten nicht gesprochen werden. Zutreffender könnte die Bezeichnung „Bröckel-AKW“ sein, die Nordrhein-Westfalens grüner Umweltminister Johannes Remmel verwendete. 2012 mussten zwei der sieben Reaktorblöcke an den beiden Standorten Doel und Tihange monatelang stillgelegt werden, zunächst im Sommer Doel 3, im September Tihange 2. Die Reaktorbehälter sind baugleich. Bei Ultraschalluntersuchungen der Reaktordruckbehälter hatten Experten tief im Stahl rund 10.000 seltsame Mikrorisse festgestellt. Im Mai 2013 erhielt der Betreiberkonzern Electrabel dann die Erlaubnis der Atomaufsicht für ein Wiederhochfahren. Pikant: Der Leiter der Atomaufsicht war zuvor ab 2004 Leiter der Atomanlage Doel.

Doch nach erneuten Materialtests wurden die Reaktoren im März 2014 wieder stillgelegt. Die neuen Untersuchungen, die im Februar 2015 bekannt wurden, erhöhten die Zahl der „Risse“, die sich in unregelmäßigen Gruppen im Stahl der geschmiedeten Stahlringe verteilten, auf mehr als 16.000. Statt 8062 waren es jetzt genau 13.047 in Doel, während in Tihange die Zahl von 2011 auf 3149 zunahm. Der größte Riss war neun Zentimeter lang. Eine internationale Expertenkommission wurde eingesetzt. Das Ergebnis: Die 16.000 Risse – sie sollen Wasserstoff-Flocken aus dem Schmiedeprozess sein – seien zu 99,75 Prozent harmlos, begründete die belgische Atomaufsicht FANC die von ihr im November 2015 ausgestellte erneute Betriebsgenehmigung. Die Materialfehler waren höchstwahrscheinlich von Beginn an vorhanden, wurden durch den Schmiedeprozess verursacht, also nicht durch den Betrieb der Kernkraftwerke, und sind erst durch verbesserte Diagnosemethoden erkennbar geworden, so das Urteil. Die Bruchfestigkeit des Reaktorbehälters sei „nur leicht reduziert“ und liege immer noch eineinhalbfach über dem vorgeschriebenen Grenzwert.

Wie beruhigend: 0,25 Prozent der Risse sind also nicht harmlos, das wären immerhin 40 gefährliche Risse. Oder wurde da was falsch verstanden? Die Medien verspotten das Kraftwerk seitdem als „ziemlich sicher“.

Zweifel bleiben

Anders lautete ein Gutachten der Grünen: Danach hätten sich die Materialfehler nach neuen Erkenntnissen während des Betriebs gebildet oder zumindest vergrößert. Hans-Josef Allelein, Professor für Reaktorsicherheit und -technik an der RWTH Aachen, sagte in der Zeitung „Die Welt„, die gemeldeten Risse in den Druckbehältern gingen nicht durch die mindestens 20 Zentimeter dicke Stahlhülle hindurch, sondern seien lediglich innen am Druckbehälter feststellbar. „Was mich aber besorgt ist, dass sich die ,Risse‘ in der jüngsten Vergangenheit vermehrt haben“, so Allelein in Bezug auf die neueren Untersuchungen. Auch die neunköpfige Expertenkommission in Belgien kam in ihrer Untersuchung der Reaktorrisse nicht zu einem einstimmigen Urteil.

40 Grad heißes Wasser wird also im Notfall zum Kühlen verwendet?

In einem Minderheitsvotum äußerte der deutsche Ingenieur Helmut Schulz, der bei der „Gesellschaft für Anlagen und Reaktorsicherheit“ 30 Jahre lang für Komponentensicherheit zuständig war, dass die „Sicherheitsmarge“ von den Experten zu hoch angesetzt worden sei. Denn geprüft wurden nur vergleichbare Stahlstücke, die vom Reaktoraufbau vor 40 Jahren übrig waren. Diese sind laut Schulz aber mit weniger Phosphorgehalt versehen als der tatsächliche Druckbehälterstahl. Dies könnte aber Auswirkungen auf die Sicherheit des Stahles haben. In ganz Europa gibt es 11 weitere baugleiche Reaktorbehälter (auch in Schweden, Schweiz, Niederlande), weltweit 22. Obendrein berichtete der WDR, dass in Tihange 2 und Doel 3 das Notkühlwasser seit 2012 auf über 40 Grad Celsius vorgeheizt werden müsse, um den rissigen Reaktorbehälter nicht durch große Temperaturunterschiede zu beschädigen. Sollte hier eine Panne geschehen oder sollten die Heizaggregate ausfallen, könnten theoretisch größere Risse entstehen oder im schlimmsten Fall die Hülle bersten. 40 Grad heißes Wasser wird also im Notfall zum Kühlen verwendet? Keine beruhigende Aussicht trotz der Temperaturunterschiede zur Reaktorhitze.

Beide Risse-Reaktoren durften jedenfalls auf Anordnung der belgischen Atomaufsicht FANC im Dezember 2015 wieder angefahren werden.

Pleiten und Pannen

Es begann zugleich eine dicht gestaffelte Pannenserie in mehreren belgischen Kernkraftwerksblöcken. In Tihange-1 kam es kurz vor Weihnachten 2015 zur automatischen Schnellabschaltung, weil eine Schalttafel Feuer gefangen hatte. In Doel-3 leckte am 25. Dezember eine Heißwasserleitung im konventionellen Teil des Kraftwerks, bei deren Reparatur auch noch ein defekter Schalter für die Stromversorgung der Anlage gefunden wurde. In Doel 1 gab es ein Problem bei einer großen Turbine im nicht-nuklearen Teil der Anlage. Der Anlagenbetreiber schloss in jedem dieser Fälle jegliche Gefährdung für Mitarbeiter und Umgebung des Kraftwerks aus. Dies scheinen jedoch nur die bisher letzten der zahlreichen Vorfälle der letzten Jahre zu sein. So war etwa der Reaktorblock Doel 4 im August 2014 vom Netz genommen worden, nachdem aus einer Stromturbine tausende Liter Schmieröl ausgelaufen waren. Sowohl Electrabel als auch die Atomaufsichtsbehörde gingen von einem Sabotageakt aus.

Brände im Monats-Rhythmus, Risse im Reaktordruckbehälter, Funde von Weltkriegsbomben, ungeschultes Sicherheitspersonal, undichte Kühlwasserbehälter.

Oliver Krischer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag

Im Februar 2013 etwa wurde auf dem Kraftwerksgelände Tihange in der Nähe eines Verwaltungsgebäudes eine Weltkriegsbombe entdeckt. Allerdings ist es auch so, dass jeder noch so kleine Vorfall in Atomkraftwerken gemeldet werden muss. Zudem kann ein kleines Teil in der Riesenmaschinerie eines Atomkraftwerks schon eine Stilllegung erzwingen. So kann schnell der Eindruck einer unglaublichen Serie von „Unfällen“ entstehen, selbst wenn nur Verschleißteile ausgetauscht werden mussten. An den gravierenden Vorfällen ändert dies jedoch nichts.

Seit 6. Januar 2016 sind alle sieben Reaktoren in Belgien wieder am Netz. Der Betreiber Electrabel weist darauf hin, dass man „jedes Jahr Hunderte Millionen Euro“ schon allein in das Kraftwerk Doel investiere.

„Flickschusterei“

Die deutsche Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hatte nach Bekanntwerden der Pannenserie in den beiden AKWs von „Flickschusterei“ gesprochen. „Wir sind besorgt, ob die erforderliche Reaktorsicherheit dieser Anlagen in vollem Umfang gewährleistet ist“, schrieb Hendricks. Die Bundesregierung werde speziell die Wiederinbetriebnahme der Reaktorblöcke Tihange 2 und Doel 3 „aktiv und kritisch hinterfragen“.

Wir spüren, dass der Druck wächst, und wir hoffen, dass sich politisch jetzt so viel auf Landes-, Bundes- und Europaebene bewegt, dass am Ende Tihange 2 gestoppt wird.

Marcel Philipp, CDU, Oberbürgermeister von Aachen

Die Städteregion Aachen führt nun gemeinsam mit Greenpeace und Kommunen aus Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen sowie den Niederlanden eine Klage gegen das AKW Tihange bei Lüttich (Liège) an – gegen dessen Laufzeitverlängerung und für eine Abschaltung. Auf breiter Ebene haben sich hier Kreise und Kommunen aus Rheinland-Pfalz und den Niederlanden angeschlossen. „Wir müssen dieses Signal des gemeinsamen Protestes klar artikulieren. Wir spüren, dass der Druck wächst, und wir hoffen, dass sich politisch jetzt so viel auf Landes-, Bundes- und Europaebene bewegt, dass am Ende Tihange 2 gestoppt wird“, betonte Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU).

Langfristig unbewohnbar?

Ein Atomunfall in Belgien könnte schnell auch Teile von Nordrhein-Westfalen verstrahlen, nur drei Stunden bräuchte die Wolke im ungünstigsten Fall aus dem 80 Kilometer entfernten Tihange nach Aachen. Einer Studie der Universität für Bodenkultur in Wien zufolge werde die Stadt dann vermutlich „langfristig unbewohnbares Gebiet“. Denn die Folgen eines GAUs sind langwierig: Im Bayerischen Wald sind heute noch deutliche Rückstände des Tschernobyl-GAUs von 1986 festzustellen, dessen radioaktive Wolken auch in großen Teilen Bayerns abregneten. Und das seinerzeit sowjetische AKW liegt 1600 Kilometer von Ostbayern entfernt in der heutigen Ukraine!

Auch Köln und Düsseldorf könnten bei entsprechenden Windverhältnissen bei einem belgischen Atomunfall bedroht sein – und Westwind ist üblich in der Region. Man stelle sich vor, welches Chaos auf den ohnehin verstopften Autobahnen des Rhein-/Ruhrgebiets im Falle einer Massenflucht entstehen würde. Im Dezember 2015 gab es deshalb bereits die erste Notfallübung in der Region. OB Philipp will außerdem die 300.000 Jod-Tabletten, die bisher in der Apotheke der Aachener Uni-Klinik lagerten, vorsorglich an Schulen und Kindergärten verteilen lassen, da ihre Einnahme einen gewissen Schutz gegen die Aufnahme radioaktiver Stoffe nach einem Atomunfall bietet. Das Dreiländereck dürfte neben dem Großraum London die am dichtesten besiedelte Region Europas sein. Sicher ist jedenfalls: Von allen Kernkraftwerken in Europa ist Doel das mit der am dichtesten besiedelten Umgebung – in einem Umkreis von 75 Kilometern leben etwa neun Millionen Menschen.

Erdbeben am Niederrhein

Ein wenig beachteter Aspekt bei den Tihange-Atomkraftwerken: Die seismischen Aktivitäten. Schon der Oberrheingraben, der etwa zwischen Frankfurt und Basel verläuft, gehört zu den seismisch aktivsten Gebieten in Europa nördlich der Alpen. „Er ist Teil eines ausgedehnten Grabensystems, das sich von der Nordsee über die Niederrheinische Bucht und das Rhonetal bis nach Korsika und Sardinien erstreckt und eine Schwächezone in der sonst relativ stabilen Eurasischen Platte darstellt“, so Prof. Dr.-Ing. Bernhard Heck vom Geodätischen Institut der Universität Karlsruhe. Die „Niederrheinische Bucht“ dagegen erstreckt sich etwa von Bonn bis Emmerich am Rhein an der holländischen Grenze. Daran schließt sich wiederum der Niederländische Zentralgraben an. Zwar liegt das 80 Kilometer Luftlinie von Aachen entfernte AKW Tihange nicht direkt in diesen Grabenzonen, es ist jedoch nicht völlig auszuschließen, dass es von Ausläufern eines größeren Erdbebens getroffen werden könnte. Eine Gefahr für das AKW besteht vermutlich aber dennoch nicht. 1992 bebte es unter Roermond in den Niederlanden mit einer Magnitude 5,9 und beschädigte auch Gebäude bei Aachen. 2002 gab es ein Stärke-4,9-Erdbeben bei Alsdorf nordöstlich von Aachen. Zuvor bebte es stärker beispielsweise 1951 in Euskirchen am Niederrhein, 1878 in Tollhausen am Niederrhein und 1756 in Düren am Niederrhein.