Von wegen "hygge": In unserem kleinen charmanten Nachbarland Dänemark gerät die Gemütlichkeit in Gefahr. (Bild: imago/McPhoto)
Von wegen "hygge": In unserem kleinen charmanten Nachbarland Dänemark gerät die Gemütlichkeit in Gefahr. (Bild: imago/McPhoto)

„Gemütlichkeit und Geselligkeit“ ist ein zentraler dänischer Wert. Das ist das Ergebnis einer großen Internet-Umfrage, die Dänemarks Ex-Kulturminister Bertel Haarder veranstaltet hat, um die zehn bedeutsamsten Werte herauszufinden, die Dänemark für die Dänen so dänisch machen. Erst hat er 2425 Vorschläge gesammelt und mit Experten daraus 20 zur Abstimmung gestellt. 66.000 Dänen haben dann per Internet-Abstimmung die zehn dänischen Top-Werte ermittelt: den „Dänemark-Kanon“, ähnlich der von der CSU geforderten Leitkultur. Das Ergebnis soll in den Schulunterricht einfließen, Zuwanderern bei der Integration helfen und womöglich beim Einbürgerungstest eine Rolle spielen. Am kommenden Freitag soll das Ergebnis offiziell werden. Doch ein paar der Werte aus Haarders neuem „Danmarkskanon“ sind schon öffentlich geworden: Freiheit, Wohlfahrtsstaat, christliches Erbe, Liberalität, Gleichheit vor dem Gesetz, die dänische Sprache, Gleichberechtigung der Geschlechter. Und eben das Adjektiv „hygge“, die dänische Formel für Gemütlichkeit, geselliges Miteinander und Wohlbehagen. Worüber nun hierzulande die Medien schmunzeln: die Dänen halt. Gemütlichkeit als Wert.

Jahrelange bittere Wertedebatte

Aber: fehl gelacht. Hinter Haarders Dänemark-Kanon steckt eine schon jahrelang und bitter geführte Wertedebatte – im kleinen harmlosen Dänemark. Im großen Völkerwanderungsjahr 2015 hat Dänemark schnell zur Notbremse gegriffen: Kopenhagen hat die Grenze nach Deutschland scharf kontrolliert und etwa in arabischen Zeitungen im Libanon große Anzeigen geschaltet, die über das strenge dänische Asyl-, Einwanderungs- und Familienzusammenführungsrecht informierten. Klare Botschaft an syrische und andere Migranten: Kommt besser nicht zu uns.

Es ist kein Rassismus, wenn man sich die Unterschiede klar macht – es ist dumm, es nicht zu tun.

Bertel Haarder, ehemaliger dänischer Kulturminister

Kulturminister Bertel Haarder hat damals Kopenhagens Haltung freimütig begründet: Muslime hätten sich in Dänemark nicht so gut integriert wie Europäer oder manche Asiaten. Unter anderem, weil ihre patriarchalische Kultur die Freiheit der Rede nicht akzeptiere und nicht zuließe, dass Frauen außerhalb des Hauses arbeiten. So gab ihn kürzlich die US-Tageszeitung New York Times wieder. Haarder: „Es ist kein Rassismus, wenn man sich die Unterschiede klar macht – es ist dumm, es nicht zu tun.“ Er meinte kulturelle Unterschiede. Der Kulturminister weiter: „Wir tun ihnen [den muslimischen Migranten, A.d.V.] einen großen Gefallen, wenn wir klar und offen darüber reden, in was für ein Land sie hier gekommen sind, und was unsere grundlegenden Werte sind.“

Wir tun ihnen einen großen Gefallen, wenn wir klar und offen darüber reden, in was für ein Land sie hier gekommen sind, und was unsere grundlegenden Werte sind.

Bertel Haarder

Wenn Haarder – und die allermeisten Dänen – heute über ihre Werte reden, dann geht es immer um zumeist mohammedanische Zuwanderung aus der Dritten Welt. Denn die macht ihnen wachsende Sorgen. Bis in die 60er Jahre hinein war Dänemark ein weitgehend homogen bevölkertes Land: Unter damals 4,6 Millionen Dänen befanden sich etwa 14.000 Ausländer. 2014 waren es unter 5,6 Millionen Dänen knapp 480.000 Einwanderer. Von denen fast 280.000 aus nicht westlichen Ländern stammten – vor allem Gastarbeiter aus der Türkei und sogenannte Flüchtlinge aus Irak, Palästina, Libanon, Pakistan oder Somalia. Als Folge dieser Entwicklung ist der Islam jetzt mit etwa vier Prozent der Bevölkerung zweitstärkste Religion in Dänemark.

Moschee als IS-Reisebüro

Diese Zuwanderung vielfach sehr konservativer Muslime bescherte dem kleinen skandinavischen Land die üblichen Begleitphänomene: Einzug von uneuropäischen Scharia-Vorstellungen, Zwangsehe, Kinderbräute – und den Dschihad: Einer Darstellung der britischen Wochenzeitung The Economist vom September 2014 zufolge stellte ausgerechnet das harmlose kleine Dänemark mit 100 Dschihadisten in Syrien und Irak nach Belgien das zweitgrößte Kontingent von Gotteskriegern aus Europa. Im Juni darauf schrieb die Londoner Tageszeitung The Daily Telegraph schon von 150 dänischen Dschihadisten – 27 auf eine Millionen Dänen (Deutschland: 7). Der Sprecher einer Moschee in Dänemarks zweitgrößter Stadt Aarhus hatte 2014 allen Ernstes gesagt: „Ein islamischer Staat ist, was Muslime immer wollten, und deswegen müssen wir den IS unterstützen“ (Focus). Allein aus dem Umfeld der Moschee in Aarhus sind fast 30 Dschihadisten nach Syrien und in den Irak aufgebrochen, sagt der muslimische dänische Politiker Naser Khader und beschreibt die Moschee als „Reisebüro des Islamischen Staates“.

Der Karikaturen-Krieg

Spätestens seit der Krise um die sogenannten Mohammed-Karikaturen ist die Stimmung zwischen den Dänen und vielen ihrer muslimischen Zuwanderer schwierig. Im September 2005 hatte die Kopenhagener Tageszeitung Jyllands-Posten ein Dutzend Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Dänische Imame, die mit solcher Presse- und Gedankenfreiheit nicht leben konnten, stellten ein Dossier zusammen, fügten ein paar besonders provokante Dinge hinzu, die mit der Jyllands-Posten gar nichts zu tun hatten. Damit reisten sie dann durch den Mittleren Osten, um die islamische Welt gegen Dänemark aufzuhetzen. Was ihnen auch gelang: Bei Krawallen in muslimischen Ländern gab es über 100 Tote. Die Dänen haben das nicht vergessen. In Ex-Minister Haarders Werte-Kanon haben sie jetzt „Liberalität“ dagegen gesetzt.

Angeblich moderate Moscheen: Scharia pur

Wieder einmal besonders übel aufgestoßen ist den Dänen die kulturelle Kluft zwischen ihnen und vielen muslimischen Zuwanderern Anfang diesen Jahres: Mit versteckter Kamera hatte der dänische Fernsehsender TV2 in dänischen Moscheen aufgezeichnet, was angeblich moderate dänische Imame und Islam-„Gelehrte“ so predigen oder ihren Gläubigen bei Gewissensfragen raten: „Wenn eine verheiratete oder geschiedene Frau Unzucht treibt, und sie keine Jungfrau ist, dann sollte sie zu Tode gesteinigt werden“; „wenn jemand seine Ehe bricht, ob Mann oder Frau und sie Ehebruch betreiben … dann sollten sie zu Tode gesteinigt werden“, „wenn jemand einen Muslim tötet, dann sollten sie getötet werden.“ So klang es ziemlich gleichlautend in sechs Moscheen. Dazu kamen die Scharia-Anweisungen, dass Frauen sich mit der Polygamie abfinden, ihren Männern immer zur Verfügung stehen müssen und dass sie eine Scheidung von einem gewalttätigen Ehemann natürlich nicht bekommen können.

Wenn eine verheiratete oder geschiedene Frau Unzucht treibt, und sie keine Jungfrau ist, dann sollte sie zu Tode gesteinigt werden.

Prediger in der Grimhoj-Moschee in Aarhus (TV2, Focus)

Das alles klang wirklich nicht nach dänischen Werten. Die Sache wurde nicht besser dadurch, dass dann 31 dänische Moschee- und Islamverbände nicht etwa Einsicht zeigten, sondern die TV2-Dokumentation angriffen und dem Sender vorwarfen, ihre Integrationsarbeit von 30 Jahren zerstört und schweren gesellschaftlichen Schaden angerichtet zu haben.

Die Sendung passte gut zu einer Umfrage, deren Ergebnisse die Tageszeitung Jyllands-Posten im Oktober 2015 veröffentlicht hatte: 40 Prozent der dänischen Muslime seien der Auffassung, dass dänische Gesetze nur auf dem Koran beruhen sollten. Dass man dem Koran aufs Wort folgen sollte, glaubten 77 Prozent – zehn Jahre zuvor waren es nur 62 Prozent gewesen. 50 Prozent, so die Umfrage aus Jyllands-Posten, beteten fünf Mal am Tag – zehn Jahre früher waren es nur 37 Prozent gewesen. Die Muslime in ihrem Lande, erfuhren die Dänen, wurden mit der Zeit nicht weniger religiös, sondern immer mehr. Manche mögen sich daran erinnert haben, dass schon zehn Jahre zuvor radikale Muslime in Dänemark allen Ernstes gefordert hatten, Kopenhagens Einwanderer-Stadtteil Norrebro „zur muslimischen Zone zu erklären, in der die Scharia gelten sollte“ (Walter Laqueur in: Die Welt).

Mittelost-Import: gewalttätiger Antisemitismus

Eine weitere Folge muslimischer Einwanderung nach Dänemark ist ein unerfreuliches Phänomen, das es vorher nie gegeben hat: gewalttätiger Antisemitismus. Im Februar 2015 kam bei einem Anschlag auf die Kopenhagener Hauptsynagoge ein jüdisches Gemeinde-Mitglied ums Leben. Der Täter war ein in Dänemark geborener Palästinenser.

Wir raten Israelis, die nach Dänemark kommen und in die Synagoge gehen wollen, mit dem Aufsetzen der Kippa zu warten, bis sie die Synagoge betreten haben, und sie nicht schon auf der Straße zu tragen, unabhängig davon, ob die Gegend, die sie besuchen, als sicher gilt.

Arthur Anvon, Israels Botschafter in Dänemark (2012)

Im März 2013 hatte die amerikanische Online-Zeitung Slate vom Selbstversuch eines jüdisch-dänischen Journalisten in dem schon erwähnten ehemaligen Arbeitervorort und jetzt eben stark muslimisch geprägten Kopenhagener Stadtteil Norrebro berichtet: Der Journalist war einfach nur mit Kippa in Norrebro spazieren gegangen und prompt in sehr bedrohliche Situationen geraten. Schon im November 2012 hatte Israels Botschafter in Dänemark jüdischen Reisenden geraten, in der Öffentlichkeit nicht laut Hebräisch zu sprechen, David-Stern-Schmuck zu verbergen und die Kippa besser zusammengefaltet in die Tasche zu stecken. Als „Import aus dem Mittelostkonflikt“ bezeichnet ein dänischer Journalist den neuen dänischen Antisemitismus und folgert in Slate: „Multikulturalismus funktioniert als Ideologie einfach nicht.“

Kosten der Einwanderung

Einwanderung hat ihren Preis. Was zu einem anderen der Begriffe im Danmarkskanon von Minister Haarder führt: „Wohlfahrtsstaat“. Denn den bringen Dänemarks „nicht westliche“ Einwanderer in eine spürbare Schieflage. Schon 2006 wies der amerikanisch-jüdische Historiker Walter Laqueur – er hatte sich 1938 über Dänemark aus NS-Deutschland retten können – darauf hin, dass „Immigranten aus Nordafrika und dem Nahen Osten“ in Dänemark „nur fünf Prozent der Bevölkerung ausmachten, aber etwa die Hälfte der Sozialleistungen beanspruchten“.

Immigranten aus Nordafrika und dem Nahen Osten machen in Dänemark nur fünf Prozent der Bevölkerung aus, beanspruchen aber etwa die Hälfte der Sozialleistungen.

Walter Laqueur, deutschstämmiger US-Historiker

Offiziellen statistischen Angaben aus dem Jahre 2014 zufolge lag 2013 die Beschäftigungsrate nicht westlicher Einwanderer um gut 20 Prozentpunkte unter der der einheimischen Bevölkerung. Ein Ministerienbericht rechnete 2011 vor: Migranten aus nicht westlichen Ländern kosteten den Staat jährlich umgerechnet 2,3 Milliarden Euro, während Einwanderer aus dem Westen jedes Jahr knapp 300 Millionen Euro in die Staatskasse spülten. Was nicht zuletzt der Grund dafür war, dass sich die Dänen ab 2004 Europas schärfstes Einwanderungsrecht zugelegt haben. Der Presseagentur Reuters zufolge haben sie im Jahr 2015 nur 20.000 Migranten aufgenommen.

Im Jahr 2012 wurden genau 12,9 von 1000 Dänen als Straftäter verurteilt, aber 54,3 von 1000 Immigranten – und 114,4 von 1000 somalischen Einwanderern.

Dänisches Justizministerium

Auch die Kriminalitätsrate der Einwanderer beunruhigte die Dänen: Sie lag um 53 Prozent höher als bei der dänischen Vergleichsbevölkerung, sagt wieder Dänemarks Statistik für das Jahr 2014. Dem dänischen Justizministerium zufolge wurden im Jahr 2012 genau 12,9 von 1000 Dänen als Straftäter verurteilt, aber 54,3 von 1000 Immigranten – und 114,4 von 1000 somalischen Einwanderern. Beunruhigend: Unter nicht westlichen Einwanderern der zweiten Generation – also in Dänemark geborenen Einwandererkindern – ist bei Bandenverbrechen, Einbrüchen und Gewalttaten die Rate nicht gesunken, sondern gestiegen – in den Jahren seit 2007 um 60 Prozent. Das rechnete vor zweieinhalb Jahren die englischsprachige dänische Wochenzeitung The Copenhagen Post vor. Dänemarks Justizministerin schlug daraufhin vor, Eltern von auffälligen Kindern das Kindergeld zu kürzen.

Die dänische Gemütlichkeit, heißt das alles, ist in Gefahr. Vielleicht gelingt es den Dänen aber, ihre Werte nun konsequent durchzusetzen. Wenn es dafür nicht schon zu spät ist.