Aktuelle Ausgabe: Jahrgang 65, Nr. 31, 1. August 2014

Ende einer goldenen Ära

Zum 100. Todestag von Prinzregent Luitpold (1821-1912) – Würdevoller Landesvater – Von Luitgard Löw

Als Prinzregent Luitpold von Bayern am 12. Dezember 1912 im Alter von 91 Jahren verstarb, herrschte in Bayern große, echte Trauer. Nach über einem Vierteljahrhundert der Regentschaft endete eine Ära, die bis heute in vielen Köpfen als das goldene Zeitalter des Landes gilt. Viele Anekdoten und Geschichten der Volksnähe und Güte ranken sich um den Prinzregenten Luitpold und zeichnen das Bild eines gerechten und würdevollen Landesvaters.

Ein zugänglicher Regent, der jedoch bei Hofe auf ein strenges Zeremoniell und die Einhaltung alter Hierarchien achtete: Prinzregent Luitpold in der Rittertracht des St.-Hubertus-Ordens in einem Ölgemälde von Georg Papperitz. Ein zugänglicher Regent, der jedoch bei Hofe auf ein strenges Zeremoniell und die Einhaltung alter Hierarchien achtete: Prinzregent Luitpold in der Rittertracht des St.-Hubertus-Ordens in einem Ölgemälde von Georg Papperitz.

Als fünftes Kind des damaligen Kronprinzenpaares Ludwig von Bayern und Therese von Sachsen-Hildburghausen geboren, war die große Verantwortung, die ihm in seinen späteren Lebensjahren zukommen wür­de, nicht absehbar. Früh begann seine Ausbildung, die ihn auf eine militärische Laufbahn vorbereiten sollte. Bereits mit 14 Jahren wurde er zum Hauptmann der Artillerie befördert. Sein Vater, König Ludwig I., bestand weiter darauf, dass eine Ausbildung für höhere Dienste folgte. Als Ludwig I. im Zuge der Unruhen des Jahres 1848 und der Lola-Montez-Affäre abdankte, folgte Luitpolds ältester Bruder Maximilian auf den bayerischen Thron. Während dessen Regierungszeit hielt sich Luitpolds politisches Engagement in Grenzen.

Nach dem überraschenden Tod Max II. und dem Regierungsantritt Ludwigs II. über­nahm Prinz Luit­pold repräsentative Aufgaben, insbesondere mit dem zunehmenden Rückzug Ludwigs II. aus der Öffentlichkeit. Am Deutschen Krieg von 1866 nahm Luitpold als Kommandeur der 3. Division teil, im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 vertrat er Bayern im Großen Hauptquartier. Zu Kriegsende fiel ihm die Aufgabe zu, den sogenannten „Kaiserbrief“, ein Handschreiben seines Neffen König Ludwig II., an König Wilhelm I. zu überreichen. Prinz Luitpold war auch der Repräsentant Bayerns bei der Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 in Versailles.

Als sich im Frühjahr 1886 die Krise um König Ludwig II. zuspitzte, übernahm Prinz Luit­pold die Regentschaft für seinen Neffen und nach dessen Tod für den jüngeren Bruder Otto, der zwar regierungsunfähig, aber dennoch offiziell bayerischer König war. Diese Situa­tion änderte sich bis zum Tod des Prinzregenten nicht.

Die Entmündigung Ludwigs II. und die nicht eindeutig geklärten Todesumstände des Mon­archen im Starnberger See machten Luitpolds Annahme der Regentschaft zu einem problematischen Unternehmen. Bis heute halten sich Gerüchte, der Prinzregent hätte sich an den Ereignissen um Entmündigung und Tod Ludwigs aktiv beteiligt. Der Prinzregent verstand es jedoch, trotz der Vorbehalte die Bevölkerung für sich zu gewinnen. Er begnügte sich mit einer repräsentativ-präsidialen Funktion und verkörperte mit seiner bescheidenen Lebensführung ein volkstümliches Lebensgefühl. Die Regierungsführung überließ er weitgehend den mehrheitlich national-liberalen Ministern. Trotz seiner eher unpolitischen Haltung bemühte er sich um die Überwindung des Kulturkampfes und für eine Sonderstellung Bayerns im deutschen Kaiserreich, wenngleich er der Integration Bayerns ins Deutsche Kaiserreich nicht viel entgegensetzen konnte.

Prinzregent Luitpold war im Gegensatz zu seinem Vater Ludwig I. kein Autokrat. Die Bauleidenschaft fehlte ihm und sie wäre nach Ludwig II. geradezu verhängnisvoll gewesen. Die Gebäude der Prinzregentenzeit zeigen sich zweckmäßig und großbürgerlich behäbig. Auch in seinem Regierungsstil war der Prinzregent zurückhaltend und spielte die unpolitisch-politische Rolle, die ihm sein Minister Johannes von Lutz vorgegeben hatte und die vollständig seinem Wesen entsprach. Luitpold stützte das Machtgefüge und vermied es, verändernd oder gestaltend einzugreifen.

Die Medien inszenierten mit der Prinzregentenzeit eine Epoche, in deren Zentrum Prinz Luitpold stand. Seit 1864 verwitwet, nahm er Feste, Einweihungen, Denkmalenthüllun­gen, volkstümliche Veranstaltungen oder Jagden in ganz Bayern wahr, stand für Heimatverbundenheit und war mit seiner „schiachen Joppen“, der Lederhose sowie dem Hut mit dem Gamsbart kaum von den anderen Teilnehmern der Jagdgesellschaften zu unterscheiden. Besonders beliebt war er aufgrund der vielen kleinen Geschenke, die er direkt verteilte und die häufig den Kindern zugute kamen.

War er für viele ein zugänglicher Regent, so galt doch bei Hofe ein strenges Zeremoniell, das ganz auf Exklusivität ausgerichtet war und alte Hierarchien aufrecht hielt. Die mediale Präsenz jedoch festigte das Ansehen des Prinzregenten, das in Liedern, Festschriften, Huldigungen und feierlichen Reden seinen Niederschlag fand.

Als Mäzen förderte der Prinzregent Kunstgewerbe und Kunst und gründete 1891 die Prinzregent-Luitpold-Stiftung für die Vergabe von Stipendien an Künstler und Handwerker. Er förderte be­sonders junge, eher unbekannte Künstler, wobei er zumeist den etablierten Kunstrichtungen zugetan blieb. Das Zitat „München leuchtete“ aus Thomas Manns vielbemühter Novelle Gladius Dei (1902) lässt sich zweifellos auf das München der Jahrhundertwende übertragen, das zur wichtigsten bayerischen Handels- und Verkehrsstadt aufgestiegen war und als pulsierendes Kunstzentrum Schriftsteller, Maler, Architekten und Intellektuelle aus ganz Europa anzog, darunter etwa auch Lenin.

Den Prinzregenten umgab eine Aura ungekünstelter Autorität, die ihm, verbunden mit seinem hohen Alter und seiner straffen militärischen Haltung, das Image eines weisen, milden und doch disziplinierten Regenten bescherte. Es gelang ihm, das Haus Wittelsbach, das in den Turbulenzen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Ansehen verloren hatte, mit dem bayerischen Volk zu versöhnen. Bereits zu seinen Lebzeiten wurden ihm zu Ehren Denkmäler errichtet sowie Straßen, Parks und eine Torte nach ihm benannt. Die Prinzregen­ten­torte aus mehreren Lagen dünner Biskuitböden und Schokoladenbuttercreme ist bis heute in Bayern sehr beliebt. Eine rege Produktion von Memorialwaren aus Porzellan, Glas und Papier sorgten, unterstützt durch eine gute Hofberichterstattung, für eine breite Präsenz bis in kleinbürgerliche und ländliche Bereiche.

Der Tod des Prinzregenten und der nur zwei Jahre später einsetzende Erste Weltkrieg markieren das Ende der „guten, alten Zeit“ – einer Friedenszeit, die gleichwohl durch soziale Probleme bereits empfindlich gestört war. Spätestens im Herbst 1918 war die „Welt von gestern“, wie sie Stefan Zweig in seinen Erinnerungen nennt, zu Ende.

PD Dr. Luitgard Löw ist Direktorin des Museums der bayerischen Könige in Hohen­schwangau.

www.museumderbayerischenkoenige.de


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