Aktuelle Ausgabe: Jahrgang 63, Nr. 19, 12.Mai 2012

Inneren Schweinehund überwinden

Zum Weltkrebstag am 4. Februar: Interview mit Landtagspräsidentin Barbara Stamm

München – Der 4. Februar ist Weltkrebstag. Krebs ist nach den Herz-Kreislauf-Erkran­kun­gen in Deutschland die zweithäufigste Todesursache. Landtagspräsidentin Barbara Stamm erkrankte 2008 an einem Tumor. Mit ihr sprach Andreas von Delhaes-Guenther.

Applaus für eine Kämpferin: Der Landtag erhebt sich für Barbara Stamm, als sie am 20. Oktober 2008 zur ersten Landtagspräsidentin in Bayern gewählt wird, nur sechs Monate nach ihrer Krebsdiagnose. Sie trägt noch eine Perücke.Bild: dapd Applaus für eine Kämpferin: Der Landtag erhebt sich für Barbara Stamm, als sie am 20. Oktober 2008 zur ersten Landtagspräsidentin in Bayern gewählt wird, nur sechs Monate nach ihrer Krebsdiagnose. Sie trägt noch eine Perücke.Bild: dapd

Bayernkurier: Im April 2008 wurde bei Ihnen Brustkrebs festgestellt, mit 25 Prozent die häufigste Tumorart bei Frauen. Wie geht es Ihnen heute?

Barbara Stamm: Sehr gut. Jeden Morgen geht der Blick nach oben mit einem leisen Danke. Nur die Tage vor den Nachsorge-Untersuchungen sind nicht einfach, besonders dann, wenn man aus dem Bekanntenkreis von Rückfällen hört.

Bayernkurier: Wie hart hat Sie die Diagnose getroffen?

Stamm: Ich habe den Knoten damals im Urlaub ertastet, es daher schon geahnt. Trotzdem habe ich gehofft, dass sich die schlimmen Befürchtungen nicht erfüllen. Aber leider traf dann doch die Diagnose Krebs zu. Im ersten Moment hat es mir daraufhin die Füße weggezogen.

Bayernkurier: Sie hatten keine Metastasen, mussten aber eine Chemotherapie und eine Bestrahlung machen. Wie belastend war das für Sie und Ihre Familie?

Stamm: Das war unheimlich belastend. Man lernt schätzen, was Familie und Freunde bedeuten. Ich stand ja 2008 mitten im Wahlkampf, da gingen mir die Nerven oft durch. Und schon vor der ersten Chemo muss man die Entscheidung über eine Perücke treffen, weil man später nicht mehr die Kraft dazu hat. Das Schlimmste war der Tag, als mein Blutbild so schlecht war, dass mir Blut zugeführt werden musste. Später litt ich sehr darunter, keine Haare mehr zu haben, auch wenn man sich daran gewöhnt. Aber ohne Augenbrauen und Wimpern – da mag man sich einfach selber nicht. Und es war schwer, nicht ungerecht zu werden gegenüber Familie und Freunden.

Bayernkurier: Sie sagten mal: „Politik war für mich Therapie.“ Hat Ihnen das wirklich in diesen Wochen geholfen?

Stamm: Ja, das stimmt. Im Wahlkampf konnte ich mich nicht gehen lassen. Man wird gebraucht, man hat Termine. Das hat mir geholfen, den inneren Schweinehund zu überwinden.

Bayernkurier: „Wenn man Kinder hat, hat man Verantwortung. Da kann man sich nicht gehen lassen.“ Dieser Satz stammt vom Grünen Sepp Daxenberger, der 2011 wie seine Frau den Kampf gegen den Krebs verloren hat. Wie hat Ihnen Ihre Familie geholfen?

Stamm: Meine Kinder sind ja schon erwachsen. Um sie musste ich mich nicht mehr kümmern, im Gegenteil: Bei mir haben die Kinder dafür gesorgt, dass sich die Mutter nicht gehen ließ. Meine jüngste Tochter war in Würzburg bei jeder Chemo dabei.

Bayernkurier: Wie nahe ging und geht Ihnen das Schicksal Ihres Kollegen Daxenberger und seiner Familie?

Stamm: Sehr, sehr nahe. Ich habe oft mit ihm gesprochen und voller Bedauern mitverfolgt, wie es ihm immer schlechter ging und sein Kampf gegen den Krebs immer aussichtsloser wurde.

Bayernkurier: Krebs macht 75 Prozent der Deutschen am meisten Angst. Für Krebskranke ist diese Angst Wirklichkeit geworden. Wie gehen Sie mit der Angst um, die vor jeder Nachsorge-Untersuchung an einem nagt?

Stamm: Mein Rezept ist, mich abzulenken. Das gelingt mir am besten, wenn ich viel zu tun habe.

Bayernkurier: Seit 1980 sank der Anteil der Krebskranken, die an ihrem Tumor sterben, bei Frauen um 13 Prozent, bei Männern um 18 Prozent. Wie wichtig sind Vorsorgeuntersuchungen?

Stamm: Vorsorge ist enorm wichtig. Besonders Männer sind da noch viel zu nachlässig.

Bayernkurier: Wie hat der Krebs Ihr Leben verändert?

Stamm: Ich bin ein Stück zufriedener, dankbarer und gelassener geworden.

Bayernkurier: Wichtig für die Forschung wäre ein bundesweites zentrales Krebsregister, das es bis heute nicht gibt. Eine Aufgabe für Sie?

Stamm: Als ich noch Gesundheitsministerin war (1994 bis 2001; die Red.), habe ich das bayerische Register auf den Weg gebracht. Ein Bundeskrebsregister wäre absolut wichtig für die Forschung, besonders für die Forschung danach. Und für die medizinische und psychologische Nach- und Vorsorge.

Bayernkurier: Sie engagieren sich offen im Kampf gegen den Krebs.

Stamm: Ja! Ich bin Mitglied bei „mamazone“, der größten und aktivsten Brustkrebs-Patientinnen-Initiative in Deutschland. Frauen, Ärzte und Wissenschaftler versuchen dabei gemeinsam, die Lebens- und Überlebensperspektiven von Frauen mit Brustkrebs zu verbessern. In Würzburg unterstütze ich die Selbsthilfearbeit speziell für Kinder, deren Mütter oder Väter an Krebs erkrankt sind. Das ist oft eine hohe psychische Belastung für die Betroffenen. Ich engagiere mich aber auch im Selbsthilfebereich für Eltern mit krebskranken Kindern.

Bayernkurier: Sprechen wir über Lebensmut. Was raten Sie Menschen in der gleichen Lage, in der Sie sich befanden?

Stamm: Kämpfen! Nach vorne schauen! Man sagt zu Recht „Kampf“ gegen den Krebs. Und den Menschen im Umfeld kann ich nur raten, bewusst auf Betroffene zuzugehen, wenn man von der Krankheit weiß. Ich tausche mich zum beispiel oft mit meinem Landtagskollegen Jakob Schwimmer aus, der schwerst erkrankt war.

Bayernkurier: Sie treten für den offenen, den offensiven Umgang mit Krebs ein. Zuerst wollten Sie aber auch nicht über Ihre Krankheit sprechen, nicht mal mit ihrer Familie.

Stamm: Das ist richtig. Bis zum Tag der Untersuchung nach dem Urlaub habe ich es niemanden erzählt. Warum sollte ich meine nächste Umgebung in Angst und Sorge versetzen, war mein Gedanke. An dem Tag selber, als ich die Diagnose bekam, habe ich aber meinen Sohn angerufen, der Facharzt für Psychiatrie ist. Er hat mir beigestanden. Anschließend habe ich es der ganzen Familie erzählt. Man darf nicht alles in sich hineinfressen, es hilft sehr, darüber zu reden.

Bayernkurier: Was würden Sie nach Ihren eigenen Erfahrungen verändern in der Krebstherapie in Deutschland?

Stamm: Für den medizinischen Bereich wünsche ich mir vor allem eines: Schwerstkranke brauchen neben der Spitzenmedizin auch Zeit für ein Gespräch mit dem Arzt. Man hat so viele Fragen und Ängste. Diese Zeit fehlt den Medizinern oft. Der Faktor Zeit sollte im Gesundheitswesen eine viel größere Rolle spielen und müsste auch bei der Honorierung einen Niederschlag finden.

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