Kuriose Sammlung mit Aha-Effekt
„Pop Art mit Orangenduft“ im Buchheim-Museum: Kulturgeschichte der Orangenpapiere
Bernried – Wer Lothar-Günther Buchheim kennt, weiß: Der Autor, Künstler und Sammler trug in seinem Leben neben hochkarätiger Kunst auch viel Kurioses zusammen. Die noch bis zum 26. Februar in der kleinen Sonderausstellung „Pop Art mit Orangenduft“ im Buchheim-Museum in Bernried gezeigten Orangenpapiere sind eher den Kuriositäten zuzuordnen – aber es ist erstaunlich, wie viel Wissenswertes Kuratorin Clelia Segieth rund um die Papiere zusammengetragen hat.
Kuriose Sammlung mit Aha-Effekt
Bis ins 19. Jahrhundert waren Zitrusfrüchte nur für wohlbetuchte Bürger und Adelige erschwinglich. Die Früchte wurden hauptsächlich in Süditalien (Sizilien und Kalabrien) sowie Spanien (Valencia) angebaut. Bis sie in Mitteleuropa auf die Märkte kamen, waren jedoch im Schnitt 40 Prozent der Orangen und Zitronen verfault. Irgendwann kamen die Exporteure auf die Idee, die Früchte in Seidenpapier einzuwickeln, um so Scheuerstellen und damit Schimmelpilzbefall zu vermeiden.
Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Papiere mit bunten Mustern und den Namen der Exporteure bedruckt – ein beliebtes Sammelobjekt war entstanden. Viele Kinder schnitten die Motive in der Nachkriegszeit sorgfältig aus und klebten sie in Schulhefte.
Die Marketing-Strategen der Exporteure wussten diesen Umstand schon damals zu nutzen und gestalteten die Orangenpapiere speziell für die Zielgruppen. Für den österreichischen Markt etwa wurde die „Kaiser-Orange“ erfunden – „die Krone der Orangen-Qualität“. In Deutschland wurden Orangen der Marke „Münchner Kindl“ und „Kasperl“ vertrieben. Aber auch Figuren aus Comic-Heften und Zeichentrickfilmen wie Popeye oder Bambi wurden ab den 1950er-Jahren auf die Seidenpapiere gedruckt. Teilweise gab es ganze Fortsetzungsreihen, etwa mit Max und Moritz oder den Bildgeschichten über Vater und Sohn.
Aus heutiger Sicht rassistisch muten jene Orangenpapiere an, auf denen Farbige abgedruckt sind, teilweise auch als entwürdigende Karikatur. Vor allem in Sizilien wurden Blutorangen angebaut. Weil „moro“ im Italienischen nicht nur „schwarz“ bedeutet, sondern auch für Dunkelhäutige steht, wurde die Bezeichnung kurzerhand für die Blutorangen mit ihrem dunklen Fruchtfleisch übernommen. Im Buchheim-Museum sind zum Beispiel Papiere mit dem Aufdruck „Blutstropfen“ zu sehen. Abgebildet ist ein farbiger Boxer, der an Muhammad Ali erinnert, sicher nicht ganz zufällig.
„Die Orangenpapiere spiegeln die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit wider“, sagt Kuratorin Clelia Segieth. „Teilweise haben sie etwas Belehrendes, teilweise sind sie aber auch einfach nur lustig.“ Besonders einfallsreich war die Firma „Struwwelpeter“: Sie druckte in endlosen Serien Fan-Briefe mit voller Adresse auf den Orangenpapieren ab. „Werte Firma Struwwelpeter, Ihre Apfelsinen sind einfach knorke“, schreibt zum Beispiel eine Erna Groelke aus Berlin 12, Sybelstr. 48.
„Pop Art mit Orangenduft“ ist noch bis 26. Februar im Buchheim-Museum in Bernried zu sehen, geöffnet Di-So 10-17 Uhr. An diesem Samstag, 4. Februar, wird im Rahmen der Ausstellung zudem ab 15 Uhr das chinesische Neujahr begrüßt. Die Besucher erfahren Wissenswertes rund um die Orange, die ihren Namen „Apfelsine“ ihrer chinesischen Herkunft verdankt (Apfel-Sine = Apfel aus China). Weitere Informationen unter www.buchheimmuseum.de im Netz.
FC



