Logo Bayernkurier

Ausgabe: Jahrgang 60, Nr. 49, 05. Dezember 2009

Bayernkurier :: Aufforderung für Jedermann

Aufforderung für Jedermann

Artikel aus Rubrik KULTUR-WERTE

Memmingen – Passend zum herbstlichen Memento Mori inszeniert die Memminger Kunsthalle (MEWO) eine ebenso eindrucksvolle wie provozierende Schau. Unter dem Titel „Everybody. Tanz mit dem Totentanz“ zeigt sie, wie unterschiedlich sich Künstler aus 500 Jahren mit dem Thema Vergänglichkeit beschäftigten. Dazu trugen die Memminger etwa 100 Exponate von 50 Künstlern zusammen, auf die allerdings nicht wenige Besucher ablehnend reagieren – Folge auch des Ausstellungskonzepts, das mit makabren Effekten schockiert und gleichzeitig zur Reflexion animiert.

Beim Eintritt stolpert man fast über einen frisch aufgeschütteten Grabhügel. Der Blick hebt sich zur Decke und fällt auf einen Totentanz 30 lebensgroßer Kunststoff-Skelette. Gerippe und Schädel sind auch überreich in Grafiken des Totentanz-Motivs seit dem Mittelalter zu sehen. Drastische Darstellungen von Daniel Hopfer und Hans Holbein zeigen, wie nah Lebenslust und Todesfurcht in Zeiten, da man den Tod noch nicht verdrängte, beinanderlagen. Bernt Notkes berühmtes Totentanzgemälde, das er 1463 für die Lübecker Marienkirche schuf, steht im Zentrum. Im Krieg verbrannt, überlebte dieses Bild lediglich in Abbildungen überwiegend aus dem 19. Jahrhundert. Auf Anregung des Kölner Sammlers Hartmut Kraft in einem Buch zusammengefasst, dienten diese Abbildungen als Grundlage für 25 Künstler, die sich des Themas mit ihren ganz eigenen, modernen Mitteln bemächtigten. Darunter befinden sich so unterschiedliche Positionen wie die von HAP Grieshaber, Ugo Dossi oder Rune Mields. Ergänzt werden diese Arbeiten durch Werke beispielsweise von Max Klinger, Alfred Kubin und Ernst Barlach. Raum für Raum öffnen sich schaurig-schöne Totenkammern, die den Besucher mit oft erschreckenden Bildern konfrontieren: Fotos und Präparate, Inszenierungen des Todes und das Ende als Schlüsselerfahrung des Lebens. Die Schau stößt an Tabus, sie befremdet mit den vielen Blickwinkeln auf diese fremde, dunkle Angelegenheit, die jedes Menschen harrt: Auch heute fordert der Tod Jedermann zum Tanz.

Barbara Reitter

Bis 9. Mai 2010.

Drucken

Fenster schliessen