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Ausgabe: Jahrgang 60, Nr. 44, 31. Oktober 2009

Bayernkurier :: Keine kurzfristige Patentlösung für Afghanistan

Keine kurzfristige Patentlösung für Afghanistan

Diskussionen über noch mehr Nato-Truppen sind nicht zielführend – Von Reinhard Erös
Artikel aus Rubrik GASTKOMMENTAR
Keine kurzfristige Patentlösung für Afghanistan
Dr. Reinhard Er

Noch nie in der Geschichte der Nato haben sich Vier-Sterne-Generale in der Öffentlichkeit so heftig widersprochen wie in der Lagebeurteilung Afghanistan.

Im Sommer 2006 erklärte Nato-Oberbefehlshaber James Jones: „Die Zeiten, dass die Taliban wieder nach Afghanistan zurückkehren, sind endgültig vorüber.“ 18 Monate später fordert der Ex-Isaf-Kommandeur General McNeal: „Wir benötigen mindestens 300000 Mann, um die Aufständischen in den Griff zu bekommen.“ Heute glaubt General McChrystal, mit 40000 zusätzlichen Truppen würde er der Lage Herr werden.

Präsenz und Einfluss der Aufständischen haben sich den vergangenen drei Jahren vervierfacht. Karzai und seine Regeirung „herrschen“ nur noch in 10 Prozent des Landes ungestört. Der Schlafmohn-Anbau verläuft weiterhin „prächtig“ und finanzierte 2009 mit einem Milliarden-Ertrag aus 7000 Tonnen Opium die Taliban, ausländische Terrorgruppen und Drogenbarone. Der Nachschub an Taliban-Kämpfern aus West-Pakistan und seinen mehr als 2500 radikalen Koranschulen scheint nahezu grenzenlos.

Da ist es nicht verwunderlich, dass sich bei uns die politisch Verantwortlichen zunehmend ratlos zeigen und kaum in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen. Eine kurzfristige Patentlösung gibt es nicht mehr. Dazu wurden in der Vergangenheit zu viele Fehler gemacht. Hilfe beim Aufbau von Sicherheit und der Entwicklung zu Prosperität Afghanistans benötigt also einen langen Atem:

• Schaffen von Sicherheit nach Innen und Außen: Die Afghanen müssen mittelfristig ihre innere und äußere Sicherheit selbst in die Hand nehmen (können). Priorität in der Aufgabenstellung der Isaf-Truppenstellenden Nationen muss daher eine umfassende Ausbildung schlagkräftiger afghanischer Grenztruppen und rechtsstaatlich handelnder Polizei haben. Diese sind adäquat auszurüsten und menschenwürdig zu bezahlen.

• Legitime und rechtsstaatlich handelnde Regierung: Die eigene Regierung muss von der Bevölkerung durch korrekte Wahlen als legitim anerkannt werden und Politiker und Gesetzeshüter sich selbst an Recht und Gesetz halten.

• Dezentralisierung und Einbinden der Bevölkerung beim Wiederaufbau: Der historisch dezentral orientierten Staatsstruktur muss beim Wiederaufbau Rechnung getragen werden. Hier hat „Hilfe zur Selbsthilfe“ im Vordergrund zu stehen.

• Perspektive für die Jugend: Die Hälfte der afghanischen Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Diese Jugend – der Zukunftsgarant am Hindukusch – benötigt eine Perspektive mit guter schulischer und beruflicher Ausbildung und ordentlich bezahlten Jobs, soll sie nicht den islamistischen Rattenfänger in die Hände fallen.

Über 400 Milliarden Dollar haben die Nato-Staaten seit 2001 in den Einsatz der eigenen Truppen investiert, weniger als 35 Milliarden in den zivilen Aufbau. Diskussionen über noch mehr Nato-Truppen bei gleicher Strategie sind nicht zielführend. Entscheidend ist das Vertrauen der afghanischen Bevölkerung und ihrer Jugend in ihre Zukunft. Noch ist es nicht zu spät eine positive Wende herbeizuführen.

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