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Regierungsbezirk Schwaben

Aktuelle Ausgabe: Jahrgang 61, Nr. 36, 11. September 2010

 

Zum Nachdenken bleibt keine Zeit

Nach dem Erdbeben auf Haiti war für Walter Kinach sofort klar: Er fliegt hin und hilft
Zum Nachdenken bleibt keine Zeit
Die Suche in den Trümmern ist oft lebensgefährlich.Bilder (2): MHW /fkn

Waldmünchen – Mehr als 170000 Todesopfer hat das Erdbeben auf Haiti gefordert. Weltweit brachen kurz nach der Katastrophe Freiwillige auf, um nach Überlebenden zu suchen und den Opfern zu helfen. Walter Kinach aus Waldmünchen ist einer von ihnen.


Als am 12. Januar um 16.53 Uhr Ortszeit in Haiti die Erde zittert, haben Walter Kinach (41) und seine Riesenschnauzer-Hündin Aileen gerade einen Lehrgang in Trümmersuche hinter sich gebracht. Zehn Flugstunden und sechs Zeitzonen vom Bayerischen Wald entfernt knicken Strommasten wie Streichhölzer ein, ganze Wohnblöcke fallen wie Kartenhäuser in sich zusammen. Innerhalb von Sekunden verwandelt ein Erdbeben die Hauptstadt Port-au-Prince in ein Trümmerfeld.

Kurze Zeit später weiß auch Kinach von dem Unglück. Als zweiter Vorsitzender der Rettungshundestaffel Bayerwald und Vorsitzender des Deutschen Rettungshundevereins bekommt er den Alarm auf sein Handy geschickt. Noch in der Nacht – wegen der Zeitverschiebung von sechs Stunden ist es in Deutschland bereits sehr spät am Abend – setzt sich Kinach an den Computer und recherchiert alle Informationen über Haiti, die er bekommen kann.

Denn der Rettungshundeführer weiß: Er und Aileen werden in Haiti gebraucht. Ein Anruf am nächsten Morgen bringt Klarheit. Kinach ist einer von 22 Helfern, darunter fünf Rettungshundeführer mit ihren Tieren, die vom Medizinischen Katastrophen-Hilfswerk Deutschland (MHW) nach Haiti geschickt werden. „Die Vorbereitungen gingen sofort auf Hochtouren los“, erzählt der Rettungs­hundeführer.

Nach nur 24 Stunden Vorbereitungszeit fliegt das Spezialistenteam mit drei Tonnen Ausrüstung und Material mit Air Berlin in die Dominikanische Republik. Kinach ist voll des Lobes für die Fluglinie. „Die haben sich wahnsinnig gekümmert.“ Die Hunde dürfen während des Fluges bei ihren Herrchen in der Kabine bleiben, damit sie die Reise möglichst stressfrei überstehen. Vom Flughafen Punta Cana aus machen sich die Helfer auf dem Landweg nach Haiti auf.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. „Nach 72 Stunden haben Verschüttete keine Überlebenschance mehr, wenn sie keinen Zugang zu Wasser haben. Der Körper vertrocknet dann“, sagt Kinach. Doch schon an der Grenze zu Haiti wird der Konvoi aufgehalten. In einem kleinen dominikanischen Krankenhaus bei Jimani geht es zu wie in einem Feldlazarett. Ständig werden neue Erdbebenopfer aus Port-au-Prince mit Hubschraubern eingeflogen. Überall warten Schwerverletzte auf ihre Versorgung, es fehlt an allem, auch an Narkosegas.

Als zwei Kinder mit einer Teil­amputation und einer tödlichen Wundinfektion eingeliefert werden, bleibt nur eine Notoperation als letzte Rettung. Doch die Ärzte des Krankenhauses sind völlig überfordert. „Die haben gar nicht mehr gewusst, wohin mit den Verletzten.“ Also springt das MHW-Team ein und versorgt die Kinder. „Das waren Eindrücke, die an die Grenze gingen“, berichtet Kinach. Erst in den frühen Morgenstunden verlassen die deutschen Helfer das Notlager an der Grenze.

Mehr als drei Tage nach dem Beben erreicht das Team die Hauptstadt von Haiti. 30 Minuten nach Ankunft am Flughafen bricht das Team zum ersten Einsatz auf. Unter dem Trümmerhaufen einer Textilfabrik in der Nähe der Universität waren am Vortag noch Stimmen gehört worden. Doch die Retter kommen zu spät. Die Hunde finden die Verschütteten schnell, aber sie sind schon tot.

Gedanken an die vielen Todesopfer schüttelt Kinach ab. „Wenn man vor Ort ist, steigert man sich in die Arbeit rein und macht seinen Job. Da bleibt keine Zeit zum Nachdenken.“ Außerdem arbeiten Mensch und Hund absolut konzentriert. Be­lastend ist der Einsatz trotzdem. „Man kann sich bei so vielen Toten nicht an einem Einzelschicksal festhalten. Trotzdem haben wir abends in lockerer Runde schon versucht, einen Schnitt zu machen und über das Erlebte zu reden. Auch den Geruch der Toten muss man wieder aus der Nase bekommen.“

Am zweiten Einsatztag finden die Retter ebenfalls nur Leichen. Sie haben den Auftrag, ein ganzes Viertel abzusuchen. Unter den Trümmern einer teilweise eingestürzten Schule werden noch Überlebende vermutet. Kinach schickt seine Aileen, mit zweieinhalb Jahren die jüngste Hündin im Team, in das einsturzgefährdete Gebäude – extremer Stress für Mensch und Tier.

„Das ist auch für die Hunde eine riesige Belastung. Sie müssen auf einen Schlag viele neue Eindrücke verarbeiten und sie spüren die Nachbeben viel früher als wir Menschen“, sagt Kinach. Auf einem kleinen Lastwagen mit 20 fremden Personen auf unbequemen Kisten zu sitzen, sei schon für Menschen schwer genug. „Außerdem spüren die Hunde die Angst und die Abneigung der Einheimischen. Das ist wirklich sehr, sehr schwer für sie.“

In der eingestürzten Grundschule lebt niemand mehr. Aileen kann erkennen, ob jemand noch lebt, das hat sie in ihrer Ausbildung gelernt. „Mehrere Tage alte Leichen ignoriert Aileen einfach“, sagt Kinach. Jeder Hund, der in Haiti dabei ist, hat zwischen 1000 und 2000 Übungsstunden hinter sich.

Dennoch kann das deutsche Team helfen. Die Freiwilligen gehen von Haus zu Haus und fragen die Erdbebenopfer, ob und welche sie Hilfe brauchen. Viele werden medizinisch behandelt. „Es gab Leute, die haben fünf Tage nach dem Erdbeben noch keine Retter gesehen. Auch Verletzte waren medizinisch noch unversorgt“, erzählt Kinach.

Das Team sucht das ganze ihnen zugewiesene Viertel systematisch nach Verschütteten ab. „Das ist wichtig, um wieder Normalität in den Alltag der Menschen zu bringen“, sagt Kinach. „Wenn klar ist, dass niemand mehr unter den Trümmern liegt, können die Häuser abgebrochen und die Schuttberge abgetragen werden. Dann geht dort das Leben wieder weiter.“ Dennoch gibt es für ihn und seine Aileen nach drei Tagen Einsatz nicht mehr viel zu tun. Unter den Trümmern werden kaum noch Überlebende gefunden, zudem sind die Hunde an ihrer Belastungsgrenze angelangt.

Zurück in seiner Heimat Waldmünchen, geht Walter Kinach wieder seiner Arbeit als Elektriker nach – und übt 15 bis 20 Stunden pro Woche ehren­amtlich mit Aileen. Auch seine Frau ist Rettungshundeführerin. Neben Aileen besitzt die Familie auch noch die Landseer Hündin Taja, die auf die Suche von Vermissten spezialisiert ist. Selbst die Kinder im Alter von sechs und zwölf Jahren gehen manchmal schon zum Hundetraining mit. „Man muss für dieses Ehrenamt leben“, sagt Kinach. Geld bekommt er für sein Engagement keines. Auch wenn das deutsche Team in Haiti keine Menschenleben retten konnte, wertvoll war der Einsatz trotzdem. „Man muss das positiv sehen, wir haben gute Arbeit geleistet“, sagt Kinach. Das sehen auch die Überlebenden in Port-au-Prince so. „Vielen Dank, Deutschland“, rufen sie dem Team immer wieder zu. Dank der vielen internationalen Helfer können sie sich nun daran machen, wieder zurück in den Alltag zu finden.

Florian Christner

Der Deutsche Rettungshundeverein und das Medizinische Katastrophen-Hilfswerk freuen sich über Spenden, damit sie ihre ehrenamtliche Arbeit fortführen können:


Deutscher Rettungshundeverein

VR Bank Würzburg

BLZ 790 900 00

Kto. 57 36 56 0

Medizinisches Katastrophen-Hilfswerk

Hilfe für Haiti

Bank für Sozialwirtschaft

BLZ 700 205 00

Spendenkonto 2233


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