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Regierungsbezirk Schwaben

Aktuelle Ausgabe: Jahrgang 61, Nr. 36, 11. September 2010

 

Mit scharfer Analyse und Mutterwitz

Der Politische Aschermittwoch in Passau gehört zur CSU wie der Fisch zur Fastenspeise – Von Hannes Burger

Alle Jahre wieder kommt die Frage auf, ob im Zeitalter der Medien-Demokratie und der neuen salbadernden Streitkultur in Talkshows so kraftstrotzende, oft polemische Kundgebungen wie der Politische Aschermittwoch noch angebracht sind. Muss die CSU diesen von ihr bundesweit bekannt gemachten Kult mit der „offenen Aussprache“ noch pflegen? Wo doch heute jede Pamperl-Partei von Finsterau bis Flensburg – ohne Bezug zum christlichen Fest und historischen Brauch – am gleichen Tag Versammlungen abhält mit dem zugkräftigen Namen „Politischer Aschermittwoch“!

Bayern ist ein moderner Industriestaat und Hightech-Standort mit bäuerlicher Landwirtschaft. Der Freistaat steht trotz aller Krise wirtschaftlich gut genug da, um fast alleine – mit kleinem Anteil aus Baden-Württemberg – den Finanzausgleich für ein Dutzend klamme Bundesländer zu finanzieren – darunter nie lebensfähige. Politik am Aschermittwoch dagegen kommt aus der Tradition des Agrarlandes, speziell aus Niederbayern, wo früher reiche Bauern die „reichen Herzöge“ von Landshut ernährt haben. Hier fanden am Ende des Winters Viehmärkte statt, einer davon am Aschermittwoch in Vilshofen. Die Bauern haben sich im Wirtshaus aufgewärmt und ihre Geschäfte begossen. Das haben Politiker genutzt, um über Probleme der Landwirtschaft, Berliner Preispolitik und schlechte Zeiten zu jammern und zu wettern. Dies hatte hohen Unterhaltungswert und starke Sprüche wie scharfe Attacken auf politische Gegner wurden zuhause gern weiter­erzählt.

Nach dem Krieg war der Politische Aschermittwoch in Vilshofen erst eine Domäne der Bayernpartei, die sich mit der CSU ein Konkurrenz-Spektakel lieferte. Das wiederholte sich später mit der SPD, bis die CSU dank ihres redegewaltigen Volkstribuns Franz Josef Strauß die Oberhand gewann. Wegen des Zulaufs zog die CSU 1975 nach Passau um in die mit 8000 Plätzen viel größere Nibelungenhalle.

Die Bayern-SPD hat seit jeher das gleiche Problem wie alle Nachahmungstäter. Wo zugkräftige Redner fehlen, müssen Matadore aus der Bundespolitik geholt werden. Das allein wird in Bayern schon als Schwäche der Filialleiter gewertet. Aber viele feine Parteiführer aus Bonn oder Berlin haben sich arg geniert, auf das „niedere Niveau“ des ländlichen Publikums herabzusteigen, das derbe Späße über die CSU erwartet. Roten wie grünen Wahlkämpfern aus Berlin sind zudem bayerische Interessen weder bekannt noch wichtig. Die Zuhörer wollen aber keine staatsmännischen Vorträge hören, auch keine aufgewärmten Wahlkampfsprüche mit abfälligen Pointen über doofe Bayern, die alle Segnungen des Öko-Sozialismus nicht begreifen.

Gefragt ist vielmehr – und das erklärt den anhaltend großen Zulauf für die CSU auch in der modernen Passauer Dreiländerhalle – Politik in Bayern und für Bayern in Deutschland und Europa. Aber in klarer Sprache ohne Schnörkel.

Doch auch in der CSU sind volkstümliche und rhetorisch brillante Spitzenpolitiker nicht die Regel, die Kundgebungen für 2000 oder 5000 Zuhörer mit scharfer Analyse und Mutterwitz, aber ohne Bösartigkeit, mitreißen können. Im Gegensatz zu Reden in einem Café oder Nebenzimmer erfordern so große Versammlungen nicht nur eine überzeugende Politik, sondern für die Stimmung beim Publikum im Saal auch gröbere Kaliber an Lautstärke und deftigen Pointen. Das irritiert Zuhörer außerhalb dieser Stimmungskulisse – am Fernseher: „Warum schreit der Onkel so und ist so zornig?“

Aber auch wenn der Politische Aschermittwoch in Passau nur wenig in die Welt der Fernsehformate passen will und die Stimmung sich via Bildschirm nur bedingt ins Wohnzimmer überträgt. Der poltische Aschermittwoch in Passau gehört zur CSU wie der Fisch zur Fastenspeise oder der Laptop zur Lederhose. Solange die CSU die Tradition weiterpflegt, treten andere Parteien als Echo auf. Und solange andere Parteien den Backstage-Chor für die CSU abgeben, wird das Polittheater jedes Jahr eine Neuinszenierung in Passau bekommen.


Der Autor kennt sich mit deftigen Reden aus: Lange Jahre verfasste er die Salvatorreden für das Politiker-Derbleckn am Nock­herberg. Außerdem arbeitete er als Journalist für die Süddeutsche Zeitung und Die Welt. Als Schriftsteller verfasste er zahlreiche Werke unter anderem zu den Themen Geschichte und Satire.


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