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Report Thema:
Pharma - Biotechnologie

Aktuelle Ausgabe: Jahrgang 61, Nr. 35, 04. September 2010

Report Thema: Pharma - Biotechnologie

 

Intelligente Netze: Das Internet der Energie

Umweltpolitiker Markus Blume: Neue Netze helfen alternative Energien zu nutzen, und sparen damit Kohle und Kernkraft
Intelligente Netze: Das Internet der Energie
Intelligente Netze helfen viel Energie

München – Noch ist unklar, wann alternative Energien die Versorgung Deutschlands übernehmen können. Gewiss ist aber eines: Die Hochspannungsnetze müssen dafür aufgerüstet werden – nicht unbedingt in Sachen Leistung, sondern hin zu einem „intelligenten Netz“. Über die Zukunft der Stromversorgung sprach Wolfram Göll mit dem Umweltpolitiker und Sprecher der Jungen Gruppe der CSU im Landtag, Markus Blume.


Bayernkurier: Wie muss man sich ein intelligentes Energienetz vorstellen? Sitzt da Daniel Düsentrieb im Umspannwerk?

Markus Blume: Daniel Düsentrieb eher nicht, wohl aber etwas Kommunikationstechnik. Ein intelligentes Energienetz muss man sich vorstellen als ein Netz, in dem eben nicht nur Strom, sondern auch Informationen ausgetauscht werden. In Deutschland spricht man deshalb auch vom Internet der Energie, in den USA schlicht vom „Smart Grid“.


Bayernkurier: Was bringt das dem Verbraucher?

Blume: Intelligente Stromnetze helfen Energie effizienter einzusetzen. Ein Teilaspekt ist dabei das sogenannte „Smart Metering“, zu deutsch: der intelligente Stromzähler. Die meisten Menschen in Deutschland wissen doch gar nicht, wann sie wie viel Strom verbrauchen. Mit einem digitalen Zähler, der fernauslesbar ist, ließe sich nicht nur das Ablesen vereinfachen und eine monatliche Stromabrechnung einführen. Man könnte auch über seinen eigenen PC sehen, wann wo wieviel im Haushalt verbraucht wird. Diese Transparenz kann nach den Erfahrungen von Ländern wie Italien helfen, den Stromverbrauch um ein Zehntel zu senken.


Bayernkurier: Wie weit ist die Entwicklung intelligenter Netze in Deutschland gediehen? Und wer ist Technologieführer?

Blume: Ehrlich gesagt, wir stehen da noch am Anfang. Aber Energiekonzerne und Hersteller im Bereich Energietechnik wurden aufgeschreckt. Immerhin kann ab 1. Januar 2010 als erster Schritt in Neubauten der Einbau von fernauslesbaren Zählern verlangt werden. Leider hat der Bund aber vergessen, Vorgaben zu machen, was die Zähler genau können sollen. Das müssen wir schnellstens ändern, und zwar so, dass eine Generation von Zählern vorgeschrieben wird, die alle Anforderungen an ein intelligentes Netz erfüllen. Die Zeit drängt, denn Länder wie die USA kündigen milliardenschwere Investitionen in diesem Bereich an. Ich würde sagen, wir haben in Deutschland eine sehr gute Netzinfrastruktur, sind aber dabei, die Einführung der nächsten Generation zu verschlafen. Dies wäre mehr als schade, immerhin haben wir hier mit den großen Energiekonzernen und Herstellern wie Siemens ein eminentes industriepolitisches Interesse. Vielleicht schlägt aber auch die Stunde von neuen, innovativen Unternehmen.


Bayernkurier: In einem heißen Sommer sind mehrere Kraftwerke ausgefallen, es kam zu großflächigen Stromausfällen, weil nicht genug Kühlwasser aus den Flüssen zur Verfügung stand. Wird dieses Problem mit intelligenten Netzen behoben?

Blume: Intelligente Stromnetze sind zumindest wichtig für die dezentrale Einspeisung von Strom, die um so relevanter wird, je weniger von den sogenannten Grundlastkraftwerken am Netz sind. In einer Situation wie von Ihnen geschildert hätte die Einspeisung von Strom aus regenerativen Energiequellen große Bedeutung. Dann kann es tatsächlich dazu kommen, dass sich in einzelnen Regionen die Richtung des Stromflusses auch umkehrt, dass also an einem Ort mehr Strom dezentral zum Beispiel von einer Solar- oder Windkraftanlage eingespeist wird als dort lokal benötigt wird. Um auch in solchen Fällen die Netzstabilität aufrecht zu erhalten, muss unser Stromnetz zum „Smart Grid“ aufgerüstet werden.


Bayernkurier: Kernkraftgegner behaupten, die Kernkraft sei als Brückentechnologie ungeeignet. Sie behindere im Gegenteil die Entwicklung, weil die Stromnetze durch Atomstrom blockiert seien. So sind kürzlich an der Leipziger Stormbörse kurzfristig die Preise für Strom unter Null gefallen, weil zuviel Strom im Angebot war. Wie sehen Sie das?

Blume: Die Kernkraft kann ja die Entwicklung schon deshalb nicht behindern, weil die Einspeisung von Erneuerbarer Energie immer Vorrang hat. Und auch ein negativer Strompreis ist nicht Ausdruck von Marktversagen, sondern Zeichen dafür, dass wir zu bestimmten Zeiten schon ein sehr großes Angebot an grünem Strom haben – aber eben nur punktuell. Im Übrigen halte ich nichts davon, Kernkraft und Erneuerbare Energien gegeneinander auszuspielen. Die Aufgabe muss zunächst lauten, die Kohleverstromung herunterzufahren.


Bayernkurier: Gegner der Förderung alternativer Energien sagen, für jede Kilowattstunde Strom aus Wind- oder Sonnenkraft müsse dieselbe Kapazität aus Kohle oder Kernkraft zur Verfügung stehen für den Fall, dass die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst. Wie können intelligente Netze da helfen?

Blume: Der große Nachteil von Strom aus regenerativen Energiequellen ist in der Tat, dass er nicht unbedingt dann zur Verfügung steht, wenn die Verbraucher ihn benötigen, sondern wenn der Wind bläst oder die Sonne scheint. Wir müssen uns also über Wege zur Energiespeicherung sowie zur Abflachung von Verbrauchsspitzen unterhalten. Für beides hat das „Smart Grid“ eine große Bedeutung. Intelligente Stromnetze erlauben nicht nur eine Steuerung von Verbrauchslasten, sondern auch eine Verstetigung von Strom­angebot und Nachfrage. Anders formuliert: Ein intelligentes Stromnetz wird uns in die Lage versetzen, regenerative Quellen effizienter ans Netz zu bringen – und damit Grundlastkapazität überflüssig zu machen. Wann wir ein flächendeckendes intelligentes Stromnetz haben werden, lässt sich schwer sagen. Der Staat sollte politisch genau vorschreiben, ab wann das Stromnetz wie intelligent sein muss. Speziell Bayern sollte das erste Land mit einem flächendeckenden „Smart Grid“ sein. Es wäre schön, wenn sich dies im Schulterschluss von Politik, Versorgern und Herstellern bis 2015 realisieren ließe.


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