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Regierungsbezirk Schwaben

Aktuelle Ausgabe: Jahrgang 61, Nr. 36, 11. September 2010

 

Füllt die Gefäße des Geistes

Ohne christliche Kultur verliert Europa seine Identit ät – Von Bischof Walter Mixa
Füllt die Gefäße des Geistes
Das Kreuz ist

Es gehört inzwischen zum guten Ton in Politik, Wirtschaft und Kultur, sich zu „Werten“ zu bekennen. Leider wird oft nicht gesagt, von welchen Werten die Rede ist (auch eine Räuberbande hat „ihre“ subjektiven Werte). Bei kritischer Nachfrage ist schnell von Freiheit, Toleranz, Pluralität, Minderheitenrechten, multikulturellen Kon­zepten oder von Demokratie die Rede. „Demokratie“ ist die Entscheidung der Frage, wer regiert. Demokratie allein macht aber noch keine Aussage darüber, wie regiert und nach welchen Grundsätzen Politik gestaltet wird. Pluralität, Toleranz, Freiheit und Minderheitenrechte setzen ihrerseits im politischen Leben voraus, dass eine Gesellschaft und auch ein Staatswesen zunächst einmal eine Vorstellung von sich selbst hat, dass also ein Konsens darüber besteht, welche Inhalte und Vorstellungen vom Menschen die Gesellschaft prägen sollen.


Die Apostelgeschichte berichtet, dass dem Heiligen Paulus bei einer seiner Missionsreisen durch Kleinasien im Traum ein Mazedonier erscheint und ihn auffordert: „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“ Diese Begebenheit, die den Völkerapostel veranlasst, seine Reise durch Kleinasien abzubrechen und erstmals seinen Fuß auf europäi­schen Boden zu setzen, stellt einen weltgeschichtlichen Einschnitt dar: Die christliche Geschichte Europas beginnt – und sie beginnt mit einem Hilferuf.

Die Botschaft von Jesus Christus und das Evangelium von der Liebe Gottes zum Menschen und der Nächstenliebe hat den Zusammenbruch der alten Kulturen und Reiche auf europäischem Boden abgefedert, die Wirren der Völkerwanderung überstanden und der Halbinsel Europa eine einzigartige Kultur geschenkt, die später in die ganze Welt ausstrahlen sollte. Bereits im antiken Römischen Reich fragten sich die Zeitgenossen, was denn die Christen von anderen unterscheide. Die Antwort lautete: „Sie töten keine Kinder, sie betrachten ihre Frauen als gleichwertig und verstoßen sie nicht, und sie kümmern sich um die Alten, Kranken und Armen.“

Das Kreuz Christi als Symbol der Liebe Gottes zu den Menschen, hat die europäische Kultur auf einzigartige Weise humanisiert und ihr am Ende durch alle Irrtümer der europäischen Geschichte hindurch die Menschlichkeit bewahrt. Europa und seine Kulturnationen sind im Wesentlichen eine Schöpfung des christlichen Glaubens. Unser öffentliches Leben und unsere Wirtschafts- und Sozial­ordnung beruht auf den zehn Geboten, der Bergpredigt und dem christlichen Menschenbild.

Wenn wir versuchsweise alles aus Europa und aus unserem eigenen Land herausnehmen würden, was durch christlichen Geist und christlichen Glauben entstanden ist, dann würde sich dieser Kontinent und mit ihm unser eigenes Land in eine geistige, kulturelle und soziale Steppe verwandeln. Allen multikulturellen Phantasien zum Trotz dürfen wir nicht vergessen, dass heute über 85 Prozent der Bürger Europas Christen und mehr als 70 Prozent der Europäer Katholiken sind. Doch in unserer Gegenwart sind Europa und sein christliches Bild vom Menschen durch neue Formen des Heidentums und eines aggressiven Atheismus bedroht. Die Zerstörung und politische Umdeutung von Ehe und Familie, Abtreibung, Euthanasie, Forschung mit embryonalen Stammzellen oder Methoden der künstlichen Befruchtung, die mit der Tötung von Embryonen einhergehen, Genmanipulation und die Ausbeutung des Menschen im Zeichen materialistischer Funktionalität sind solche Bedrohungen und konkreten Angriffe auf die Würde und die Freiheit des Menschen.


Das Kreuz ist ein sperriges Warnsignal auf dem Weg in eine Welt, in welcher der Stärkere den Hilflosen und Schwachen einfach niedertrampeln und seine Rechte ignorieren kann. So wundert es nicht, dass um die Anwesenheit des Kreuzes immer wieder erbitterte Diskussionen stattfinden. Der letzte Höhepunkt dieser symbolhaften Auseinandersetzung ist das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, wonach das obligatorische Kreuz in italienischen Schulen die Klägerin in ihren Menschenrechten verletze. Das Urteil ist eine glatte Missachtung der Kultur Europas und eine Verachtung der Menschenrechte durch die Straßburger Richter und stellt den Menschenrechtsgerichtshof, der eine Institution des Europarates und nicht der Europäischen Union ist, als moralische Instanz selbst in Frage.

Die negativen Reaktionen auf das Kreuzurteil in der italienischen und europäischen Öffentlichkeit zeigen, dass der christliche Glaube nach wie vor für die Mehrheitskultur der Europäer maßgebend ist. Millionen Europäer, auch wenn sie keine Gottesdienstbesucher sind, haben sich dieses Bewusstsein bewahrt. Nicht wenige europäische Staaten führen das Kreuz sogar in ihrem Staatswappen oder in ihrer Fahne. Wenn man das Kreuz aus dem öffentlichen Leben Europas herausnimmt, bleibt vom Geist Europas nur noch ein undefinierbares Vakuum übrig, das mit jeder beliebigen Ideologie aufgefüllt werden kann.

Genau dieses wollten die Verfassungsväter des Grundgesetzes aber verhindern, als sie nach dem menschenverachtenden neuheidnischen Regime des Nationalsozialismus das politische Handeln auf die Verantwortung vor Gott verpflichteten. Wenn wir unsere europäische Kultur nicht selbst zerstören wollen, müssen wir den Grundsatz anerkennen, dass Minderheiten in gewissem Maße im öffentlichen Leben die Kultur der Mehrheit akzeptieren müssen. Die politisch Verantwortlichen wären deshalb gut beraten, das Urteil schlichtweg zu ignorieren. Wieviel Unheil und Leid wäre unserem eigenen Land und Europa erspart geblieben, wenn Christen immer zur rechten Zeit den Mut zum Widerstand aufgebracht hätten.


Nicht wenige politisch Verantwortliche leben heute hinsichtlich der christlichen Werte bildlich gesprochen vom Geruch der leeren Flasche: Sie ahnen zwar die Notwendigkeit christlicher Werte für eine humane Gesellschaft, haben aber Angst davor, diese auch klar und deutlich zu benennen. Wenn Europa, Deutschland und Bayern aber im globalen Konkurrenzkampf der Systeme und Ideen bestehen bleiben wollen, müssen wir die geistigen Gefäße unserer Kultur wieder mit den unverwechselbaren Inhalten unseres christlichen Glaubens auffüllen.


Walter Mixa (68) ist Bischof von Augsburg und deutscher katholischer Militärbischof.


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