Aktuelle Ausgabe: Jahrgang 61, Nr. 36, 11. September 2010
Abschied vom Free TV?
Privatsender wollen ihre Zuschauer f ür die bessere Bildqualität des HD-Fernsehens zur Kasse bitten

Schon lange warten Zuschauer und TV-Gerätehersteller auf den großen Sprung in die neue bessere Fernsehwelt. Mit dem Start der Plattform HD+ will Satellitenbetreiber Astra den neuen, qualitativ besseren Fernsehbildern einen neuen Impuls geben. Die Zuschauer sollen dafür zahlen.
Es tut sich etwas in der deutschen Fernsehlandschaft. Das Privatfernsehen will seine Zuschauer zur Kasse bitten. Bisher galt bei RTL, Sat1, ProSieben und anderen die Geschäftphilosophie, dass ein werbefinanziertes Programm den Charakter des Free-TV ausmacht. In Zeiten der Wirtschaftskrise fließen die Werbeeinnahmen allerdings nicht mehr so üppig. Deshalb soll die nächste Stufe der digitalen Aufrüstung im Fernsehen helfen, die Einnahmesituation der Privaten zu verbessern. Die Programm-Macher wollen mit einer Art Satellitengebühr Kasse machen.
Hintergrund ist der Start der HDTV-Plattform HD+ des Satellitenbetreibers Astra. Sie bietet seit ihrem Start Anfang des Monats Programme von RTL und Vox in der neuen digitalen Bildqualität. Im Januar sollen ProSiebenSat1 und Kabel1 mit ihren HD-Angeboten folgen. Die ersten zwölf Monate will Astra die gestochen scharfen Bilder, die mit geeigneten Receivern und einer so genannten Smart-Card empfangbar sind, kostenlos verbreiten. Danach wird eine jährliche Gebühr von 50 Euro für die Programmnutzung fällig.
Die Jahresgebühr kommt überraschend. Früher gingen die Medienfachleute davon aus, dass der Empfang von HD-Programmen per Monatsgebühr bezahlt werden würde. Doch die Marketingexperten des Satellitenbetreibers wollen herausgefunden haben, dass die Konsumenten lieber einmal im Jahr in die Tasche greifen als zwölf Mal. Timo Schneckenburger, Geschäftführer Marketing der Astra Tochter HD Plus GmbH, ließ sich mit dem Satz zitieren: „Die Zuschauer bevorzugen ein einfaches und transparentes Produkt ohne Abonnement und Registrierung.“
Die Karte steckt meist bereits in den Empfängern und wird mit dem Anschließen des Geräts aktiviert. Die Käufer werden nicht namentlich erfasst. Auch bei der jährlichen Aufladung der Smart-Card sollen keine Kundendaten erhoben werden. Damit verzichtet die Astra-Tochter im Gegensatz zu den Anbietern im Bezahlfernsehen auf personalisierte Kundenbeziehungen.
Die Betreiber achten sehr penibel darauf, die Gebühr nicht als „Programmentgelt“ zu bezeichnen. Es handle sich um eine „Servicepauschale, die für den Mehrwert HD“ fällig werde, betonen sie. Um das zu unterstreichen, erklärt Schneckenburger, der Preis bleibe gleich, auch wenn weitere Sender hinzukommen, die ihre Programme über den Satelliten ausstrahlen wollen. Die Astra-Tochter hat die Rechnung aber offenbar ohne den Wirt gemacht – präziser formuliert ohne den Koch. Die Privatfernsehsender, wollen an der „Servicepauschale“ beteiligt werden. Das bedeutet: Bleibt der Preis für den Empfang mit der neuen hoch auflösenden Bildtechnik konstant, wird der Kuchen mit jedem neuen Programmanbieter bei HD+ kleiner. Ob der Preis dann wirklich konstant bleibt, oder ob er zu klettern beginnt, bleibt dahin gestellt.
Abschied vom Free TV?
Die Gefahr besteht, dass die Anbieter privater Fernsehprogramme sich dann von ihrer bisherigen Geschäftspolitik des Free-TV verabschieden. Wie schwierig es aber ist, Bezahlfernsehen auf dem deutschen Fernsehmarkt zu etablieren, zeigt das Beispiel Premiere, das jetzt unter neuer Regie in Sky umbenannt wurde. Die Sky-Manager sprechen zwar von einem sehr soliden Start. Ihre Bilanz zeichnet sich aber noch durch tiefrote Zahlen aus. Kein Wunder: Marketing-Fachleute wollen herausgefunden haben, dass der durchschnittliche deutsche Haushalt als Budget für Medien maximal 60 bis 70 Euro pro Monat einplant – etwa soviel wie für eine mittlere Handyrechnung. Und das ist mit den Gebühren für öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen und die Kabelgebühren fast schon aufgebraucht.
Der Verteilungskampf um Geld und Werbeeinnahmen dürfte in nicht allzu ferner Zukunft um die Komponente „Gebühren für den Empfang von HDTV“ bereichert werden. Schon rüsten sich die öffentlich-rechtlichen Sender und die Privatsender zum verbalen Schlagabtausch. Jürgen Doetz, Vorsitzender des Verbands privater Rundfunk- und Telemedien (VPRT) empörte sich jüngst in einem Mediendienst darüber, dass „es immer so dargestellt wird, als ob die Privatsender gierig wären, wenn sie so etwas verlangen. ARD und ZDF bekommen in dieser Gebührenperiode 250 Millionen Euro Gebührengelder für die Verbreitung von HD-Programmen. Jetzt stellen die sich hin und tun so, als ob sie das für die Zuschauer alle gratis abgeben, obwohl dies alle, ob sie HDTV sehen wollen oder nicht, mit den Rundfunkgebühren bezahlen.“ Für ihn wäre der Obulus, den die Zuschauer an die Privaten entrichten würden, eine Investition in die Medienzukunft: „Mit der gelernten Nullkostenideologie werden Weiterentwicklungen kaum möglich sein.“ Die Antwort darauf wird sicherlich nicht lange ausbleiben.
Peter Hausmann




